Die Lilien feiern das 2:0 von Tobias Kempe in Regensburg.

Mit fünf Punkten Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz geht Darmstadt 98 in die Winterpause. Selbst der Trainer Torsten Lieberknecht kommt um das Thema "Aufstieg" nicht mehr herum. Was spricht für und was gegen die Lilien?

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Torwart Marcel Schuhen hatte eine klare Botschaft für die Kamera nach dem 2:0-Erfolg der Lilien in Regensburg. "Fünf Punkte", brüllte der Keeper den Vorsprung der Darmstädter auf Rang vier heraus. Das Team überwintert auf dem zweiten Tabellenplatz mit nur einem Zähler Rückstand auf Tabellenführer St. Pauli, der seinerseits mit 0:4 am Böllenfalltor untergegangen war.

Die Tabelle weist die Darmstädter damit klar als einen der Aufstiegsfavoriten aus. Haben die Lilien wirklich das Zeug für den ganz großen Wurf?

Pro

Teamgeist: Sie singen zusammen im Kreis nach dem Spiel und auf den Rückfahrten im Bus, bei denen selbst der Trainer seine Lieder anstimmt. Bei Darmstadt 98 ist der Verweis auf die gute Stimmung im Kader keine Floskel, die Mannschaft bildet schon von Beginn an eine homogene Einheit. Der Fehlstart mit zwei Niederlagen und dem Pokalaus unter dem Eindruck der vielen Corona-Ausfälle hat das Team zusammen geschweißt.

Genau dieses Pokalspiel in München machte Lieberknecht als Wendepunkt aus, durch den die Mannschaft mutiger spielte. Der verletzte Marvin Mehlem hatte seinerzeit die weite Auswärtsreise angetreten, obwohl er nur auf der Tribüne zuschauen konnte - was seine Teamkollegen nachhaltig beeindruckte. Am Sonntag in Regensburg hätte Mehlem eigentlich auflaufen sollen, wandte sich aber ehrlich an den Trainer, dass er sich nicht bei 100 Prozent fühle. "Das war eine große Geste und Marvin ist damit der eigentliche Gewinner des Tages", meinte Lieberknecht. Es sind kleine Begebenheiten, die für die Einheit sprechen.

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Torsten Lieberknecht
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Die Zahlen: Darmstadt 98 stellt mit 41 Toren die beste Offensive der Liga, Luca Pfeiffer und Phillip Tietz bilden das beste Angriffsduo. Nicht weniger beeindruckend trat das Duo in der Innenverteidigung um Patric Pfeiffer und Thomas Isherwood auf. Darmstadt kassierte die zweitwenigsten Gegentore und schaffte sieben Zu-Null-Spiele (mit Nürnberg Bestwert). Das liegt auch am formstarken Marcel Schuhen, den der intern ausgerufene Konkurrenzkampf zu Saisonbeginn angestachelt zu haben scheint - wie übrigens von ihm selbst prognostiziert. So verfügt Darmstadt von allen Aufstiegsaspiranten über das deutlich beste Torverhältnis - das könnte in der Endabrechnung nicht unerheblich sein.

Die Tiefe im Kader: Lieberknecht berichtete am Freitag über seine magischen Momente im ersten Halbjahr. Einer davon war der Austausch mit Verteidiger Clemens Riedel vor dem Spiel beim Hamburger SV. Der Rookie gab sich fast schon unbeeindruckt ob der anstehenden Herkulesaufgabe und vermittelte dem Coach ein gutes Gefühl.

Nicht nur Riedel wuchs mit seinen Aufgaben, Braydon Manu brillierte gegen St. Pauli, Benjamin Goller traf auf Schalke, Aaron Seydel beim Auswärtsspiel in Aue, Tobias Kempe hat seine neue Aufgabe tiefer im Mittelfeld hervorragend angenommen. Zudem musste Darmstadt zu einem großen Teil der Runde mit Tim Skarke und Marvin Mehlem noch auf die Schlüsselspieler aus der vergangenen Rückrunde verzichten. Die beiden gelten fast schon als Neuzugänge, weil Darmstadt an große Transferbewegungen im Winter momentan nicht denkt. Auch diese Ruhe erscheint als großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Contra

Die Aufmerksamkeit: Wer auch immer die Lilien im Laufe des Jahres 2021 noch unterschätzt haben mag, wird 2022 umdenken. Darmstadt gilt nun als eine der Mannschaften, die um den Aufstieg spielen. Direkt das erste Spiel wird zum Topspiel am Samstag um 20:30 Uhr daheim gegen den Karlsruher SC. Darmstadt ist nun endgültig auf der Karte im Aufstiegsrennen.

Die Mannschaft wird im neuen Jahr erst zeigen müssen, ob sie mit dieser veränderten Wahrnehmung umgehen kann. Lieberknecht weiß aus leidvoller Erfahrung, was die "Aufstiegsflatter" mit einem Team anstellen kann. 2019/20 purzelte der MSV Duisburg unter seiner Leitung in der Rückrunde noch aus den oberen Rängen der Dritten Liga.

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Darmstadt bejubelt das 2:0 - Torwart Schuhen mittendrin.
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Die Konkurrenz: Im Gegensatz zu den Lilien haben die Konkurrenten Schalke, Hamburg und Bremen noch weit unter ihren Möglichkeiten performt. Hamburg hat sich gefangen, der S04 zeigte mit den letzten beiden Spielen des Jahres eine aufsteigende Tendenz, Bremen spielt unter dem neuen Trainer Ole Werner wie befreit auf (11:3-Tore in drei Spielen).

Zudem ist wahrscheinlich, dass alle drei Schwergewichte im Winter noch personell nachrüsten. Spitzenreiter St. Pauli hat bislang noch kein einziges Heimspiel verloren - man sollte sich schon mal ein Wochenende vormerken: Rund um den 23. April treten die Lilien am Millerntor an. Spätestens dieses Spiel wird eine Härteprüfung für den Aufstieg.

Die Ausgeglichenheit der Liga: Zwar verfügt Darmstadt über fünf Punkte Vorsprung - allerdings auf gleich mehrere Verfolger. Der HSV, Schalke und Nürnberg stehen bei 30 Punkten, potenziell ins Aufstiegsrennen eingreifen kann aber sogar noch der Tabellenneunte Paderborn mit acht Punkten Rückstand auf Darmstadt.

"Wir müssen immer ans Limit gehen", mahnt Lieberknecht deshalb. Bei den Erfolgen in Paderborn und Regensburg siegte Darmstadt zwar verdient, hatte aber auch in "Kippmomenten" der Partien das Matchglück auf seine Seite gezwungen. Andererseits könnte man auch festhalten: Darmstadt siegte im Stile einer Spitzenmannschaft. Fest steht aber in dieser Liga, dass jede der verbliebenen 16 Partien eng werden kann - egal gegen welchen Gegner.

Fazit: Das Zeug zum Aufstieg hat Darmstadt 98 nach diesem famosen ersten Halbjahr ohne Frage. Die Lilien bieten eine der jüngsten Mannschaften der Liga auf und spielen auch deshalb unbekümmert drauflos. Der große Stresstest der Nerven kommt aber erst noch.