Das Zünden von Pyrotechnik und Werfen von Gegenständen könnte Folgen für die Eintrachtfans haben.

Die Vorkommnisse in Mailand und die drohende UEFA-Strafe bleiben rund um Eintracht Frankfurt Gesprächsthema Nummer eins. Hoffnung auf ein kleines Strafmaß macht neben dem reuigen Verhalten der Ultras auch eine andere Sache.

Ein Strohhalm, das wird niemanden überraschen, hat wahrlich keine besonderen Eigenschaften. Hin und wieder ist er ganz praktisch, klar, und insbesondere im Sommer fungiert er in vielen alkoholischen wie alkoholfreien Drinks als unverzichtbares Accessoire. Für Eintracht Frankfurt hat im März 2019 zumindest der metaphorische Strohhalm dann aber doch eine besondere Bedeutung. Ganz wie in der Redensart klammert sich der Fußball-Bundesligist an dieses vermeintliche Rettungsmittel – in der Hoffnung, irgendwie vor einer richtig dicken UEFA-Strafe davonzukommen.

Noch am späten Freitagnachmittag, keine 24 Stunden nach dem Europa-League-Spiel bei Inter Mailand (1:0), hatte die europäische Fußball-Union ein zu erwartendes Disziplinarverfahren gegen die Hessen eröffnet. "Abbrennen von Feuerwerkskörpern" sowie "Werfen von Gegenständen" lauten die Vorwürfe, deren Wahrhaftigkeit allein die knapp 50.000 Menschen im Giuseppe-Meazza-Stadion bezeugen können. Einer von ihnen ist Philipp Reschke, der Justitiar der Eintracht.

"Das könnte gewaltigen Ärger geben"

"Ich ahnte schon: Das könnte gewaltigen Ärger geben vor der Disziplinarkommission", erzählte er am Sonntag von seiner Gefühlslage während des Mailand-Spiels. Vor dem Bundesliga-Match gegen den 1. FC Nürnberg (1:0) sprach Reschke auf der Waldtribüne ausführlich über die Vorkommnisse im San Siro. Problem Nummer eins: Bei dem abgefeuerten pyrotechnischen Material handelte es sich um Leuchtspurmunition.

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oli und paddy
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"Und das ist ein anderer Charakter, das gefährdet die Leute auf eine andere Art und Weise", erläuterte der Justitiar. Wenn diese Munition dann auch noch zwischen Menschen lande, so wie in Mailand geschehen, "dann ist das für die UEFA ein ganz erheblicher Tatbestand". Hinzu kommt – und damit sind wir bei Problem Nummer zwei – dass die Eintracht durch ähnliche Vorkommnisse rund um die Partie bei Lazio Rom im Europapokal für zwei Jahre auf Bewährung unterwegs ist.

Mut macht ein Blick nach Köln

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hs
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So richtig vorstellen kann sich deshalb niemand, dass der Verband von seinem Urteil abrückt und die Frankfurter mit Blick auf das Viertelfinal-Auswärtsspiel bei Benifca Lissabon (11. April) von einem Zuschauerausschluss verschont. "Man wird sicherlich keine ganz neue Strafe gegen uns verhängen", sagte Reschke. Dass es aber nur um den Widerruf einer Bewährung für einen Ausschluss gehe, der bereits im Januar verhängt wurde, mache es der UEFA ein bisschen einfacher.

Die Chancen der Eintracht in diesem Verfahren bezeichnete der Justitiar als "vage". Mut macht aber vor allem ein Blick nach Köln. Auch der FC war in der Europa-League-Saison 2017/18 zu einer vergleichbaren Bewährungsstrafe verdonnert worden, deren Widerruf nach erneuten Fan-Vergehen doch noch zurückgenommen wurde. Die Eintracht hofft nun aus gleich zwei Gründen, dass es in ihrem Fall ähnlich läuft.

"Jeder dachte: Das Herz platzt vor Stolz"

Zum einen genießt Frankfurt als Fußball-Standort einen europaweit guten Ruf. Der hessische Bundesligist ist einer der wenigen Clubs, die die Europa League in vollem Umfang ernst nehmen und sogar bereichern. Neben sportlich attraktiven Leistungen gibt es friedliche Fan-Feste wie in Mailand oder stimmungsvolle Choreographien zu nahezu jedem Heimspiel. "Diese Dinge fließen bei der UEFA bereits die ganze Zeit wohlwollend mit ein", sagte Reschke.

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"Alle wissen: Blendet man diese drei Bilder aus, die wir da in Mailand gesehen haben, war das ein unfassbarer Abend. Einfach unglaublich. Jeder dachte: Das Herz platzt vor Stolz." Offiziell 13.500 Eintracht-Fans waren im San Siro dabei, rund 17.000 hatten die Reise in die Lombarbei mitgemacht. Nach der Partie, so berichtete der Justitiar, hätten er und seine Kollegen mehrere Emails des FC Internazionale bekommen. Die Botschaft: "Macht Euch keinen Kopf. Ihr seid der großartigste Club, gegen den wir seit langem gespielt haben."

"Das ist eine ungewöhnliche Äußerung"

Zum anderen könnte auch das Verhalten der Ultras Frankfurt dazu beitragen, dass die befürchtete UEFA-Strafe womöglich doch nicht so heftig ausfällt wie befürchtet. Per Stadionaushang nahm die Fan-Gruppierung am Sonntag die Mailand-Vorfälle auf ihre Kappe und kündigte "interne Konsequenzen" an. Wie diese aussehen werden? Das ist noch nicht vollständig absehbar, auf eine positive Auswirkung hofft Reschke aber bereits jetzt.

"Wenn man die Sprache unserer Szene kennt, dann ist das eine ungewöhnliche Äußerung", ordnete er das Schreiben der Ultras ein. "So eine Stellungnahme können wir in das Verfahren mitnehmen. Bei der UEFA sind sie erstaunlich gut über Fankulturen und -Strukturen in Europa informiert, die können da sicherlich etwas mit anfangen." So paradox es klingt: Mit den Ultras Frankfurt bietet ausgerechnet der Schuldige der Eintracht den vielleicht stabilsten Strohhalm an, an den sie sich im März 2019 klammern kann.

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Oliver Mayer
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