Der Eingang im Stadion des VfR Bürstadt.
Der Eingang im Stadion des VfR Bürstadt. Bild © hessenschau.de

Einige Jahre lang waren die Fußballer vom VfR Bürstadt das gallische Dorf im deutschen Profifußball. Doch die Erinnerungen an diese Zeit sterben langsam aus. Auch, weil dieser Tage die letzten baulichen Zeugen der Abrissbirne zum Opfer fallen.

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Das Stadion in Bürstadt.

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Schluss, Aus, Vorbei! Die Tage des Robert-Kölsch-Stadions in Bürstadt sind gezählt. Der letzte Schlusspiff in der altehrwürdigen Anlage ertönt an diesem Sonntagnachmittag am Ende des Relegationsspiels um den Aufstieg in die siebtklassige Gruppenliga Darmstadt. Gegner des VfR Bürstadt wird der SC Hassia Dieburg sein (Anstoß 16 Uhr). In nur wenigen Tagen rollen die Bagger an und reißen die Tribünen im Stadion ab. Alles was noch an die glorreichen Zeiten des VfR erinnert, wird dem Erdboden gleichgemacht - unter den trauernden Augen der Bürstädter Fußballfans.

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Tribüne in Bürstadt

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Fußballfeste an der Bergstraße

Bürstadt und siebte Liga? Was heute ganz normal klingt, wäre noch vor Jahren undenkbar gewesen. Der VfR hat eine glanzvolle Vergangenheit. Das Who-is-Who des deutschen Fußballs war regelmäßig zu Gast im Robert-Kölsch-Stadion. Der ehemalige VfR-Verteidiger Ludwig Brenner erinnert sich an sein größtes Spiel, das Aufstiegsspiel zur 2. Bundesliga im Jahr 1984. Gegner damals war der TSV 1860 München: "Es war ein Hexenkessel mit fast 15.000 Zuschauern. Unsere Fans standen auf der Tribüne, haben getrötet und Fahnen geschwenkt. Das hat uns richtig gepusht."

Und das hatte seine Wirkung: Die Südhessen fegten die Münchener Löwen mit 4:0 aus dem Stadion. Der einstige deutsche Meister aus Bayern erlebte eine Lehrstunde an der Bergstraße. Bürstadt gelang der Aufstieg in die Zweitklassigkeit.

Vier Spielzeiten bei den Großen

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Die Tribüne beim VfR Bürstadt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Früher waren die ganz großen Namen in Bürstadt

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Kulissen wie diese waren in den 1970er und 80er Jahren keine Seltenheit. Insgesamt vier Saisons durfte der VfR Bürstadt mit den Großen spielen. Trotz der Tatsache, dass dabei nur einmal der Klassenerhalt gelang, konnten die Fußballer von der Bergstraße einige Glanzlichter setzen. Den Rekord für den höchsten Auswärtssieg in der Zweitliga-Geschichte hält bis heute der VfR: ein 9:0-Sieg beim FK Pirmasens im Jahr 1977.

Auch der 7:2-Heimsieg im Jahr 1984 gegen den MSV Duisburg ist vielen Bürstädtern noch heute in guter Erinnerung. "Das waren Spiele, da wollten wir Fans die Spieler nachher gar nicht in die Kabine lassen. So sehr haben wir sie gefeiert", erinnert sich der heutige Ehrenvorsitzende Franz-Josef Eitge.

Nach dem Erfolg kam die Ernüchterung

Viel Glanz also in Bürstadt. Doch die prunkvolle Fassade bekam Risse. Weil sich Steuer- und Sozialversicherungsschulden aus den erfolgreichen Jahren anhäuften, musste der Verein 2002 das bis dato vereinseigene Stadion an die Stadt verkaufen. Finanziell konnte sich Bürstadt nicht mehr in der Oberliga Hessen halten und ließ sich 2008 in die Kreisliga zurückversetzen.

Das Stadion in Bürstadt.
Das Stadion in Bürstadt. Bild © hessenschau.de

Mit dem sportlichen ging auch der bauliche Verfall im Robert-Kölsch-Stadion einher. Wo früher tausende Menschen Platz fanden, verlieren sich heute an guten Tagen nur noch bis zu 200 Besucher. Kaum Zuschauereinnahmen bedeuten dann eben auch kaum Mittel für die Instandhaltung der Tribüne. Von Sicherheitsmängeln, Schimmel und Schadstoffbelastung ist die Rede.

Neuer Sportcampus statt bröckelndem Stadion

Als die Stadt die Möglichkeit bekam, über Stiftungsgelder und Zuschüsse einen neuen "Sport- und Bildungscampus" anstelle des Stadions zu errichten, haben die Stadtväter kurzen Prozess gemacht. Die politische Marschrichtung war schnell klar: Wenn der Fußball in Bürstadt eine Zukunft haben soll, dann müssen die Altlasten weg.

Anstelle des Stadions mit seinen Tribünen, sollen zwei neue Kunstrasenplätze und ein sogenanntes Bildungsgebäude entstehen. Für Tribünen und Anzeigetafel? Trotz des Widerstands der VfR-Verantwortlichen kein Platz mehr. Eine Sanierung sei zu teuer - hieß es von Seiten der Stadt.

Die Anzeigetafel im Stadion in Bürstadt.
Die Anzeigetafel im Stadion in Bürstadt. Bild © hessenschau.de

"Es wird uns etwas fehlen"

"Ich sehe das mit zwei weinenden Augen", sagt der Ehrenvorsitzende Eitge im hr-Gespräch. "Die Tribüne hat diesen Sportplatz erst zum Stadion gemacht. Es wird uns etwas fehlen." Eitge und seine Vereinsfreunde hatten der Stadt den Vorschlag unterbreitet, dass man die Haupttribüne in das neue Bildungsgebäude integrieren könnte. "Schließlich hat das Gebäude ortsbildprägende Wirkung."

Doch es bestand kein Interesse auf Seiten des Bauherren. Aus dem einstigen Hexenkessel wird also demnächst ein moderner Kunstrasen-Sportplatz - ohne den gewohnten Stadioncharakter. Sogar die markante gelbe Anzeigetafel soll verschrottet werden.

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Eitge im Interview

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Bürstädter nehmen Abschied

So bleibt nichts anderes übrig, als in Würde Abschied zu nehmen von den Tribünen des Robert-Kölsch-Stadions. Niels Döhren, heute Spieler beim VfR Bürstadt erklärt: "Man hat sich bei dieser Kulisse immer so ein bisschen wie ein Profi gefühlt. Schade, dass das demnächst wegfällt." Ex-Profi Brenner sieht das letzte Spiel "mit einer gehörigen Portion Wehmut".

Auch ein junges Bürstädter Pärchen hat sich nach dem letzten Saisonspiel nochmal mutterseelenallein auf die Sitzbänke gehockt: "Wir sind extra noch einmal hier hoch gegangen um Abschied zu nehmen und einfach nochmal Tschüss zu sagen." Tschüss, Robert-Kölsch-Stadion!