Rüdiger Fritsch, Präsident des SV Darmstadt 98

Zum Jahresende konnte auch Rüdiger Fritsch mal durchatmen. Im Interview spricht der Lilien-Präsident über die Hinrunde des SV Darmstadt 98, erklärt, wo beim VAR noch Luft nach oben ist und was ihn an den Sozialen Medien stört.

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Rüdiger Fritsch
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hessenschau.de: Herr Fritsch, als Anwalt und Vereinspräsident haben Sie im Prinzip zwei Vollzeitjobs. Über eine Pause wie jetzt während der Feiertage dürften Sie sich also gleich doppelt freuen.

Rüdiger Fritsch: Definitiv. Weihnachten und Neujahr sind Zwangspausen, die einem guttun. In meinen Jobs gibt es keine Zeiten, über die man sagt: Jetzt ist mal mehr los oder jetzt ist mal weniger los. Es ist immer was los. Wenn im Fußball nicht gespielt wird, dann sind das fürs Management sogar die arbeitsintensivsten Phasen. Deswegen ist das ganz nett mit Weihnachten.

In der Zweitliga-Tabelle liegt Darmstadt 98 aktuell auf Rang zwölf. Spiegelt diese Platzierung die Hinrunde aus Ihrer Sicht korrekt wider?

Warum manche Spiele so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, das dürfen Trainer und Sportmanager kraft Zuständigkeit beantworten. Aber die generelle Entwicklung des gesamten Vereins hängt natürlich massiv mit dem Fußball zusammen. Wir haben unsere Märchenphase - zwei Aufstiege, zwei Jahre Bundesliga - gut überstanden. Das sage ich bewusst so, denn bei aller Freude über die tollen Erfolge kann man hinterher auch einen großen Kater bekommen. Wir haben von Anfang an gesagt, dass die Etablierung von Darmstadt 98 im Profifußball so oder so eine Wahnsinnsaufgabe ist. Beispiel Infrastruktur: Nachdem jahrzehntelang gar nichts passiert ist, machen wir jetzt auf einen Schlag relativ viel. Mit dem Bau des Funktionsgebäudes und dem Umbau des Stadions machen wir uns zukunftsfähig.

Was die bisherige Saison angeht, können wir soweit zufrieden sein. Die Mannschaft hat aber meiner Meinung nach noch mehr Potenzial, als es die Ergebnisse widerspiegeln. Trainerteam und Mannschaft funktionieren, sodass wir in der Rückrunde eine Perspektive haben, in der wir den einen oder anderen Punkt mehr holen können und wollen. Das muss kurzfristig der Anspruch von Darmstadt 98 sein. Und mittelfristig möchten wir ein Verein sein, der sich in der ersten Hälfte der zweiten Liga etabliert.

Man sollte meinen, dass das bereits in dieser Saison möglich ist. In der Zweitliga-Tabelle sind viele Teams dicht beieinander, der Rückstand der Lilien auf Rang sechs beträgt gerade einmal fünf Punkte.

Man muss auch immer berücksichtigen, welche Mittel wir im Vergleich zu anderen Zweitliga-Teams in die Mannschaft investieren können. Die Diskussion, ob Geld Tore schießt oder nicht, ist eine ewige Diskussion. Kurzfristig schießt Geld nicht immer Tore, perspektivisch allerdings schon. Die Vereine, die mit großen finanziellen Möglichkeiten ausgestattet sind, sind selten im unteren Tabellendrittel unterwegs. Weil wir aber einen gewissen Ehrgeiz haben, bin ich der Meinung, dass wir durchaus mehr Punkte holen können. Und ich möchte jetzt nicht lesen: 'Präsident setzt Mannschaft unter Druck.' Das ist eine Analyse, die alle Verantwortlichen teilen. Der Präsident schwebt nicht über den Dingen.

Nach dem 1:1 gegen den VfB Stuttgart haben wir in unserer Spielanalyse von einer Renaissance der Lilien-Tugenden geschrieben. Endlich wurde in Darmstadt wieder gekämpft, gekratzt, gebissen und ein großer Gegner geärgert. Sehen Sie das auch so?

Nichts gegen die alten Tugenden, aber sie müssen mit den Anforderungen des modernen Fußballs verbunden werden. Bei uns gibt es durchaus auch spielerische Elemente. Von den alten Einschätzungen - lange Bälle, zweite Bälle gewinnen und dann mal gucken, was passiert - sind wir schon länger weg. Wir spielen anständigen Fußball. Und davon mal ab: Die Darmstädter Tugenden brauchen am Ende auch Bayern München oder Real Madrid. Wir sind gut beraten, unseren Weg spielerisch fortzusetzen.

Den Profifußball, in dem Sie den SV98 etablieren wollen, haben Sie mal mit einem Haifischbecken verglichen. Welches Meeres-Lebewesen stellt eigentlich Ihr Verein dar - und was muss passieren, damit Sie es bald mit den Haien aufnehmen können?

Wir sind überraschend - quasi ohne Entwicklungsplan - als Kaulquappe in das Haifischbecken Profifußball gekommen. Man sieht ja, wohin sich der Fußball entwickelt: Es ist ein kommerzielles Thema. Auch Traditionsvereine werden ohne betriebswirtschaftliche Grundsätze nicht auskommen. Es müssen Einnahmen generiert werden, um Ausgaben zu ermöglichen. Wenn man da mitmachen will, muss man verschiedene Kröten schlucken – teilweise auch im Sinne eines Verlustes von sogenannten traditionellen Elementen des Fußballs. Das ist meine Einschätzung. Aber wir werden nicht unser Selbstverständnis aufgeben. Wir wissen, wer wir sind, wo wir herkommen und was unsere Fans auszeichnet.

Pro Saison sollte jeder Verein mindestens eine Phase einplanen, in der es sportlich mal nicht läuft. Bei den Lilien hat es in der Hinrunde eine Sieglos-Serie von sieben Spielen gegeben. Wie froh waren Sie, als diese und auch die Diskussionen über mangelnde Attraktivität des Spielstils vorüber waren?

Wir alle im Verein reflektieren uns ständig und sprechen regelmäßig miteinander. Aber im Fußball gibt es mittlerweile eine Hysterie, die durch die nicht mehr zu unterschätzende Bedeutung der sozialen Medien angestachelt wird. Da werden Sphären geöffnet für Meinungen, die unter Umständen nicht fundiert, nicht mit Wissen hinterlegt und nicht belastbar sind. Trotzdem haben diese Meinungen eine gewisse Öffentlichkeitswirkung. Das war vor den Sozialen Medien nicht so. Heute können die fragwürdigsten Trends und Stimmungen verbreitet werden, die viele Menschen erreichen. Aber wenn Trainer mitunter nicht mal drei Monate Zeit bekommen, muss man sich fragen, ob diese Leute, die Dinge falsch einschätzen und mitunter auch hetzen, nicht eine fehlerhaften Ansatz von Fußball haben. Als Verein darf man sich von solchen Strömungen nicht treiben lassen. Man muss auch mal ein paar Spiele durchstehen, die nicht so laufen, wie sie laufen sollen. Erfolge haben die Vereine, die Kontinuität haben. Das sollte auch unser Weg sein.

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Ihr Trainer, Dimitrios Grammozis, war zum Zeitpunkt der Sieglos-Serie ja auch gerade mal sieben, acht Monate im Amt.

Dimi Grammozis wurde in der Rückrunde der vergangenen Saison gefeiert - für anständigen Fußball plus Ergebnisse. Wir haben eine sehr gute Rückrunde gespielt, mit grandiosen Auswärtssiegen in Hamburg und Köln. Und von der einen auf die andere Sekunde soll der Trainer nichts mehr können? Mit dieser Hysterie müssen wir umgehen, was auch heißt, es mal nicht wirklich ernst zu nehmen. Oft hat Kritik keine Substanz, sondern ist sinnlos.

Belege dafür, wie schwierig es Fußballtrainer heutzutage haben, gab es in dieser Saison schon genug. Niko Kovac ist nicht mehr in München, in Dortmund stand Lucien Favre vor nicht allzu langer Zeit massiv in der Kritik. Selbst in der Regionalliga hat sich Saarbücken von Dirk Lottner getrennt - trotz Tabellenführung und Überraschung im DFB-Pokal. Ist es überhaupt noch zeitgemäß, den Trainer als kleinstes Rädchen im System anzusehen?

Klar ist der Trainer der Abteilungsleiter 'Mannschaft', der alles zu verantworten hat, was die Vorgaben angeht. Aber am Ende ist es doch so: Zwischen An- und Abpfiff sind auf dem Platz elf Spieler verantwortlich. Auch wir haben in der Vergangenheit auf der Position des Trainers Veränderungen vorgenommen, wenn wir uns zum Handeln gezwungen sahen – allerdings nie rein aufgrund der nackten Ergebnisse. Aber mir geht es oft viel zu schnell auf den Trainer. Wer mal bei einem Kindergeburtstag am Rand gestanden hat, der weiß, dass man den geringsten Einfluss nehmen kann, wenn das Ganze erst einmal läuft. Das müsste man meiner Meinung nach mal hinterfragen und sich auch mehr die Leistung der Spieler anschauen.

In dieser Saison werden zudem viele Diskussionen über die Entscheidungen von Schiedsrichtern und ihren Video-Assistenten geführt. Zuletzt wurde der Einspruch von Hannover 96 gegen die Wertung des Spiels gegen Darmstadt 98 abgewiesen, ein genereller Aufreger ist die Handspiel-Auslegung. Reden wir momentan zu viel über solche Dinge und zu wenig über den Fußball an sich?

Wir reden ja in erste Linie über den Video-Schiedsrichter, weil das in den vergangenen Jahren die größte Neuerung war. Der Schiedsrichter auf dem Feld tut das Menschenmögliche, das er schon seit dem allerersten Fußballspiel getan hat: beurteilen, was er wahrnimmt. Die Diskussionen über den Video-Schiedsrichter sind mir teilweise zu sehr schwarz-weiß. Ich glaube, das Problem ist, dass wir viel zu viel über die Dinge reden, die schlecht laufen. Wir müssten eher mal schauen, wie viele Ungerechtgkeiten durch den Video-Schiedsrichter verhindert wurden. Da ist die Statistik eindeutig. Der Video-Schiedsrichter hilft überwiegend. Aber bei der Frage, wie er angewendet wird - sowohl was die einzelnen Situationen betrifft als auch die Transparenz -, haben wir noch Luft nach oben.

Zum ersten Heimspiel des neuen Jahres Anfang Februar gegen Osnabrück hat Darmstadt 98 rund 300 Amateurschiedsrichter aus der Region eingeladen. Hintergrund ist die Prügelattacke auf einen Unparteiischen bei einem Kreisliga-Spiel Ende Oktober. Was ist Ihre Absicht?

Die FSV Münster, bei der es diesen Vorfall gegeben hat, liegt in unserem Einzugsgebiet. Als Profiverein können wir eine Signalwirkung auslösen und das Schiedsrichterwesen stärken. Es gibt zahlreiche Menschen, die so viel Spaß am Fußball haben: von der F-Jugend bis zum Altherrenfußball. Aber wenn eine einzige Person - der Schiedsrichter - nicht kommt, dann fällt das Spiel aus. Das ist vielen gar nicht bewusst, weil die Leute denken, der Schiedsrichter kommt doch sowieso. Ich bin aber der Meinung: Im Amateurbereich kommt der Schiedsrichter bald vielleicht gar nicht mehr, wenn ich sehe, wie die teilweise beschimpft werden. Das ist grenzwertig und wir müssen hinterfragen, ob unser gesellschaftliches Wertesystem noch passt. Vor diesem Hintergrund ist die Einladung ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit der Schiedsrichter.

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Thorsten Schenk
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Im Rugby, um mal eine andere Sportart als Beispiel heranzuziehen, werden Schiedsrichter mit 'Sir' angesprochen, ihre Entscheidungen gelten quasi als Heiligtum und werden praktisch nie kritisiert.

Man muss den Wert des Schiedsrichters einfach wieder anerkennen, ihn respektieren und wertschätzen - nicht nur verbal, sondern auch in seinem Handeln. Nur so werden wir Leute gewinnen, die sich als Schiedsrichter zur Verfügung stellen. Ein Fußballplatz ist ein Ort, auf dem sich heutzutage viele gesellschaftliche Probleme widerspiegeln. In den Köpfen der Leute außen rum muss etwas stattfinden, und genau dafür ist diese Aktion da.

Vor dieser Zweitliga-Saison galten Stuttgart, Hamburg und auch Hannover als Top-Teams. Sind Sie überrascht, dass Hannover aktuell unten drin hängt, oben dafür Arminia Bielefeld mitmischt?

Wenn man die Substanz und die Möglichkeiten von Hannover 96 sieht, ist das schon überraschend. Das werden die Hannoveraner auch selbst so sehen, die ja selbst öffentlich andere Ansprüche verkündet hatten. Was den HSV und Stuttgart angeht: In der zweiten Liga wird eben doch eine andere Art von Fußball gespielt, trotzdem herrscht eine hohe, ausgeglichene Qualität - und das muss man im Kopf auch so annehmen. Der Gesamtumsatz des VfB und des HSV liegt etwa bei 160 Millionen, unserer bei 30 bis 35 Millionen Euro. Da kann man dieses Ergebnis, das 1:1, gar nicht hoch genug einschätzen. Am Ende wird sich ihre Substanz aber wahrscheinlich trotzdem durchsetzen. Das mit Bielefeld finde ich einfach toll, die Arminia spielt attraktiven Fußball. Die Frage ist, ob sie die Konstanz haben, sich bis zum Ende durchzusetzen. Ich würde es ihnen gönnen. Es ist immer schön, wenn es Ausreißer gibt. Dafür lieben wir doch den Fußball. Und vielleicht sind irgendwann ja auch wir mal wieder an der Reihe.

Das Gespräch führte Patrick Stricker