Luca Pfeiffer jubelt nach seinem Tor gegen Ingolstadt

Der SV Darmstadt 98 fegt Ingolstadt aus dem Stadion und ist in der Saison angekommen. Die Mentalität, ein Neuzugang und das neue Sturmduo lassen bei den Lilien auf eine gute Spielzeit hoffen.

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Das Böllenfalltor war ja nicht einmal voll besetzt, aber für einen kurzen Moment fühlte es sich wenigstens so an. Ein Doppelpass auf Halbrechts, eine butterweiche Flanke in den Strafraum und Phillip Tietz in der Mitte, der sich durchsetzte und ins lange Eck einnickte – und das Böllenfalltor zur Explosion brachte. So hört es sich also an, wenn ein Knoten endlich platzt.

Denn die bisherige Saison der Lilien war eine der Pleiten, Pech und Pannen. Zahlreiche Coronafälle überschatteten die ersten Spieltage, diverse Stammspieler und Leistungsträger fielen aus oder mussten in Quarantäne. Der neue Coach Torsten Lieberknecht war in seinen ersten Wochen eher als Flickschuster gefragt, die Spiele bestritten die Lilien teils mit echten Rumpftruppen.

"Die Mannschaft lebt total"

Entsprechend die Ergebnisse: zwei Spiele, null Punkte, null Tore, zudem das Aus im Pokal gegen 1860 München. Dass die Lilien mehr im Tank haben als das, darauf ließen die beherzten Auftritte trotz aller Widrigkeiten schließen. "Die Mannschaft lebt total und hat das Herz am richtigen Fleck", sagte Lieberknecht vor dem Spiel gegen die ebenfalls punktlosen Ingolstädter. Allein die Ergebnisse fehlten.

Bis zum Samstag. "Wir müssen mit Beharrlichkeit die Nuss weiter bohren, die wir bohren müssen", sagte Lieberknecht vor der Partie etwas kryptisch, und führte weiter aus: "Wir brauchen körperliche Präsenz und physische Härte. Wir müssen uns wehren." Gegen Ingolstadt taten seine Spieler exakt das: leidenschaftlich spielen, alles reinwerfen, jeden Zweikampf annehmen. Mit dem entscheidenden Plus, dass sie sich diesmal auch belohnten.

"Das war eine Explosion"

Und wie. Zeitweise waren die Lilien gar nicht mehr zu halten, gewannen gefühlt jeden Zweikampf, ließen Ball und Gegner laufen und schossen sich den Frust von der Seele. "Das war eine Explosion. Nach dem 2:0 haben wir entfesselt gespielt", so Lieberknecht. "Das war ein geiler Tag. Dafür spielt man Fußball, um so ein Spiel zuhause zu gewinnen", sagte Doppeltorschütze Luca Pfeiffer.

So wenig wie die ersten Spiele als Gradmesser taugen, tut es das 6:1 gegen schwache Aufsteiger aus Ingolstadt. Aber es gibt wichtige Erkenntnisse: Die Moral ist mehr als intakt, die Lilien sind – in der Zweiten Liga unbezahlbar – ein ekliger Gegner. Neuzugang Klaus Gjasula, unter der Woche vom Hamburger SV verpflichtet, könnte mit seiner Härte und Leidenschaft die Lücke schließen, die Victor Palsson hinterlassen hat. "Wir haben uns Gedanken gemacht, wie wir der jungen Mannschaft noch einen Anker geben können", so Lieberknecht nach der Partie. "Das ist der Klaus."

"Es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint"

Und auch der Sturm genügt höheren Ansprüchen. Tietz‘ Kopfballtor zur Führung, in der Rückwärtsbewegung gegen den Lauf des Keepers, war schon eines der gehobenen Stürmerklasse. Sein Sturmpartner Pfeiffer zeigte anschließend, warum er schon erstklassig und sogar für ein paar Minuten in der Champions League die Schuhe schnürte: Sein Distanzschuss unter die Latte zum 2:0 dürfte demnächst in der Auswahl zum Tor des Monats stehen. Bei seinem Treffer zum 5:1 ließ er seinen Gegenspieler im Zweikampf aussehen wie einen A-Jugendlichen. Noch ist die Saison jung, aber ein Sturmduo dieser Klasse kann es durchaus schaffen, die 28-Dursun-Tore aus der Vorsaison zu kompensieren.

Stellt sich die Frage, ob die Lilien den Schwung mit ins nächste Spiel gegen den Hamburger SV (Sonntag, 13.30 Uhr) nehmen können. Der Aufstiegsaspirant aus dem Norden ist eine andere Hausnummer als die biederen Ingolstädter und wird nach der Derby-Niederlage gegen St. Pauli zudem um Wiedergutmachung bemüht sein. Zunächst gilt es aber ohnehin erst einmal, das 6:1 zu genießen. Oder wie es Lieberknecht formulierte: "Es ist ein schöner Tag. Die Sonne scheint."