Carsten Wehlmann

Aus der Not eine Tugend machen: Trotz sportlicher Fragezeichen und finanzieller Einschränkungen geht die Kaderplanung für die neue Spielzeit beim SV Darmstadt 98 munter voran. Sportchef Carsten Wehlmann macht dabei selbst vor großen Namen nicht halt.

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Die aktuellen Bedingungen sind alles andere als einfach, doch für Carsten Wehlmann besteht gerade darin der besondere Reiz. "Das sind die Herausforderungen, die auch Spaß machen", sagt der Sportliche Leiter des SV Darmstadt 98 zu den laufenden Personalplanungen des Fußball-Zweitligisten. Rein sportlich befinden sich die Südhessen trotz der jüngsten Punktgewinne gegen Sandhausen (2:1) und Regensburg (1:1) weiterhin in latenter Abstiegsgefahr. Wesentlich erschwert wird die Ausrichtung für die kommende Spielzeit zudem durch die Corona-Pandemie.

"Wir im Sport sind sicher die Letzten, die irgendwas entscheiden können", sagt Wehlmann mit Blick auf die seit Monaten leeren Stadien. Noch bis Saisonende planen die Lilien ohne Zuschauereinnahmen. Sollte der Lockdown danach weitergehen, würde das ein weiteres unvorhergesehenes Loch in die angespannte Finanzlage reißen. Gut fünf Millionen Euro, so die Kalkulationen, kostet die Darmstädter eine Spielzeit ohne Fans. Eine Menge Holz für einen Verein mit einem Spieleretat von rund elf Millionen Euro.

Überzeugungsarbeit bei Dursun

Entsprechend kreativ und herausfordernd gestaltet sich die Kaderplanung für Sportchef Wehlmann. Egal, ob bei Vertragsverlängerungen oder Neuzugängen: Der 48-Jährige muss jeden Euro zweimal umdrehen. "Natürlich wäre ein Weiterkommen im Pokal auch auf der finanziellen Seite hervorragend gewesen", hadert er entsprechend mit dem unglücklichen Elfmeter-K.o. am Dienstag in Kiel. Ein Einzug ins Viertelfinale hätte knapp 1,5 Millionen Euro in die Kassen gespült.

Doch die Südhessen haben auch ohne Pokal-Millionen schon frühzeitig einige Weichen für die neue Saison stellen können. Die Verträge von Kapitän Fabian Holland, Leistungsträger Tobias Kempe und zuletzt Talent Patric Pfeiffer konnten verlängert werden - und weitere sollen folgen. "Die Planungen werden voranschreiten", versprach Wehlmann. Abwehrchef Immanuel Höhn könnte schon bald der Nächste sein.

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Selbst bei Torjäger Serdar Dursun haben die Verantwortlichen die Hoffnung auf eine Verlängerung seines auslaufenden Vertrags längst nicht aufgegeben, auch wenn finanziell sowie bei der sportlichen Perspektive eine ganze Menge Überzeugungsarbeit nötig sein dürfte. "Aber er weiß auch, was er hier hat", so Wehlmann.

Die letzte Möglichkeit, eine Ablöse für den 29-Jährigen zu kassieren, ließen die Lilien im Winter bewusst verstreichen und setzten stattdessen im Abstiegskampf auf Dursuns enormen Wert für die Mannschaft. "Wir haben immer gesagt, dass es eine Achse von Schlüsselspielern gibt", erklärt Wehlmann. Und diese gelte es zu halten.

Campo soll zur Verstärkung werden

Bereits neu hinzugestoßen sind in der gerade beendeten Transferperiode der Schwede Thomas Isherwood (Östersunds FK) sowie Christian Clemens (1. FC Köln) und Samuele Campo (FC Basel). Während sich Isherwood prompt an der Syndesmose verletzte und nun als "Vorgriff auf die neue Saison" gesehen wird, können sich Clemens und Campo in ihren halbjährigen Gastspielen für längerfristige Aufgaben am Böllenfalltor empfehlen.

Vor allem beim Transfer von Campo, für den die Darmstädter eine Kaufoption besitzen, verspricht sich Wehlmann ein glückliches Händchen: "Er war im vollen Trainingsbetrieb bei einem großen Verein in der Schweiz." Auch wenn der 25-Jährige in dieser Spielzeit auf wenig Einsatzminuten bei den Baslern kam, erhoffe man sich eine Verstärkung und mehr Variabilität im Offensivspiel.

Wegen der geltenden Quarantäne-Auflagen bei einer Einreise nach Deutschland verbrachte Campo die vergangenen Tage in einem Darmstädter Hotel. Wenn alles glatt läuft, könnte er aber schon am Samstag (13 Uhr) gegen Nürnberg zum Lilien-Kader gehören. Am Donnerstagnachmittag trainierte er erstmals mit der Mannschaft.

Trotzreaktion gefordert

Mit einem Erfolgserlebnis gegen den fränkischen Tabellennachbarn würde der SV98 einen großen Schritt aus der unmittelbaren Gefahrenzone machen, und Sportchef Wehlmann zumindest aus sportlicher Sicht die Planungen erleichtern. Nach dem Pokal-Dämpfer setzen die Darmstädter dabei auf eine Trotzreaktion.

"Es gilt einfach, die positiven Sachen herauszusuchen", fordert Wehlmann, schließlich habe die Mannschaft gegen in Kiel eine gute Leistung gezeigt. Wie es geht, aus der Not eine Tugend zu machen, das muss Wehlmann in seinem Job derzeit jeden Tag aufs Neue beweisen – und hat sogar Spaß dabei.