Weber collage Chelsea

"Taunus-Bub" Benjamin Weber gehört zum Trainerteam von Thomas Tuchel und werkelt dort am System des FC Chelsea. Am Samstag könnte er die Königsklasse gewinnen, dabei sammelte er sein Fußballwissen anfangs nur in der Kneipe.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das verlängerte Auge von Thomas Tuchel: Ein Hesse im Finale der Champions League

Benjamin Weber und Thomas Tuchel vom FC Chelsea
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Die Geschichte von Benjamin Weber beginnt wie viele gute Geschichten an der Theke. Genau dort verbrachte der heute 38-Jährige, der in Schmitten (Hochtaunus) aufgewachsen ist, vor allem während seines Sportstudiums in Mainz einige Stunden mit Kommilitonen und Freunden. Ein Bier hier, ein Lied aus der Jukebox da und immer wieder Diskussionen über Mainz 05, Eintracht Frankfurt oder auch mal den Hamburger SV. "Ich hatte damals von Fußball nur ein absolutes Stammtischwissen, ein Kneipenwissen", berichtet Weber rund 15 Jahre später im Gespräch mit dem hr-sport. So weit, so gewöhnlich? Von wegen.

Im Mai 2021 ist der hessische Student von damals nämlich zum Mitglied eines der besten Trainerteams der Welt gereift. Aus dem gefährlichen Fußball-Halbwissen auf Einer-geht-noch-rein-Niveau ist Taktik-Sachverstand auf Königsklassen-Niveau geworden. Weber ist seit Jahren Assistent von Trainer Thomas Tuchel und könnte seine ohnehin kometenhafte Karriere am Samstag mit dem Champions-League-Titel krönen. Sein Team, der FC Chelsea, trifft auf Manchester City. Webers Aufgabe dabei: City-Coach Pep Guardiola entschlüsseln. Wie hat er es so weit geschafft?

Es begann mit einem Aushilfsjob bei Mainz 05

Der Reihe nach: Weber, der selbst nie im Verein Fußball gespielt hat, strebte zunächst eine Karriere als Tennisprofi an. In Ermangelung an Freizeitbeschäftigungen im kleinen Ortsteil Arnoldshain stand Weber schon früh sehr oft auf dem Sandplatz des TC Reifenberg und wurde schnell immer besser. "Meine Mama hat mich da immer hingefahren, damit ich nicht allein im Garten spielen musste." Langweilig wurde ihm so nicht, zum ganz großen Sprung reichte es letztlich aber auch nicht. "Weil das nicht geklappt hat und viele meiner Freunde in Mainz studiert haben, bin ich da auch hingezogen."

Dort, in Mainz, kam Weber in Kontakt mit dem FSV. Bei der Aufstiegsfeier der 05er im Sommer 2004 stand er, von Geburt an eigentlich Fan von Eintracht Frankfurt, auf dem Mainzer Domplatz und schunkelte unter der Regie von Anheizer Jürgen Klopp durch die Nacht. "Das werde ich nie vergessen. Da habe ich begonnen, Mainz 05 zu verfolgen." Ein Jahr später begann Weber dank der Vermittlung seines Mitbewohners dann in der neugeschaffenen Scouting-Abteilung des FSV. Jobinhalt: Spielszenen zusammenschneiden, Spieler-DVDs erstellen und alles fein säuberlich archivieren. Jeder muss ja mal klein anfangen.

Benjamin Weber bei Mainz 05

Mit Tuchel zum BVB, nach Paris und London

Doch aus dem Aushilfsjob wurde schnell mehr. Nach dem Abgang von Klopp im Jahr 2008 stellte sich der Verein neu auf und Weber rückte näher ran an die Profis. Zunächst half er Co-Trainer Jürgen Kramny bei der Gegneranalyse. Spätestens mit der Beförderung von Thomas Tuchel vom Jugend- zum Profi-Trainer im Sommer 2009 wurde es dann richtig ernst. "Er wollte, dass ich auch das Training filme. So kam ich ins Trainerteam." Weber wich Tuchel, zu dem er schnell ein freundschaftliches Verhältnis aufbaute, nicht mehr von der Seite und lernte das kleine Taktik-Einmaleins von der Pike auf.

Von Manager Christian Heidel gab es kurze Zeit später den ersten Vertrag. Durch eine Google-Recherche die erste Berufsbezeichnung: Videoanalyst. "Wir haben das so genannt, weil es das damals im US-Sport gab."

Und da Trainer Tuchel fortan nicht mehr auf Videoanalyst Weber verzichten wollte, ging es ab diesem Moment steil bergauf. Egal, wo Tuchel anheuerte - Weber nahm er mit. Mainz 05, Borussia Dortmund, Paris St. Germain, FC Chelsea. Weber war und ist überall dabei und lernte neben Stars wie Neymar oder Kylian Mbappé und jeder Menge Luxushotels auch die Schattenseiten der Fußballwelt kennen. Beim Anschlag auf den BVB im April 2017 saß er im Bus und erlebte hautnah mit, wie schnell alles vorbei sein kann. "Das war krass. Seitdem weiß ich das alles aber noch mehr zu schätzen."

Weber studiert Guardiolas Fußball

Das nächste Highlight bei Webers wildem Ritt durch den Profifußball wartet nun am Samstag in Porto. Der FC Chelsea kann sich gegen Ligakonkurrent Manchester City zu Europas Meister krönen, Tuchel und Weber haben genau ein Jahr nach dem verlorenen Champions-League-Finale mit Paris gegen den FC Bayern die nächste Chance auf den ersten ganz großen Titel. "Ich könnte am Wochenende auch einfach zum Feldberg spazieren und ein Bier oder einen Äppler trinken. Das wäre für mich als Taunus-Bub auch schön", so Weber. "Aber jetzt bekomme ich so etwas hautnah mit, das macht mich schon stolz."

Doch wie genau sieht Webers Arbeit vor und bei so einem Endspiel eigentlich aus? Kurz gesagt: Er muss das Taktik-Puzzle von City-Coach Guardiola knacken. "Ich studiere den Gegner und schaue mir an, was die gut oder schlecht machen. Darauf wird das Training abgestimmt." Während der Partie beobachtet er dann mögliche taktische Veränderungen von der Tribüne aus und schneidet parallel schon Clips für die Halbzeit-Ansprache zusammen. Zudem ist er per Funk mit der Trainerbank verbunden und berät bei Einwechslungen oder System-Anpassungen. Der Kapitän einer Mannschaft wird oft als verlängerter Arm des Trainers bezeichnet, Weber ist eher das verlängerte Auge.

Benjamin Weber bei Mainz 05

Familie und Freunde sind Chelsea-Fans

Wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert, werden am Samstag sicher auch in Hessen viele Menschen verfolgen. Und zum ersten Mal in Webers Karriere, da ist er sich sicher, werden in einem Finale alle Familien-Mitglieder und Freunde auf seiner Seite sein. "Als wir 2017 mit dem BVB im DFB-Pokalfinale gegen die Eintracht gespielt haben, war meine halbe Heimat im Stadion. Aber nur ein Zehntel von denen wollte, dass Dortmund gewinnt." Ähnlich sei es im vergangenen Jahr gewesen, als sich auch die Bayern-Fans in seinem Umfeld nicht bekehren ließen. "Dieses Mal drücken endlich alle meine Freunde und die Familie mir die Daumen. Darauf freue ich mich."

Sendung: hr3, Morning-Show, 28.05.21, 7 Uhr