Oliver Glasner bejubelt den Sieg in München.

Nur zwei Siege aus zehn Pflichtspielen - dennoch punktet Trainer Oliver Glasner in seinen ersten 100 Tagen in Frankfurt. Er begegnet den Querelen mit Ruhe und Humor. Beim Überraschungssieg gegen die Bayern wird er für seinen Mut belohnt.

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Schon an seinem ersten Tag als Eintracht-Trainer verwunderte Oliver Glasner mit seinem Auftreten. Sein freundliches Lachen bei der Vorstellung passe so gar nicht zu den Schilderungen über den reservierten Glasner aus Wolfsburg, merkte ein Journalist bei der Vorstellungsrunde an. "Es ist bei mir wie im Studium: Am Anfang habe ich auch alles locker genommen und später bei den Prüfungen war ich angepannt", erklärte Glasner daraufhin. Die Prüfung in Wolfsburg war die Qualifikation für die Champions League - und er bestand sie.

Die Vorstellung liegt nun 100 Tage zurück, Glasner ließ einige amüsante Vergleiche folgen. Das mangelnde Selbstvertrauen seiner Mannschaft erklärte er mit dem Hadern eines Models mit der eigenen Figur. Den Vertrauensbruch nach dem Streik von Filip Kostic verglich er mit einer Beziehung nach dem Seitensprung. Und er korrigierte auf charmante Weise einen Beitrag an dieser Stelle, wonach er vor dem Training 50 Liegestütze absolviert hatte. "Bleiben wir bei der Wahrheit: Es waren 54."

Das Auftreten: Glasner zeigt Günther Jauch-Qualitäten

Das Image des etwas drögen Facharbeiters aus der Autostadt hat Glasner in kürzester Zeit in Frankfurt zerstreut. Außerdem war ja aus Wolfsburg ruchbar geworden, dass er sich mit dem dortigen Sportchef Jörg Schmadtke heillos über Transfers zerstritten und jede direkte Kommunikation gekappt hatte. Als hätten die Frankfurter ihn gleich mal auf die Probe stellen wollen, lieferten sie die ganze Bandbreite an Transferaufregern: Es folgten der Weggang des Toptorjägers André Silva, die bis heute anhaltende Posse um Amin Younes, der Streik von Filip Kostic oder die zehrende Suche nach einem neuen Mittelstürmer.

Mitten im großen Ballyhoo glänzte Glasner im Stile von Günther Jauch als Moderator, der den Aufgeregtheiten nicht selten mit spitzbübischem Humor begegnete. Dass Filip Kostic nach seiner Wiedereingliederung nahtlos an seine früheren Glanzleistungen anknüpft, liegt auch an den sozialpädagogischen Qualitäten des Trainers. Zumindest in der Außenwahrnehmung zeigt sich der neue Trainer viel nahbarer als sein Vorgänger Adi Hütter. Glasner radelt auch mal über das Gelände, schaut sich das Training der Frauenmannschaft an und plauscht mit den Anhängern vor Ort. In Sachsenhausen traf er bei einem dieser Pläuschchen eine ältere Dame, die ihm den Hinweis mitgab: "Passen Sie gut auf meine Eintracht auf."

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Oliver Glasner
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Die Defensive: Glasner sucht lange die Formation

Die gute Frau musste aber zum Saisonauftakt bange Stunden mit der Eintracht und dem neuen Coach aushalten. Nach dem Pokalaus in Mannheim setzte es eine derbe Klatsche in Dortmund und gleich mehrere Unentschieden, vor allem gegen vermeintliche Leichtgewichte der Liga wie Bielefeld, Stuttgart oder Augsburg. "Wir wollen hinten den Laden öfter dicht halten", hatte Glasner bei seiner Antrittsrede gesagt. Doch bis zur vergangenen Woche hatte sein Team in acht Partien nur ein Mal zu Null gespielt.

Durch Verletzungen und Formkrisen wurde Glasner immer wieder zum Umstellen gezwungen, doch er fand auch seine Formation zunächst nicht. Tuta startete in Mannheim in die Saison und flog dann bis zum vergangenen Sonntag komplett aus den Planungen. Makoto Hasebe spielte lange keine Rolle und meldete sich dann in altbekannter Manier mit einer starken Leistung in Antwerpen zurück. Glasner setzte erst auf Dreier, dann auf Vierer-, nun (durch Verletzungen gezwungen) wieder auf Dreierkette. Das wirkt wankelmütig, doch der Coach hatte schon am 29. Juni bei seiner Vorstellung gesagt: "Ich bin da völlig vorbehaltlos, was Dreier- oder Viererkette angeht. Wichtig ist, die Mannschaft kennenzulernen, um zu schauen, in welcher Formation sie sich wohl fühlt."

Die Offensive: Die Festplatte ist noch immer nicht beschrieben

Viel größere Sorgen muss er sich nun sowieso um die Offensive machen. Neuzugängen wie Jens Petter Hauge fehlt die Durchschlagskraft, Sam Lammers die Bindung zu den Mitspielern. Daichi Kamada pendelt zwischen genialischen Momenten und phlegmatischem Abtauchen. Viel zu selten hat die Eintracht-Offensive Kombinationen gezeigt wie vor dem 1:0 in Bielefeld, dem 17 Stationen am Stück vorausgingen. Meistens laufen die hochveranlagten Techniker aneinander vorbei - eine Passquote in dieser Saison von nur 77 Prozent spricht dabei Bände (nur vier Teams in der Liga sind schlechter). In den Trainingseinheiten korrigiert der Trainer häufig, er wünscht sich ein schnelleres Umschalten und einen direkten Weg zum Tor.

Doch noch wirkt seine Mannschaft überfordert von den neuen Maßgaben, die Spieler entscheiden sich im Eifer des Gefechts zu oft für den falschen Ball. Glasner drückte es Anfang September so im "kicker" aus: "Der erste Schritt ist das Verstehen, der zweite die Umsetzung. Je mehr Stress vom Gegner kommt, desto weniger präsent sind die Inhalte. Das zeigt mir, dass die Festplatte noch nicht beschrieben ist." Die Automatismen fehlen durch die verschiedenen Versuchsanordnungen (zuletzt mit Hrustic im offensiven Mittelfeld), aber auch durch den engen Terminplan. "Wir können kaum trainieren", sagt Glasner - und hat nicht Unrecht: Nach den Europapokalwochen steht nun die Länderspielpause an, in der die meisten Stammkräfte auf Reisen sind. Immerhin: Ende Oktober hat die Eintracht mal unter der Woche spielfrei: Sie ist schließlich im Pokal schon raus.

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Audioseite Glasner: "Wir wollen in München gewinnen"

Oliver Glasner im Kreise seiner Spieler
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Der Einsatz stimmt - Eintracht Zweiter bei den Läufen

Trotz der spielerischen Mängel konnte man der Eintracht in puncto Einsatz keinen Vorwurf machen. Im bekannten Stil von Glasner laufen die Spieler mehr als in der vergangenen Saison, sinnbildlich dafür steht Neuzugang Kristijan Jakic als Katalysator im Mittelfeld. Insgesamt weist die Eintracht bei der Laufdistanz, den intensiven Läufen und den Sprints jeweils die zweitbesten Werte der Liga auf. Und auch Glasner betätigt sich als Antreiber, an der Seitenlinie und am Mikrofon.

Mit seiner Ansage vor dem Spiel in München ("Wir wollen gewinnen") ergriff er die Flucht nach vorne und setzte die letzten Prozentpunkte an Motivation und Selbstvertrauen bei seinen Schützlingen frei. Auf den Trainer wartet im taktischen wie spielerischen Bereich noch eine ganze Menge Arbeit, doch mit dem 2:1 in München belohnte sich das Team auch für sein Engagement in den vergangenen Wochen. Und das gilt ohne Einschränkung auch für Oliver Glasner. Spätestens mit diesem Erfolg scheint er in Frankfurt endgültig angekommen.