Vor genau 20 Jahren war Eintracht Frankfurt eigentlich schon abgestiegen. Dann kam Jan Age Fjörtofts Übersteiger – und es entstand die legendärste Radiokonferenz der Bundesliga-Geschichte.

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Ein Knäuel Frankfurter Spieler jubelt nach dem 5:1-Sieg der Eintracht gegen den 1. FC Kaiserslautern am 29.05.1999 im Frankfurter Waldstadion.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Erinnerungen an die legendäre Bundesliga-Radiokonferenz am 29. Mai 1999

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Um 17:12 Uhr gehen mit Günther Koch endgültig die Gäule durch. Der Radioreporter, Hörfunklegende und Club-Fan durch und durch, schreit ins Mikrofon, die Stimme bricht. "Tooooor! Tooor! Tor in Nürnberg!". Die Regie der Samstagskonferenz schaltet zu Koch – und der verliert die Fassung: "Ich pack' das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen. Aber sie haben ein Tor gemacht."

"Sie" meint an jenem 29. Mai 1999 die Spieler des 1. FC Nürnberg, für den der Klassenerhalt plötzlich wieder in greifbarer Nähe scheint. Fünf Mannschaften kämpfen am letzten Spieltag noch ums Überleben. Als Tabellenzwölfter mit drei Punkten und fünf Toren Differenz Vorsprung auf Abstiegsrang 16 haben die Franken die komfortabelste Ausgangsposition inne, während Eintracht Frankfurt gegen den Champions-League-Aspiranten 1. FC Kaiserslautern und Hansa Rostock in Bochum spielen müssen. Auf einen historischen Nachmittag deutet vor dem Spiel nicht allzu viel hin.

"Der Klassenerhalt war schier unmöglich"

Auch nicht in Frankfurt, wo Kochs Reporterkollege Dirk Schmitt mit dem Spiel der Frankfurter Eintracht betraut ist. Anders als Koch, den bereits vor dem Spiel eine vage Ahnung beschleicht, ahnt Schmitt an jenem Tag nichts. "Die Eintracht hatte drei Spiele in Folge gewonnen, es herrschte verhaltener Optimismus. Aber das Gefühl, dass dieser Spieltag außergewöhnlich werden würde, hatte ich nicht."

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Fans von Eintracht Frankfurt während des Spiels gegen Kaiserslautern im Jahr 1999

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die entscheidende Phase der legendären Radiokonferenz von 1999

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Kein Wunder: Trotz der drei Siege in Folge hat die Eintracht noch immer die schlechteste Ausgangsposition aller Abstiegskandidaten. Viel zu spät hat Feuerwehrmann Jörg Berger seine Mannschaft wachgeküsst. Scheint es zumindest. "Berger hat es verstanden, die Führungsspieler für sich zu gewinnen. Das hat sich in den letzten Spielen bemerkbar gemacht", so Schmitt. Dennoch: Neben den bereits abgestiegenen Bochumern und Gladbachern sind es die Hessen, die als wahrscheinlichster dritter Absteiger ins Rennen gehen. "Es war eine Zeit, in der man der Eintracht nicht viel zugetraut hat", so Schmitt. "Der Klassenerhalt war schier unmöglich."

"Ich hatte Angst vor der eigenen Schusseligkeit"

Aber an diesem Tag ist nichts unmöglich, nicht in Nürnberg, nicht in Bochum, nicht in Frankfurt, wo von der linken Seite Marko Gebhardt in den Strafraum eindringt und das 3:1 macht. Dann Majak, der eingewechselte Majak mit dem 3:2, schreit Manni Breuckmann in Bochum, in Frankfurt Bernd Schneider, 4:1, dann in Nürnberg das 1:2, Nikl per Kopf, Flanke von Kuka. Treffer für die Clubberer. "Es ist nicht zu fassen", japst Günther Koch. Minütlich, ach, sekündlich gibt es einen neuen Tabellenstand, einen neuen Absteiger. Schmitts größte Sorge inmitten des Trubels: die Rechnerei. Im Pre-Internet-Zeitalter sitzt er mit Stift und Zettel auf der Pressetribüne und versucht, mit den Ereignissen auf den Plätzen Schritt zu halten und die Tabelle zu aktualisieren.

"Mathematisch ist das alles zu bewältigen. Aber in dem Augenblick hatte ich Angst vor der eigenen Schusseligkeit", so Schmitt. In einer Konstellation, in der jedes einzelne Tor die Tabelle ändert, darf man sich keinen noch so kleinen Fehler erlauben. "Ich hatte Schiss, daneben zu liegen. Die Fans hätten Schnappatmung gekriegt, wenn ich etwas Falsches durchgegeben hätte."

"Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler..."

Und dann ist Schmitt zur rechten Zeit am rechten Ort. So wie der entscheidende Angriff der Frankfurter an Tempo gewinnt, so tut es Schmitts Stimme: "Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position. Nur Sforza hat er noch vor sich. Dann ist es Fjörtoft, der ist im Strafraum. Und er trifft. Tooorr, Tooooooor, für die Frankfurter Eintracht, 5:1. Herrjeh! Welche Leistung! Und damit ist wieder der 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga."

Herrjeh, welche Leistung. Auf ein Fußballwunder hat bis spät in den Nachmittag nichts hingedeutet, noch bis zur 68. Minuten steht es 1:1. Aber dann passiert etwas, was schwer greifbar ist. "Es war sauheiß", erinnert sich Schmitt. "Der ganze Rahmen hat gestimmt. Das 2:1 und 3:1 fielen schnell hintereinander. Und die Spieler auf dem Platz, die Bank und die Zuschauer wurden zu einer Einheit. Es hat gebrodelt. Das ganze Stadion hat Lautern überrollt." Fjörtofts Übersteiger bedeutet den spektakulärsten Klassenerhalt der Ligageschichte. Und für Nürnberg und Günther Koch den Abgrund.

"Wer sagt schon 'Herrjeh'?"

Noch heute wird Schmitt oft auf den 29. Mai 1999 angesprochen, manchmal begrüßen ihn Fußballfans, die ihn erkennen, mit "Herrjeh, was für eine Leistung." "Wer sagt schon 'Herrjeh'?", lacht Schmitt heute. Einmal, als Schmitt im Büro saß, habe das Handy des Fensterputzers geklingelt, der gerade an der Scheibe zugange war. Der Klingelton: Schmitts Stimme, Fjörtofts Tor. Gesagt hat Schmitt nichts. Vielleicht nur gedacht: Herrjeh!