Marvin Mehlem von Darmstadt 98

Der SV Darmstadt 98 hat sich zu einer grauen Zweitliga-Maus entwickelt und damit die selbst gesteckten Ziele erreicht. Ein bisschen mehr Draufgängertum würde den Lilien im drohenden Abstiegskampf allerdings guttun.

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Carsten Wehlmann, der Sportliche Leiter der Lilien
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So lief die Hinrunde:

Die meisten Unentschieden gesammelt, die zweitwenigsten Tore geschossen: Diese beiden Statistiken reichen aus, um die Hinrunde von Darmstadt 98 zusammenzufassen. Spektakel war ebenso selten wie Ausreißer nach oben oder unten, die Lilien schlängelten sich im Stile eines Sparkassen-Angestellten durch die Saison. Ordnung ist das oberste Gut, ein Punkt ist besser als keiner, bloß nicht zu viel Risiko eingehen. "Wir wollen eine stabile Saison spielen", lautete die Vorgabe von Trainer Dimitrios Grammozis. Das wurde – mit Abstrichen – geschafft.

Trotz einer von Mitte August bis Ende Mitte Oktober andauernden Sieglos-Serie stehen die Lilien nach 18 absolvierten Spieltagen mit 21 Punkten minimal besser da als in beiden Vorjahren. Nachdem die Südhessen in den Wintermonaten 2017 und 2018 in akuter Abstiegsgefahr schwebten, ist der Relegationsplatz aktuell vier Plätze und zwei Punkte entfernt. Anlass für große Sorgen besteht nicht, die Darmstädter kämpfen dennoch in erster Linie um den Klassenerhalt. Und gegen die Eintönigkeit.

Wer kommt, wer geht:

Der mit Abstand (ge)wichtigste Neuzugang hört auf den Namen Gegengerade und wird im Heimspiel gegen den VfL Osnabrück (2. Februar) erstmals in voller Pracht und Kapazität zu mehr Stimmung am Böllenfalltor beitragen. Rund 8.500 Fans, die meisten davon im Stehbereich, werden ihren Platz künftig auf der neuen Tribüne einnehmen und die Stadionkapazität auf knapp 18.000 anheben. Ein Völlegefühl, das die Lilien genießen und auskosten sollten. Im Sommer wird dann die Haupttribüne den Baggern zum Opfer fallen.

Ungewöhnlich viel los ist derzeit auch im Kader der Lilien. Da es bislang keinen Abgang gab, tummelten sich in der Vorbereitung insgesamt 31 Spieler auf dem Darmstädter Trainingsplatz. Mit Innenverteidiger Nicolai Rupp von Union Berlin sowie den beiden Rekonvaleszenten Felix Platte und Braydon Manu konnte Coach Grammozis einen echten und zwei gefühlte Neuzugänge begrüßen, große Veränderungen gab es aber nicht. Neue Impulse blieben folglich ebenfalls aus.

Deutlich spannender wird dieses Thema jedoch im Sommer: Insgesamt 13 Verträge, darunter mindestens sieben von Stammspielern, laufen nach der Saison aus. Den Lilien droht ein Umbruch, einigen Profis Ungewissheit.

Der Trainer:

Rund elf Monate ist Grammozis, der im Februar 2019 die Nachfolge von Dirk Schuster antrat, nun bei den Südhessen angestellt. Den drohenden Abstieg hat er in seiner ersten Saison erfolgreich verhindert, die versprochene Entwicklung im spielerischen Bereich ist aber etwas ins Stocken geraten.

Bei den beiden Remis gegen die Topteams aus Stuttgart und Hamburg kurz vor Weihnachten erinnerten die Lilien zwar zumindest zeitweise an die Draufgänger-Truppe, die sich einst von der 3. Liga bis in die Bundesliga durchboxte. Insgesamt lockt aber wohl alleine der Gedanke an den Bart von Toni Sailer mehr Emotionen bei den Lilien-Fans hervor als die aktuelle Spielweise. "Es bringt nichts, nur hinten drin zu stehen. Wir bekommen die Räume nicht geschenkt", monierte dann auch Grammozis im Trainingslager die fehlende Kreativität.

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Marcel Schuhen HR still
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Da in Darmstadt der Schlüssel zum Erfolg aber beinahe schon traditionell in der Abwehr liegt, wird Grammozis' Arbeit geschätzt, unterstützt und wohl sehr bald belohnt: Eine Vertragsverlängerung über 2020 hinaus ist, das betonen beide Seiten, nur noch Formsache. "Ich fühle mich wohl und freue mich", so der Lilien-Coach.

Erwartungen an die Rückrunde:

Mit Kampfansagen, auch das ist in Darmstadt so üblich, hielten sich die Verantwortlichen in der Winterpause vornehm zurück. "Ich möchte nicht sagen, dass wir in fünf Jahren die Bundesliga angreifen. Ich will aber auch nicht sagen, dass wir die nächsten fünf Jahre einfach nur nicht absteigen wollen", fasste der Sportliche Leiter Carsten Wehlmann den Darmstädter Gemütszustand zusammen. Es ist kompliziert.

Heißt: Auch außerhalb des Platzes steht die Sicherheit an erster Stelle, mit einem sorgenfreien Platz im Graue-Mäuse-Bereich der Liga wäre wohl jeder zufrieden. Damit das gelingt, müsste jedoch dringend wieder etwas mehr Leidenschaft entfacht werden. Sonst droht ein böses Erwachen. Abstiegsgefahr: Langeweile.