Laura Freigang ist eine der besten Stürmerinnen der Liga und trägt das Trikot von Eintracht Frankfurt. Warum das für sie immer noch besonders ist, wie sie mit Erwartungen umgeht und warum sie im neuen Jahr mehr Treppen steigen will? Die Antworten im Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Laura Freigang: "Ich bin dankbar"

Laura Freigang
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Für Fußballerin Laura Freigang war 2020 ein spektakuläres Jahr. Den Überblick hat sie bei den vielen Highlights erst beim 1. FFC Frankfurt, dann bei der Eintracht und schließlich im Nationalteam aber nicht verloren. Für das neue Jahr hat die Stürmerin ambitionierte Ziele. Im Interview verrät sie, warum sie auch als eine der besten Torjägerinnen der Liga noch abergläubisch ist und wie die Fußballerinnen auch in der öffentlichen Wahrnehmung noch präsenter werden können.

hessenschau.de: Laura Freigang, 2020 war für viele kein gutes Jahr. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Laura Freigang: Ich bin, was das Sportliche angeht, total glücklich. Ich durfte meine ersten Spiele für die Nationalmannschaft machen, wir sind mit der Eintracht zusammengegangen, ich bin recht erfolgreich, was meine Torquote angeht - und daran wird man als Stürmerin gemessen. Es war aber auch skurriles Jahr. Es war schade, dass wir im ersten Jahr mit der Eintracht keine Zuschauer hatten. Darauf hatte ich mich gefreut.

hessenschau.de: Hatten Sie durch die Fusion auf mehr Fans gehofft?

Freigang: Ja, und nicht nur das. Es ist eine Riesensache, dass wir jetzt zur Eintracht gehören. Die Stadt lebt den Verein. Deshalb hatte ich mich gefreut, auch den Eintracht-Fans zu zeigen, was wir draufhaben, was wir zu bieten haben und dass wir zur Eintracht-Familie gehören. Das ist in den distanzierten Zeiten wie der Corona-Pandemie schwierig, aber im nächsten Jahr ist hoffentlich wieder mehr Platz dafür.

hessenschau.de: Haben Sie trotzdem das Gefühl, dass die Wahrnehmung noch einmal eine andere ist?

Freigang: Auf jeden Fall, es gibt jetzt ein Interesse aus einer ganz anderen Ecke. Der FFC war immer ein bekannter Verein im Frauenfußball, aber dafür interessiert sich eben nicht jeder. Mit der Eintracht kommt ein anderes Publikum, das wir begeistern können. Das spüre ich auch - etwa, wenn ich mit den Eintracht-Klamotten durch die Stadt laufe. Die Menschen interessieren sich jetzt auch für diesen Teil des Vereins und das ist schön.

hessenschau.de: Im Sommer gab es eine besondere Premiere: Sie haben das erste Saisonspiel gegen Bremen im Waldstadion absolviert.

Freigang: Das war super. Ich kann es kaum in Worte fassen. Wir erleben das nicht oft, weil wir selten in so großen Stadien spielen. Und dann war es auch noch das erste Saisonspiel, auf so einem tollen Platz, und mit dem neuen Videowürfel, das war eine Riesensache. Es war in der Corona-Zeit der schönstmögliche Ersatz für ein Saisoneröffnungsspiel mit vielen Fans, das es sonst gibt. Es durften sogar ein paar Zuschauer mit dabei sein, und die hat man dann auch gehört. Im Stadion hat es gehallt.

hessenschau.de: Gibt es seit der Fusion einen größeren Erwartungsdruck?

Freigang: Den Druck haben wir uns, wenn überhaupt, selbst gemacht. Wir wollen einfach zeigen, was wir draufhaben, und dass wir guten Fußball spielen können. Wir wollen erfolgreich sein. Der Druck kommt nicht von außen oder aus dem Verein.

hessenschau.de: Es gab so ein bisschen das unausgesprochene Saisonziel Rang drei - davon sind Sie aktuell recht weit entfernt. Sie sind gut in die Saison gestartet, dann kam so ein richtiger Novemberblues. Wie sind Sie damit umgegangen?

Freigang: Novemberblues beschreibt es gut. Wir waren alle relativ niedergeschlagen und haben uns, vor allem in den knappen Spielen, andere Ergebnisse gewünscht. Den Trainern und dem Verein waren schon bewusst, dass wir noch Zeit brauchen, bis wir ein Team sind, das konstant Leistungen abrufen kann. Wir gehen einfach noch nicht aus jedem Spiel, in dem wir überlegen sind, mit Punkten raus, und für Platz drei bräuchten wir das. Wir müssen jetzt einfach sehen, dass wir mehr Punkte holen und da näher rankommen. Ich will mit Frankfurt generell gerne international spielen - ob die Qualifikation diese, nächste oder übernächste Saison gelingt. Je schneller, desto besser. Aber dafür müssen wir die Spiele gewinnen.

hessenschau.de: Hat es euch geholfen, dass der Kern des Teams geblieben ist und Sie so - bis auf ein paar Neuzugänge - schon seit Jahren zusammenspielen?

Freigang: Ja, wir kennen uns gut und haben schon jede Menge miteinander durchgemacht. Wir können uns aufeinander besinnen und sind füreinander wie ein Auffangnetz. Da können wir uns in schwierigen Momenten drauf verlassen.

hessenschau.de: Sie haben in den USA Psychologie studiert, bringen Sie das in diesen schwierigen Phasen mit ein?

Freigang: Ich habe individuell sehr viel gearbeitet, finde aber auch, dass das ein Thema ist, was auch in der Mannschaft wichtig ist. Ich versuche einfließen zu lassen, was ich gelernt habe. Wir haben viel miteinander gesprochen. Uns haben die Niederlagen zusammengeschweißt, und wir ziehen da etwas Positives raus. Ich habe den Anspruch an mich, in dieser und auch in der nächsten Saison Führungsspielerin zu sein und das einfließen zu lassen.

hessenschau.de: Können Fußballer beim Thema sportpsychologische Arbeit noch etwas von Fußballerinnen lernen?

Freigang: Ich bin mir sicher, dass viele Fußballer im Hintergrund sportpsychologisch arbeiten, aber nicht darüber reden. Ich spreche da gern offen drüber, weil ich das wichtig finde.

hessenschau.de: Sie ziehen vor Spielen erst den linken Stutzen an und dann den linken Schuh. Sind Sie abergläubisch?

Freigang: Ich weiß, dass das Blödsinn ist, mache es aber trotzdem. Das habe ich mir so angewöhnt, weil es sich richtig anfühlt.

hessenschau.de: In diesem Jahr wurde groß gefeiert: 50 Jahre "Frauenfußball", also 50 Jahre nicht mehr offiziell verboten. Was wünschen Sie sich als Fußballerin für die nächsten 50?

Freigang: Hoffentlich keine Verbote (lacht). Ich hoffe, dass wir eine größere Plattform bekommen, um unseren Fußball zu zeigen. Ich denke, dass wir die Möglichkeit haben zu begeistern. Aber dafür müssen wir auch die Chance kriegen, uns zu präsentieren. Spiele wie das Länderspiel in Wembley zeigen einfach, was da noch für ein Potenzial ist - auch mit Blick auf die Fans. Ich hoffe, dass das in den nächsten Jahren häufigere Ereignisse sind und nicht einmalige.

Laura Freigang im Nationaltrikot

hessenschau.de: Sie haben im März beim Algarve-Cup das erste Mal für die Nationalelf gespielt und damit ein ganz großes persönliches Ziel erreicht. Wie war das?

Freigang: Ich wusste an dem Tag, dass ich vielleicht die Chance bekomme, ein paar Minuten zu spielen - und war nervös. Als ich dann eingewechselt wurde, ging alles so schnell, die 20 Minuten sind wie im Flug vergangen, und ich habe es erst realisiert, als ich abends im Bett lag. Es war eine schöne Erfahrung. Ich bin dankbar, dass ich da anknüpfen und noch weitere Länderspiele machen durfte. Ich bin noch nicht im Nationalteam angekommen - ich habe einen Fuß in der Tür, aber ich kann mich darauf nicht ausruhen. Ich will mich bis zur Europameisterschaft in die Mannschaft spielen - aber das ist noch ein weiter Weg. Ich möchte als Spielerin wachsen.

hessenschau.de: Was sind Ihre Ziele für 2021?

Freigang: Ich will mit der Eintracht die Saison so gut wie möglich beenden, so viele Punkte wie möglich holen und guten Fußball zeigen. Ich ganz persönlich würde mich freuen, weiter in der Nationalmannschaft aktiv sein zu dürfen - ich fange da klein an und nehme die Treppe nach oben, Schritt für Schritt.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Rose.