Der Eingang zur DFB-Zentrale in Frankfurt

Im März wird der neue DFB-Präsident gewählt. Das führt im hessischen Verband zu Grabenkämpfen. Nun steht die Frage im Raum: Wurden Funktionäre unter Druck gesetzt?

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DFB-Machtkampf: Hessischer Fußball-Verband im Mittelpunkt

Das Logo des DFB; Symbolbild
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Grabenkämpfe, durchgestochene Mails, ein Ultimatum: Es gab zuletzt viele fragwürdige Vorgänge rund um den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Nun aber steht Hessen dabei im Fokus – oder vielmehr der Hessische Fußball-Verband (HFV).

Entscheidend für die aktuellen Zwistigkeiten ist die Wahl des neuen DFB-Präsidenten am 11. März. Zwei Kandidaten stehen sich dabei gegenüber: Peter Peters, langjähriger DFL-Funktionär und mit Rückhalt im Profilager ausgestattet, und Bernd Neuendorf, dem breite Unterstützung im Lager des Amateurfußballs und von Interimspräsident Rainer Koch attestiert wird. Doch die Unterstützung für ihn bröckelte zumindest in einem Verband.

In Hessen legte sich der Vorstand im Herbst zwar auf Neuendorf fest, zwei Mitglieder scherten aber später aus: Silke Sinning, die Vorsitzende des Frauen- und Mädchenfußballausschusses, und Schatzmeister Ralf Viktora schlugen sich auf die Seite von Gegenkandidat Peters. In dessen Team sollen sie nun für Ämter im DFB kandidieren.

Beide stellen sich klar gegen Rainer Koch

Ihre Entscheidung erläuterten die beiden Mitte Januar in einem Interview mit der Sport-Bild. "Die Einigkeit des Amateurfußballs kann doch nicht darin bestehen, dass in jedem Landesverband von oben herab vorgegeben wird, die Delegierten haben diesen oder jenen Präsidentschaftskandidaten zu wählen, weil das derjenige ist, den wir uns jetzt ausgeguckt haben - ohne irgendwelche Inhalte oder Programme zu kennen", sagte Viktora. Beide stellten klar, dass ein Neuanfang mit Interimspräsident Rainer Koch aus ihrer Sicht nicht möglich sei.  

Der HFV reagierte sogleich in einer offiziellen Stellungnahme und distanzierte sich von den Aussagen der beiden. Ihre Kandidatur sei nicht in Absprache mit dem hessischen Verband geschehen, heißt es darin. Der HFV habe sich für Neuendorf als Präsidenten sowie Rainer Koch und Ronny Zimmermann als zwei der Vizepräsidenten ausgesprochen. 

Verband befürchtet "Isolation im Amateurlager"

Bei der öffentlichen Distanzierung ist es anscheinend nicht geblieben. Das Internet-Portal Torgranate zitiert aus einer Mail des HFV-Präsidenten Stefan Reuß an den Vorstand nur drei Tage später. Er habe den beiden zwei Möglichkeiten aufgezeigt, um "weiteren Schaden vom und die Isolation des Verbandes im Amateurlager abzuhalten“: entweder der Verzicht auf die Kandidatur oder die Niederlegung der Ämter in Hessen. Sinning und Viktora hätten demnach bis zum 31. Januar Zeit für eine Erklärung gehabt.

An genau jenem Tag erschien ein Interview mit den beiden und Präsidentschaftskandidat Peters im kicker. "Wir wollen eine andere Arbeitskultur als die, für die Rainer Koch steht. Und ein interdisziplinäres Denken. Das ist aus meiner Sicht mit ihm nur schwer zu lösen", wiederholte Sinning da. Die Abtrünnigen weichen offensichtlich auch nach dem Druck aus dem eigenen Verband nicht von ihrer Position ab.

Peters will DFL zu Hilfe holen

Der Wortlaut der Mail aus der Verbandsspitze ist mehreren Insidern zufolge echt. Das Ultimatum gab es, aber es ist bisher ohne Konsequenzen abgelaufen. Beim Verband ist man verärgert, dass die beiden nach einer gemeinsamen Linie im Herbst die Seiten wechselten und entgegen früherer Beteuerungen selbst nach DFB-Ämtern streben. Auf Nachfrage des hr-sport teilte der HFV mit: "Die Unterstützung von Bernd Neuendorf zur Wahl als DFB-Präsident wurde gemeinschaftlich und nach reiflicher Überlegung getroffen. Es ist eine Stärke, einheitlich als Verband aufzutreten und das wollen wir auch zukünftig tun."

Sinning und Viktora pochen aber auf ihre freie Entscheidung und dass sie ihren Wechsel zu Peters bereits frühzeitig, und zwar direkt im Dezember, intern kommuniziert hätten. Beide wollen sich auf Nachfrage nicht zu einem Ultimatum oder den aktuellen Verwerfungen äußern. Droht den "Abtrünnigen" also der Rauswurf aus dem Präsidium in Hessen? In der HFV-Satzung sind Gründe für eine Abberufung durch das Präsidium oder den Aufsichtsrat nicht klar geregelt. Entscheiden müsste wohl ein außerordentlicher Verbandstag.

Wie konnte sich die Lage zuspitzen?

Offen bleibt aber weiterhin die Frage einer Nominierung für die DFB-Wahl, wenn der hessische Verband beide eben nicht aufstellt. Präsidentschaftskandidat Peters erklärte bereits, dass er im Falle einer Nicht-Nominierung die Deutsche Fußball Liga bitten würde, im zweiten Wahlgang Sinning vorzuschlagen. Auch die DFL hat jene Befugnisse - es bestünde gar die Möglichkeit, dass ein anderer Landesverband die Nominierung übernehme.

Und noch ein anderer Punkt erscheint bemerkenswert: Viktora und Sinning hatten ihre Pläne dem HFV wohl bereits im Dezember mitgeteilt, erst Mitte Januar aber verschärfte der hessische Verband den Ton. Das wirkt, als seien nicht die möglichen Kandidaturen der Auslöser gewesen, sondern die öffentliche Kritik der beiden an der vorherigen und aktuellen DFB-Führung - und dabei namentlich Rainer Koch.