Palsson im neuen Trikot von Darmstadt 98

Victor Pálsson vom SV Darmstadt 98 hat mit Depressionen zu kämpfen und geht seit seiner Jugend zum Therapeuten. Nun hat er mit dem hr-sport über seine psychischen Probleme gesprochen – und warum es so wichtig ist, mentale Gesundheit zu thematisieren.

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zum Video Darmstadts Victor Pálsson: "Der Fußball hat mir das Leben gerettet"

Victor Palsson
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Victor Pálsson sitzt auf der Tribüne des Stadions am Böllenfalltor und ist ganz ruhig. Normalerweise steht er hier auf dem Platz, schmeißt sich in die Zweikämpfe, gibt Kommandos, kämpft im Mittelfeld des SV Darmstadt 98 um jeden Zentimeter. Ein beinharter Spieler, ein Leader auf dem Platz, einer jener Mentalitätsspieler, von denen es heißt, andere Spieler könnten sich an ihnen aufrichten. Und ein Mensch mit psychischen Problemen, mit Depressionen, über die er mit ruhiger Stimme spricht.

Pálsson, seit diesem Freitag 30 Jahre alt, isländischer Nationalspieler, hat seine Depressionen öffentlich gemacht. Eine Krankheit, mit der er schon länger zu kämpfen hat und die nach einem Schicksalsschlag im vergangenen Herbst wieder aufflammte. "Im November ist meine Mutter gestorben. Ich wurde wegen einer Verletzung operiert, wachte aus der Narkose auf und zwei Stunden später bekam ich den Anruf", so Pálsson im Gespräch mit dem hr-sport. "Das ist, als würdest du emotional gegen eine Wand fahren."

"Alles fiel zusammen"

Die Hiobsbotschaft, sie fällt in eine Zeit, in der ohnehin viel auf Pálsson einstürzt. Wegen Verletzungen muss er zweimal operiert werden, mit der Nationalmannschaft verpasst er dramatisch die Europameisterschaft – dann der Schock nach dem Anruf. "Alles fiel zusammen", so Pálsson, der sich daraufhin zurückzieht, sich in Island isoliert und mit der eigenen Trauer klarzukommen versucht. Er schläft kaum, isst nicht, nimmt acht Kilo ab – einzig sein kleiner Sohn sorgt in dieser Phase für so etwas wie Struktur, bietet Pálsson Halt. "Habe ich unter Depressionen gelitten? Ja. Habe ich immer noch damit zu kämpfen? Ja. Ich habe keine Angst, darüber offen zu sprechen."

"Meine Kindheit war nicht optimal"

Das ist leider immer noch zu oft eine Seltenheit. Depressionen sind längst eine Volkskrankheit, noch immer aber mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. Laut Bundesgesundheitsministeriums gehören "Depressive Störungen zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen". Knapp 20 Prozent aller Menschen erkranken irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal an einer Depression oder einer chronisch depressiven Verstimmung. Die Tabuisierung ist auch deswegen so fatal, weil eine depressive Erkrankung in den meisten Fällen als gut behandelbar gilt, wenn sie frühzeitig erkannt wird.

Drüber reden, sich mit dem auseinandersetzen, was ist, sich stellen: Pálsson geht diesen Weg, seit er 16 Jahre alt ist, stellt sich den eigenen Dämonen und den Geistern der Vergangenheit gleichermaßen. "Meine Kindheit war nicht optimal. Meine Mutter bekam mich, als sie 17 war. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt", so Pálsson. "In den letzten zehn Jahren war auch mein Verhältnis zu meiner Mutter aufgrund ihres Alkohol- und Drogenproblems nicht immer das Beste. Sie hat seit meiner Geburt damit gekämpft", so Pálsson.

"Co-abhängig zu sein ist schrecklich"

Starker Tobak für einen, der seinen Platz in der Welt zu finden versucht. Und lange nicht versteht, was vor sich geht. Denn die Suchterkrankung der Mutter geht mit einer Co-Abhängigkeit Pálssons einher, was ein sozialmedizinisches Konzept meint, in dem die Bezugsperson einer abhängigen Person besonders leidet. "Co-abhängig zu sein ist schrecklich. Das zu verstehen ist nicht leicht. Man versucht alles, um diese Person zu retten, aber am Ende des Tages wird man wieder und wieder verletzt. Dabei ist es nicht die Mutter, die dich enttäuscht, sondern die suchtkranke Person. Das kann einen großen negativen Effekt auf das Familienleben haben. Wir sind da jahrelang durchgegangen."

All die Energie, die im schwarzen Loch der Probleme verschwindet – "das führt zu Depressionen", so Pálsson. Zeitweise beginnt er zu trinken, "um die Gefühle verschwinden zu lassen, mich nicht der Realität stellen zu müssen." Aber er merkt, dass er auf eine Sackgasse zusteuert – und steuert gegen. Indem er sich Hilfe sucht. "Es war die beste Entscheidung meines Lebens, mich der Depression und den mentalen Problemen zu stellen. So kann man sie bekämpfen."

"Vereine wollte mich nicht unter Vertrag nehmen"

Nach Hilfe zu fragen, sich Hilfe zu suchen – was generell schwierig ist, ist es im Fußball gleich doppelt. Wenn alle immer Leistung bringen müssen, immer höher, weiter, schneller, stets die paar letzten Prozentpunkte entscheidend sind – wem fiele es da leicht zu sagen: Ich kann nicht mehr. Ich brauche Hilfe. "Es gab Vereine, die mich nicht unter Vertrag nehmen wollten, weil ich offen über psychische Gesundheit sprach. Das zeigt, wo wir in dieser Debatte stehen."

Deswegen spricht Pálsson offen über seine psychischen Probleme – um eine Entstigmatisierung voranzutreiben, die dringend notwendig ist. "Wir gehen zum Arzt, wenn wir verletzt sind. Warum gehen wir nicht zum Psychologen, wenn wir psychische Probleme haben? Ich spreche darüber, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte Menschen helfen kann", sagt er.

Auch abseits des Feldes ein Leader

Und geht so auch abseits des Feldes voran. Ein Leader, der sich in den Zweikampf mit sich selbst schmeißt, um die Zentimeter seines Lebens kämpft. Und an dem sich andere aufrichten können, weil er genau das öffentlich tut.

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Hilfe bei Suizid-Gedanken

Wenn Sie verzweifelt sind und in einer bedrückenden Lebenssituationen keinen Ausweg sehen: Suchen Sie sich Hilfe bei anderen Menschen. Das kann ein Gespräch mit Familienangehörigen oder Freunden sein. In seelische Krisen könne man immer wieder mal geraten, das sei nichts Unnormales, sagen Psychologen. Deshalb gibt es Hilfe und professionelle Beratungsangebote. Hier können Sie auch anonym bleiben. Die Telefonseelsorge ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unter der Rufnummer 0800/1110111 erreichbar.

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Sendung: hr-fernsehen, heimspiel! am Montag, 03.05.21, 23.15 Uhr