Torsten Lieberknecht feiert mit den Fans.

Darmstadt 98 nimmt St. Pauli auseinander und springt auf Platz eins. Die Fans feiern Trainer Torsten Lieberknecht und verhöhnen dessen Vorgänger. Überragender Mann ist ein "echter Derwisch" mit eigenem Plan.

Videobeitrag

Video

zum Video Highlights: SV Darmstadt 98 - FC St Pauli

Wappen vom SV Darmstadt und FC St.Pauli
Ende des Videobeitrags

Die große emotionale Konfetti-Kanone war eigentlich schon leer, da setzten Trainer Torsten Lieberknecht und die Darmstädter Fans am Samstag um 15.41 Uhr noch einmal einen drauf. Bereits unmittelbar nach dem 4:0 (4:0)-Sieg gegen den FC St. Pauli hatten die Spieler zwei Mal einen Feier-Kreis gebildet, über 30 Lilien – vom Ersatzspieler bis zu den Mitarbeitern – waren über den Rasen getollt.

Selbst die Kleinsten hatten mitgemacht, der Sohn von Torhüter Steve Kroll einen Ball unter dem Jubel der 13.000 Fans ins Tor geschossen, sowohl Fabian Holland als auch Thomas Isherwood hatten ihre Kinder über den Rasen getragen. La Ola, "Hinsetzen", Sprechchöre für einzelne Spieler - das ganze Party-Programm.

Lieberknecht dirigiert die Kurve

Dann aber kam Trainer Torsten Lieberknecht vom TV-Interview zurück und die Menge jubelte los, als sei soeben das fünfte Tor für Darmstadt gefallen. "Lie-ber-knecht, Lie-ber-knecht", hallte es durchs Böllenfalltor. Der Trainer fragte Kapitän Holland, ob es okay sei, wenn er noch einmal alleine vor die Fans trete.

Mit dem Plazet des Teams ging Lieberknecht also los, verharrte kurz vor dem Elfmeterpunkt und wartete ergriffen, bis die Kurve und er endlich zusammen die Lilien-Hymne anstimmen konnten. "Oh Lilien, oh Lilien, oh Lilien", Lieberknecht klatschte und die Augen wurden feucht – es war schließlich ein emotionaler Moment mit langer Vorgeschichte.

20 Tore in den letzten sechs Heimspielen

Als Lieberknecht im Sommer bei den Lilien unterschrieben hatte, sendete er seinen Familienmitgliedern zur Bestätigung nur einen Link mit der Lilien-Hymne, die vor den Spielen und nach Toren gespielt wird. Nun haben er und sein Team das Lied so oft auflegen lassen, dass es an die Radiospielzeiten von "Last Christmas" zu Weihnachten heranreicht. Darmstadts Bilanz aus den letzten sechs Heimspielen lautet: sechs Siege, nur ein Gegentor, satte 20 Tore. 20 Mal Lilien-Hymne.

Doch Lieberknecht hat immer noch nicht genug vom Ohrwurm, er springt und tanzt nach den Siegen wie glückselige Väter der Braut auf der Hochzeitsfeier. Gegen den FC St. Pauli gewann sein Team klar mit 4:0 und beherrschte zeitweise den als Tabellenführer angereisten Gast nach allen Regeln der Kunst. Nun sind die Lilien vorübergehend Erster. "Die Sonne scheint...", sangen sie am Samstag in die nahende Dämmerung. Denn rein mental herrscht in Darmstadt mitten im November Hochsommer.

"Markus Anfang ist jetzt arbeitslos"

Der Fußball hält schon so manches Mal kuriose Zufälle oder Fügungen parat. Denn ohne den Wechselwunsch seines Vorgängers Markus Anfang wäre Lieberknecht nicht in Darmstadt gelandet. Während die Hymnen mit und über Lieberknecht nun nicht aufzuhören scheinen, trat Anfang bei seinem Verein Werder Bremen zeitgleich zurück, nachdem Zweifel an seinem Impfnachweis publik geworden waren.

Die Lilien-Fans reagierten am Samstag mit reichlich Spott. Auf einem Transparent in der Kurve stand geschrieben: "Solidarisch sein? Markus, du Anfänger!" Gleichzeitig stimmten die Fans in der ersten Halbzeit an: "Markus Anfang ist jetzt arbeitslos."

Pfeiffer und Tietz mit einmaliger Quote

Doch nicht nur der Abgang auf der Trainerposition, sondern auch die Verluste des besten Torjägers (Serdar Dursun) und des Mittelfeldmotors (Victor Palsson) haben die Darmstädter mehr als aufgefangen. Angreifer Phillip Tietz schoss das 1:0 gegen St. Pauli, Kollege Luca Pfeiffer legte noch einen Doppelpack nach. Damit haben beide Stürmer nach 14 Spielen bereits zweistellig getroffen – ein Novum in der Geschichte der eingleisigen zweiten Liga.

Einer der besten Darmstädter an diesem Tag war allerdings Braydon Manu. Der 24-Jährige, eigentlich für den rechten Flügel eingeteilt, tauschte immer wieder mit Luca Pfeiffer aus dem Zentrum die Positionen. So wirbelte Manu überall, schmiss sich in die Zweikämpfe und behauptete die Bälle auf engstem Raum. Geplant war das nicht, wie Lieberknecht später erklärte: "Wenn der Trainer keinen Plan hat, macht er eben einen. Er ist ein Derwisch, spielt mit viel Herzblut und hat die Zuschauer gepusht." Torwart Marcel Schuhen schickte Manu später vor die Kurve, die ihn mit langen Sprechchören feierte.

Torwart Schuhen tobt trotz 4:0

Sie hätten auch weitere Stützen des Sieges hochleben lassen können: Thomas Isherwood und Patric Pfeiffer in der Innenverteidigung, Tobias Kempe als „Spiritus Rector“ im Mittelfeld oder eben die Darmstädter "Philharmonie" im Sturm. Tietz und Pfeiffer ließen auch nach dem 4:0 nicht locker und hatten gute Chancen für ein wahres Schützenfest.

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Lieberknecht: "Haben es sehr seriös gespielt"

Torsten Lieberknecht auf Schalke.
Ende des Audiobeitrags

Darmstadt zeigte auch nach der klaren Führung keinerlei Spannungsabfall. Torwart Schuhen bekam einen Tobsuchtsanfall, als einmal die Freistoßmauer zu spät auf ihn hörte. Nach dem Spiel redete er aufgebracht auf seinen Trainer ein, bis dieser die Diskussion auf den nächsten Tag verschob - und Schuhen ihn hochhob.

Kein Wort vom Aufstieg?!

"Marcel Schuhen ist ‘ne geile Sau", skandierte die Kurve mehrmals. Abgelöst wurde der Gesang nur von einem neuen Gassenhauer: "Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey". Trainer Torsten Lieberknecht hatte das nach eigenen Angaben nicht mitbekommen: "Ich höre hier immer nur: Ole, ole, ole, die Sonne scheint." Spieler und Trainer tanzten verbal noch um das Aufstiegswort herum.

"Von mir aus können die Fans träumen, wir sollten das aber nicht an uns heran lassen", beteuerte Kapitän Holland. Doch etwaige Fragen nach der Klasse für die Spitzengruppe hatten die Lilien bereits auf dem Rasen beantwortet - in nicht einmal 45 Minuten.