Alex Meier

2004 kommt der Fußballgott zu Eintracht Frankfurt. Alex Meier, ein schüchterner Junge aus dem hohen Norden, wird in Hessen zum Fußballprofi. Durch eine glückliche Fügung des Schicksals. Und das Geheimnis einer Pferdekoppel.

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Alex Meier
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Die Ankündigung Gottes liest sich nicht sonderlich göttlich. "Am heutigen Nachmittag unterschrieb Alexander Meier vom Hamburger SV einen 1-Jahres-Vertrag bei Eintracht Frankfurt", heißt es in einer Pressemitteilung der Eintracht vom 1. Juli 2004. "Der gelernte Bürokaufmann, der zuvor beim FC St. Pauli und zuletzt beim Hamburger SV im Angriff spielte, ist 1,96 m groß und 84 kg schwer."

Ein gelernter Bürokaufmann, 1,96 groß, 84 kg schwer, die Eckdaten eines Talents, vielleicht eines Hoffnungsträgers, sehr viel mehr aber nicht. Eine Handvoll Profispiele hat er gemacht, null Euro Leihgebühr gekostet, seine Ankunft ist acht Zeilen Pressemitteilung wichtig. Aber wer kann schon in die Zukunft sehen? Woran erkennt man eine Legende in spe? Kurz: What if God was one of us?

Die glückliche Fügung mit Reutershahn

2004 stellt sich die Frage nach einem Fußballgott bei Eintracht Frankfurt nicht. Die Legenden sitzen höchstens als Ehrengäste auf der Tribüne, bei der SGE hat man in einem tristen Fußballsommer ganz andere Probleme. Die Eintracht muss dringend den Wiederaufstieg schaffen, Manager Heribert Bruchhagen und Trainer Friedhelm Funkel stellen dafür ein Team zusammen, dass sich aus erfahrenen Spielern und Talenten zusammensetzt. Arie van Lent kommt, Patrick Ochs und Markus Weissenberger ebenso, ein paar andere noch, die bald wieder gehen. Und: Alex Meier, damals nur Experten ein Begriff.

All die Zufälle und glücklichen Fügungen, die es überhaupt braucht, um Profifußballer zu werden, bei Meier beginnen sie mit einem solchen Experten. Armin Reutershahn. "Ich war damals Co-Trainer beim Hamburger SV", sagt Reutershahn, viele Jahre später selbst eine Art Frankfurter Urgestein. In dieser Funktion geht er Anfang der 2000er zu einem U19-Derby des HSV gegen St. Pauli, um zwei Jugendspieler des HSV zu beobachten, die für die erste Mannschaft interessant sein könnten. Nur dass beide Spieler verblassen und der HSV das Derby deutlich verliert. Wegen Alex Meier.

"Den Meier haben wir weggeschickt. Der war nicht gut genug"

Reutershahn sieht in einem lange vergessenen A-Jugendspiel zum ersten Mal, was abertausende Eintracht-Fans bald durch 14 Jahre Fanleben begleiten wird: Ein Schlacks in der Offensive, hängende Schultern, vielleicht nicht der Schnellste. Dafür umso schneller im Kopf. Meier sieht Schnittstellen, die andere nicht sehen, macht Tore, die andere nicht machen, und steht, wie ferngesteuert, immer da, wo es gefährlich wird.

"Am nächsten Morgen in der Besprechung sagte ich: 'Alexander Meier war der beste Mann auf dem Platz.' Da sagte man mir: 'Der wurde nicht als gut genug für uns erachtet, den haben wir letztes Jahr weggeschickt.'" Reutershahn ist fassungslos.

"Lass uns den Meier ausleihen, der hilft uns auf jeden Fall"

Aber das Schicksal, es schlägt so seine Volten. Und meint es gut mit Reutershahn, Meier, ja dem ganzen Verein Eintracht Frankfurt und seinen vielen Fans. Meiers Fünfjahresvertrag bei St. Pauli wird durch den Abstieg in die Regionalliga nichtig, Reutershahn holt Meier prompt zum HSV zurück. Als er selbst dann ein Jahr später weiterzieht, um in Frankfurt an der Seite von Friedhelm Funkel zu coachen, sagt Reutershahn zu seinem neuen Chef: "Lass uns den Meier ausleihen, der bringt uns weiter. Der hilft uns auf jeden Fall."

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Heimspiel: Alex Meier ist der Fußballgott von Eintracht Frankfurt.
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Wie Recht er damit hat. In Frankfurt wird der stille Junge schnell das, was Reutershahn schon in jenem denkwürdigen U19-Spiel bezeugen konnte: der beste Mann. Noch ist er jung und unfertig, zu oft noch wirkt es, als transportiere er seine Zurückhaltung, seine Schüchternheit aus dem Privaten auch auf den Platz. Aber sein Gefühl für den Raum, für das Spiel, diese Technik und Torgefahr, kurz: sein Talent sind unverkennbar. Meier macht alle 34 Spiele, trifft direkt im ersten zur Führung. "Shooting Star", nennt ihn die Presse, "sensationell", sagt der Trainer. Am Ende steht der Aufstieg, an dem Meier mit neun Toren und acht Vorlagen maßgeblich beteiligt ist.

"Wenn er seine Innenseite auspackt, ist es eigentlich immer ein Tor"

Und was für Tore. Diese Innenseite. Die Bälle segeln in den Strafraum, Meier streichelt sie mit dem Innenrist ins lange Eck. Wo andere Spieler blind, fast wütend, draufhauen, dreht Meier das Bein zur Seite, eine Bewegung, als würde er dem Ball höflich die Tür aufhalten. "Seine Schusstechnik sucht seinesgleichen", sagt Funkel. Marco Russ, der mit Meier 2004 das erste von 14 Jahren zusammenspielt, staunt schon damals: "Er hat für einen Mittelfeldspieler einen Riecher, den ein Stürmer sonst hat. Wenn er seine Innenseite auspackt, ist es eigentlich immer ein Tor."

Meiers Innenrist wird mit den Jahren von einer Stärke zum Markenzeichen. Und sie kommt nicht von ungefähr. Sie kommt: von einer Pferdekoppel. Am Rande von Meiers Heimatstadt Buchholz, wo heute Pferde grasen, und früher ein Bolzplatz war, feilt Meier an seiner Geheimwaffe. Vater Axel, selbst einst Zweitligaspieler in der DDR, hat entscheidenden Anteil, legt den Grundstein für etwas, das sich nach der Karriere in Zahlen messen lässt, in 152 Profitoren, um genau zu sein. "Alex hat sehr früh gesagt, er will Profi werden. Da ich auch was vom Sport verstehe, habe ich gesagt: Das geht nur so und so. Und das hat er sehr schnell verinnerlicht", so Papa Meier.

"Der Rat war nicht ganz so schlecht"

So und so, das meint in Meiers Falle: anderthalb Stunden gemeinsames Training am Tag auf dem Bolzplatz, immer wieder und wieder die Innenseite, das lange Eck. Nicht verbissen, "das Wichtigste war der Spaß", betont Vater Axel. Aber kontinuierlich. Und erfolgreich. "Mein Vater sagte mir, wenn ich 16 Meter vor dem Tor bin, solle ich die Innenseite nehmen, um genauer zu schießen. Der Rat war nicht ganz so schlecht", lacht Meier.

Eine Untertreibung, wie sie für Meier typisch ist. Auf dem Bolzplatz, der jetzt Koppel ist, bekommt er zwei Dinge mit auf den Weg: Einerseits ein Arbeitsethos, das er sich Zeit seiner Karriere beibehält. Bis zum Ende seiner Laufbahn schiebt er Sonderschichten, lässt sich den Ball nach dem Training noch stundenlang in den Strafraum flanken, um ihn volley auf die lange Ecke zu ziehen.

Eine ganze Karriere im Aktenschrank

Und andererseits eine gute Erziehung, Bescheidenheit, Demut. "Ein ganz toller, bescheidener Mensch", sagt Funkel. "Ein bescheidener und gut erzogener, höflicher Junge", sagt Bruchhagen, als hätten sie sich abgesprochen. Es ist eine Mischung aus beidem, die Meier viele Jahre später in Frankfurt zur Legende machen wird.

Auch 2005, als die Eintracht wieder in der Bundesliga spielt, weiß das noch niemand. Aber vielleicht ahnt es einer: Meiers Vater. Er beginnt, die Artikel über seinen Sohn in Aktenordner zu archivieren, jede Saison kommen so zwei bis drei Ordner zusammen, 17 Jahre lang. Jeder Sieg, jede Niederlage, alle Erfolge und Krisen, eine Legendenbildung auf Papier, ein ganzes Fußballerleben im Aktenschrank. "Ich frage mich, ob da später noch jemand reinguckt", sagt er. Gut möglich, vielleicht ja Menschen mit Interesse an Fußball und Göttern. Und vielleicht finden sie dann auch die Pressemitteilung vom 1. Juli 2004.

Weitere Informationen

Alex Meier - Sein Weg zum Fußballgott

Dieser Artikel ist der erste von drei, die den Werdegang von Alex Meier nachzeichen. Teil 2 erscheint am Mittwoch auf hessenschau.de, Teil 3 am Freitag.

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Sendung: hr-fernsehen, Alexander Meier – Mein Weg zum Eintracht-Fußballgott, 02.12.20, 21.45 Uhr