Alex Meier

Auch ein Fußballgott muss mal gehen. Aber Alex Meier verlässt Eintracht Frankfurt gleich zweimal auf die perfekte Weise. Und immer spielt David Abraham eine entscheidende Rolle.

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Und dann ist der Ball eigentlich schon tot. Es läuft die 91. Minute im Spiel der Eintracht gegen den Hamburger SV. 33. Spieltag, es steht 2:0, ein letzter Angriff der Hessen in einer bereits entschiedenen Partie. Aber etwas ist anders. Etwas liegt in der Luft. Denn der Fußballgott spielt, nach einem ganzen Jahr Pause, und auch wenn das noch niemand ausgesprochen hat, wissen es alle: Dies wird heute sein Abschied sein.

Aber dieser verdammte Ball ist eigentlich schon tot. Omar Mascarell hat ihn im Mittelfeld vertändelt und den Konter damit beerdigt. Nur dass David Abraham, der nach dieser Saison die Kapitänsbinde des Fußballgottes erben wird, dem Ball hinterherrennt wie besessen. Die Eintracht führt, er müsste das nicht machen, aber vielleicht ahnt Abraham, selbst ja ein erfahrener Spieler, was das Schicksal an diesem Tag vorhat. Dass es eine kleine Schleife binden will um eine Karriere, die in diesen Spielminuten zu Ende geht.

Tausende Menschen halten den Atem an

Was dann passiert, wird niemand je vergessen, der dabei war. Abraham, der Innenverteidiger, rennt die Linie entlang, hebt den Kopf, im Strafraum winkt Meier Mijat Gacinovic zur Mitte, um die Verteidiger auseinanderzuziehen. Abraham flankt, es ist einer dieser Bälle, von denen man weiß, das sie gut kommen, und tausende Menschen halten den Atem an. Man hat das Gefühl, in der Sekunde, bevor der Ball Meier erreicht, steht im Frankfurter Stadtwald die Zeit still.

Meier ist da schon lange der Fußballgott. Sein Legendenstatus ist spätestens mit dem Wiederaufstieg besiegelt, und die Liebe wird Jahr um Jahr, Tor um Tor größer. Ruft der Stadionsprecher Alex Meier aus, komplettiert die Kurve: "FUSSBALLGOTT". Sein Gesicht ziert T-Shirts, es gibt Gesänge darüber, wie er seine Tore mit Fuß, Kopf, Zopf macht, in ein paar Wochen werden spontan einige hundert Fans für einen neuen Vertrag Meiers demonstrieren. Kurz: Die Stadt liegt ihm zu Füßen.

Vorboten einer schönen neuen Frankfurter Fußballwelt

Aber Meier ist auch älter geworden. Hängende Schultern, nicht der Schnellste, das war ja schon immer so. Mit Mitte dreißig, während sich der Fußball immer schneller dreht, wird es nicht einfacher. In der Kabine sitzen Vorboten einer schönen neuen Frankfurter Fußballwelt, Luka Jovic, Sébastien Haller, Ante Rebic, Raketen in spe, bereit, gezündet zu werden. Alex Meier plagen Verletzungssorgen. Schon in den Jahren zuvor zwicken Knie und Ferse bedenklich. In der Saison 2017/18 schließlich macht Meier wegen einer Operation am Knöchel nur ein einziges Spiel. Jenes gegen den HSV.

Dass er überhaupt spielt, ist dem Fingerspitzengefühl von Trainer Niko Kovac zu verdanken. Kovac hat es selbst nicht leicht, nach zwei erfolgreichen Jahren geht er zu den Bayern, was ihm die Fans übel nehmen. Aber Kovac hat Format. Er weiß um die Tiefe, die Bedeutung, die der Fußball für die Menschen hat. Und um jene Alex Meiers in Frankfurt. "Das ich noch einmal gespielt habe, war ein Geschenk vom Trainer", sagt Meier.

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Heimspiel: Alex Meier ist der Fußballgott von Eintracht Frankfurt.
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"Alex Meier ist Eintracht Frankfurt"

Mehr noch: Es ist der perfekte Abschied. Die Flanke kommt, und Meier macht, was er immer gemacht hat, so oft schon, immer und immer wieder. Er nimmt die Innenseite, zielt aufs lange Eck, und trifft, natürlich. Und die Arena explodiert. Menschen liegen sich schreiend in den Armen, weinen, jubeln. "Alex Meier" ruft der Stadionsprecher, "FUSSBALLGOTT", schreit es zurück, so laut wie nie zuvor. "Der Abschluss hätte nicht besser sein können", sagt Meier. "Nochmal reinkommen, ausverkauftes Haus, das Tor fällt und alle drehen durch." Sein Kumpel Timothy Chandler hat "auf der Bank fast Tränen in den Augen. Ich habe mich so riesig für ihn gefreut." Und auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagt ein sichtlich angefasster Kovac: "Das hat er sich verdient. Alex Meier ist Eintracht Frankfurt."

Es ist eine angemessene Geste für einen, der immer da geblieben ist. Der sich wenige Jahre zuvor noch gegen den Abschied durch die Hintertür entschied, um in China abzukassieren, während sein Herzensklub im Abstiegskampf ums Überleben kämpft. Alex Meier ist Eintracht Frankfurt. Weil er immer da war, immer alles gegeben hat, immer geblieben ist. Und der im Gegenzug die ewige Liebe der Frankfurter und einen festen Platz in den Geschichtsbüchern bekommt. Es ist ein guter Tausch.

"Natürlich war ich enttäuscht"

Nur ändert sich eben alles, der Fußball, das Leben, auch der Klub wird sich nur zwei Wochen nach Meiers letztem Spiel verändern. Berlin, Mai 2018. Als nachmittags die Runde macht, dass Meier beim Pokalfinale nicht im Kader stehen wird, versteht das nicht jeder, der es mit der Eintracht hält. Wäre nicht er einer für diesen einen Moment, der den Hessen gegen die großen Bayern vielleicht vergönnt sein wird? Diese eine Flanke, Innenseite, langes Eck? Aber Kovac hat im Endspiel keinen Platz für Meier, der Abschied gegen den HSV war ein vorgezogener. Meier versteht das, bei aller Enttäuschung. "Natürlich war ich enttäuscht. Aber ich habe in dem Jahr nur ein Spiel gemacht. Und die Jungs, die sich bis nach Berlin gekämpft haben, hatten es verdient zu spielen."

Dass Meier, ganz seine Art, die Enttäuschung hinnimmt und sich in den Dienst der Sache stellt, ehrt ihn. Und epochale 96 Minuten nach Anpfiff geht die Karriere des Fußballgottes bei Eintracht Frankfurt mit einem nicht für möglich gehaltenen Titel zu Ende. Gemeinsam mit Abraham hebt Meier den ersten Frankfurter Pokal seit 30 Jahren in den Goldregen Berlins. "Dass ich den Pokal hochhalten durfte, ist eine große Geste", so Meier. Einen Tag später verabschiedet er sich auf dem Römer von den jubelnden Fans. In typischer Meier-Manier: "Danke, danke, danke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll." Muss er ja auch nicht. Er stimmt lieber "Wer nicht hüpft, ist Offenbacher" an.

"Ich hoffe, dass ich die nächsten 20, 25 Jahre hier bleibe"

Aber ein Fußballgott geht natürlich niemals so ganz. Nach Stationen bei St. Pauli und in Sidney ist Meier seit 2020 Co-Trainer der U16-Jugend, ein Job, der ihm "riesig Spaß macht". Auch wenn der schönste Teil noch immer der ist, wenn er beim Trainingsspiel aushelfen muss, wie er grinsend zugibt. Dennoch: "Ich hoffe, dass ich die nächsten 20, 25 Jahre hier bleibe", sagt er. Da braucht er sich eigentlich keine Sorgen machen. Zumindest in den Geschichtsbüchern des Klubs und in den Herzen der Fans wird er für immer bleiben.

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Alex Meier - Sein Weg zum Fußballgott

Dieser Beitrag ist der letzte Teil unserer Reihe, die den Werdegang von Alex Meier bei Eintracht Frankfurt nachzeichnet. Teil 1 können Sie hier finden, Teil 2 hier.

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