Alex Meier

Um bei Eintracht Frankfurt zum Fußballgott zu werden, muss Alex Meier erst der Sündenbock sein. Es ist sein Glück, dass ein Ex-Trainer an seinen Bruder denkt. Und ein anderer eine Prophezeiung wahr macht.

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Alex Meier
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Vielleicht ist an Marco Russ ein Prophet verlorengegangen. Schon 2005, Russ und Alex Meier haben gerade ihre erste gemeinsame Saison in Diensten Eintracht Frankfurts mit dem Aufstieg gekrönt, sagt Russ: "Er hat für einen Mittelfeldspieler einen Riecher, den ein Stürmer sonst hat." Meier hat im Unterhaus neun Tore geschossen, in seiner Debütsaison für die Hessen in der Bundesliga werden es sieben sein. Aber: Sind das nicht ein paar zu wenig für einen wie Meier? Für einen Fußballgott? Und: Wäre er vielleicht früher zum Fußballgott geworden, nicht erst zum Sündebock, hätten die Trainer auf Russ gehört und Meier in den Sturm gestellt?

2005, Russ und Meier wissen das noch nicht, stehen den Hessen nämlich erst einmal ein paar bleierne Jahre ins Haus. Viel Kampf, Krampf, kaum Highlights. Ein Pokalfinale geht verloren, es gibt eines der seltenen Frankfurter Gastspiele in Europa. Ansonsten bestehen die Jahre zwischen 2005 und 2010 aus viel Stückwerk. Ganze Saisons fliegen an den Hessen vorbei, ohne dass man das Gefühl hat, der Klub komme vom Fleck. Die Tabelle zementiert, das Konto leer, die Fans im Wartestand. Aber auf was eigentlich? Der Fußball, er lebt doch von dem Versprechen, dass es eines Tages besser wird. Ein bisschen Aufbruch, ein bisschen Perspektive. Ein Geschäft mit Träumen, das ist dieser Sport im Kern. Aber in Frankfurt werden sie zu selten feilgeboten.

"Nach dem zweiten Jahr war ich nicht mehr ganz so beliebt."

Einer, der die Fans an guten Tagen träumen lässt, ist Meier. An guten Tagen blitzt ihm ein Pass auf Amanatidis, Copado oder Thurk aus dem Fußgelenk, der die Menschen von den Sitzen reißt. An guten Tagen schlenzt Meier stoisch seine Bälle in die langen Ecken der Tore, wie er es immer gemacht hat. An guten Tagen. Aber zu oft noch wechseln sich diese mit den schlechten Tagen ab. Jenen, an denen sich Meier aus dem Spiel herausnimmt wie aus einer unangenehmen Unterhaltung. An denen es wirkt – hängende Schultern, nicht der Schnellste – als würde durchs Mittelfeld schlurfen, als ginge er gerade mit seinem Hund Gassi.

Wer aber so viel kann, muss das auch zeigen. Meier, das wissen ja all jene, die ihn mal an guten Tagen gesehen haben, wäre ein Versprechen auf mehr. Eine Perspektive. Einer, der den Klub an der Hand nehmen und durch die Tür in eine bessere Zukunft gehen könnte. Aber schließt er mal wieder überhastet ab, kommt einer seiner Pässe nicht an, vertändelt er einen Ball, geht ein Raunen durchs Stadion. Der Meier wieder, war ja klar. Bis die Stimmung schließlich kippt. "Im ersten Jahr war alles okay. Im zweiten auch", sagt Meier. "Nach dem zweiten Jahr war ich dann nicht mehr ganz so beliebt."

"Er wurde zum Teil im defensiven Mittelfeld eingesetzt"

Meier droht für die Fans zum uneingelösten Versprechen zu werden. Und die schmerzen ja am meisten. Zumal er oft falsch eingesetzt wird. Er, der die Gefahr im Strafraum wittert wie ein Hund den Knochen, wird immer wieder zurückgezogen, die Wege vors Tor werden länger und länger. "Er wurde zum Teil im zentralen Mittelfeld, auch mal im defensiven Mittelfeld eingesetzt", sagt Heribert Bruchhagen. "Diese Abschluss-Qualität, die er hat und die ihn zum Torjäger gemacht hat, die ist nicht immer zum Tragen gekommen." Auch in der Offensive wirkt Meier oft unbeteiligt. Aber das ist nicht so wild, denn seine Tore macht er trotzdem. Im zentralen Mittelfeld aber verschwindet er in manchen Spielen wie ein Ertrinkender im Ozean.

Viel Mittelmaß, ein Fanleben in den Mühen der Ebene. Die Schuldigen sind schnell ausgemacht. Köhler, Meier, Funkel raus, hört man dann und wann durchs Waldstadion schallen. "Alex war nicht der Liebling", sagt sein Vater, und man kann nur ahnen, wie sehr diese Rufe diesen Mann geschmerzt haben müssen, der jeden Artikel über seinen Sohn in Aktenordnern archiviert und alle zwei Wochen zu den Heimspielen gefahren ist.

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Alex Meier - Sein Weg zum Fußballgott

Dieser Beitrag ist der zweite Teil von drei, die den Werdegang von Alex Meier bei Eintracht Frankfurt nachzeichen. Teil 1 können Sie hier finden, Teil 3 folgt am Freitag.

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"Ich habe da manchmal an meinen Bruder denken müssen"

Aber kein Weg ist gerade und leicht, schon gar nicht der eines Gottes. Es ist Meiers Glück, dass er in dieser Zeit mit Funkel und Bruchhagen zwei Männer mit Format hinter sich weiß. Und bei Funkel Erinnerungen weckt. "Er hat es am Anfang nicht leicht gehabt", sagt Funkel. "Ich habe da manchmal an meinen Bruder denken müssen, der ebenfalls ein großer Spieler war. Das sieht beim Laufen nicht immer ästhetisch aus. Und daher hat er Probleme gehabt, die Akzeptanz bei den Medien und auch bei den Zuschauern zu erlangen. Aber wir haben trotzdem immer an ihm festgehalten."

Wer weiß, wo Meier die Karriere hingeführt hätte, wäre Funkels Bruder Wolfgang einen Kopf kleiner gewesen. Und dennoch muss erst der totale Absturz kommen, dass aus dem Sündenbock der Fußballgott wird. 2011, in der Rückrunde der Schande, holt die Eintracht nur noch eine Handvoll Punkte, wird Randalemeister, steigt sang und klanglos ab. Ein Schock, ein kompletter Symstemabsturz in nur wenigen Monaten, der den Verein volle Breitseite trifft. Und der viele Gesichter hat.

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Heimspiel: Alex Meier ist der Fußballgott von Eintracht Frankfurt.
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"Wir haben Scheiße gebaut, also wir machen es wieder gut."

Eines davon: Meier. Aber anders als andere bleibt Meier in Frankfurt, entscheidet sich gegen Angebote aus der Bundesliga, in die er qua seiner Klasse eigentlich gehört. Ehrensache, klar. "Ich habe Heribert Bruchhagen gesagt: Wir haben die Scheiße verbockt und müssen es jetzt wieder gerade rücken", erinnert sich Meier. "Für mich war es nie ein Thema, wegzugehen. Wenn du was verbockst, musst du dazu stehen. Wir haben Scheiße gebaut, also wir machen es wieder gut."

Und wie. Der Verein stellt sich in der zweiten Liga neu auf, und auch Meiers Rolle wird eine andere. Der neue Trainer Armin Veh macht den stillen Meier zum Kapitän. Ein Amt, an dem Meier wächst. Endlich wird auch Russ erhört, aus dem Stürmer wird endlich ein Stürmer. Veh stellt Meier konsequent offensiv auf. Der dankt es ihm: Erst schießt er die Eintracht zurück in die Bundesliga, dann in den Europacup, schließlich sich selbst zum Torschützenkönig. "Das ist mein einziger Titel", sagt er gerührt, als er nach dem letzten Saisonspiel die Kanone in der Hand hält. Und Jahre später: "Das war mein Beitrag."

"So etwas gibt es vielleicht in Barcelona bei Messi"

Da ist Meiers Beitrag aber schon gar nicht mehr nur in Toren zu messen. In seinem Karriereherbst kommen gleich mehrere Dinge zusammen, die ihn des Ranges eines normalen Fußballspielers entheben. Seine Treue. "Die Leute haben ein Gespür dafür, ob jemand mit dem Herzen dabei ist oder nur Geld verdienen will", sagt Veh. Das endlich eingelöste Potential auf der richtigen Position. "Er trifft mit dem Fuß, er trifft mit dem Kopf, er trifft wie er will, sogar mit dem Zopf", singen die Fans. Und seine Bescheidenheit. "Ich spiele ein bisschen besser Fußball, aber deswegen bin ich ja nichts Besseres", sagt er. Nicht jede Legende muss ein Lautsprecher sein.

Und ein Fußballgott schon gar nicht. "Wir waren schon erstaunt", sagt sein Kumpel und langjähriger Mitspieler Timothy Chandler über die erste Zeit, in der plötzlich die Rufe vom Fußballgott durchs Stadion schallen. "So etwas gibt es vielleicht in Barcelona bei Messi. Aber wenn hier das ganze Stadion ruft 'Alex Meier Fußballgott', das war schon Wahnsinn." Ein Wahnsinn, für den es einige Jahre gebraucht hat.