Niko Arnautis ist Coach der Fußballerinnen von Eintracht Frankfurt. Seit ein paar Monaten ist sein Bruder Christos sein Co-Trainer. Im Interview sprechen die beiden über offene Worte, den Umgang mit Rückschlägen und wann es Ouzo gibt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Niko Arnautis über Bruder Christos: "Da ist blindes Vertrauen"

Die Brüder Arnautis
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Die Fußballerinnen der Frankfurter Eintracht haben seit dieser Saison nicht nur einen, sondern gleich zwei Trainer mit dem Namen Arnautis - Niko ist der Chef, Bruder Christos, genannt Takis, sein Assistent. Wie es ist, mit dem eigenen Bruder zu arbeiten, an welchen Stellen es zu Beginn geknirscht hat und wer beim Feierabendbier vorangeht? Die Antworten im Interview.

hessenschau.de: Seit Sommer arbeiten Sie bei den Eintracht-Fußballerinnen als Team zusammen - was haben Sie seitdem übereinander gelernt?

Niko Arnautis: Dass er eine faule Socke ist. Nein, Scherz. Es ist schon etwas anderes, wenn man mit seinem Bruder im Fußball zusammenarbeitet. Es ist blindes Vertrauen da, und der Zufall hat es gut mit uns gemeint, dass wir der gleichen Leidenschaft nachgehen, die wir zum Beruf gemacht haben. Ich bin froh, dass ich ihn an meiner Seite habe und weiß das auch zu schätzen. Was das Arbeiten angeht, da mussten wir uns erst einmal finden - auch wenn wir Brüder sind. Wir mussten herausfinden, wie der andere im Job denkt und dann unseren Weg finden.

hessenschau.de: Hat es da auch mal geknirscht?

Niko Arnautis: Natürlich sagen wir uns unsere Meinung, das ist nie böse gemeint. Aber wir müssen auch ansprechen, was vielleicht nicht so gut läuft. Das geht auch, weil das Vertrauen da ist. Da treffen verschiedene Perspektiven aufeinander, aber das ist wichtig für eine gute Zusammenarbeit.

Christos Arnautis: Die Rollen sind klar verteilt - er ist der Chef, ich der Assistent. Das kenne ich als kleiner Bruder, da ist es ja auch nicht anders. Zu Beginn war die Umstellung nicht einfach. Ich bin in ein funktionierendes Team gekommen und musste erst einmal meine Rolle suchen und finden. Ich habe viel beobachtet. Wir haben oft unter vier Augen gesprochen, und da hilft das Vertrauen natürlich.

hessenschau.de: Ist es leichter Probleme anzusprechen?

Christos Arnautis: Über Probleme zu sprechen, das sollte in anderen Jobs auch möglich sein, aber natürlich ist es leichter, mit dem eigenen Bruder darüber zu sprechen, weil wir wissen: Wir werden immer verbunden bleiben, egal was passiert. In diesen Gesprächen geht es immer nur um die Sache - wir wollen beide immer gewinnen. Wenn es um Fußball geht, dann gibt es keinen Bruder, keine Freundschaften, da zählen nur die 90 Minuten.

hessenschau.de: Ist es ein Vorteil, dass Sie beide quasi nie Feierabend haben? Wie ziehen Sie Grenzen im Privaten?

Niko Arnautis: Vielleicht sollten wir das mal einführen. Ich kann wenig abschalten, mich beschäftigt die Arbeit oft auch noch im Privaten. Aber ich habe mir in den vergangenen Wochen und Monaten vorgenommen, öfter zu sagen: 'Jetzt ist Feierabend.' Manchmal schaffe ich das sogar. Aber dieses ganze Projekt Eintracht Frankfurt ist etwas Besonderes für mich, worüber ich oft nachdenke. Ich frage mich, wie kann ich das noch besser machen? Deshalb nimmt das auch im privaten Raum viel Platz ein, aber da müssen wir schauen, wie wir eine gute Balance finden. Das lerne ich gerade.

hessenschau.de: Vom kleinen Bruder?

Christos Arnautis: Ja! Es ist eine meiner Aufgaben, ihm ein wenig Entspannung beizubringen.

hessenschau.de: Haben Sie gemeinsame Rituale? Vor dem Spiel? Oder nach einem Sieg?

Christos Arnautis: In Gießen waren es drei Espressi für drei Punkte…

Niko Arnautis: …jetzt trinken wir drei Schnäpse, drei Ouzo (beide lachen).

hessenschau.de: Was hat Sie vom anderen überrascht?

Niko Arnautis: Ich wusste, dass er die gleiche Idee vom Fußball hat. Aber ich habe gelernt, dass er mit bestimmten Situationen anders umgeht als ich, dass er manchmal eine andere Sicht auf die Dinge hat. Ich habe ihn beruflich auf jeden Fall noch einmal von einer neuen Seite kennengelernt. Das ist auch schön.

Die Arnautis-Brüder

hessenschau.de: Sportlich ist die Eintracht gut in die Saison gestartet, dann gab es einen Novemberblues…

Niko Arnautis: …Novemberrain.

hessenschau.de: Wie sind Sie damit umgegangen?

Niko Arnautis: Mir war klar, dass wir in diesem Jahr noch das eine oder andere lernen müssen. Wir haben uns vor der Saison punktuell verstärkt. Die Neuzugänge haben gezeigt, dass sie Verstärkungen sind. Merle Frohms zum Beispiel präsentiert und entwickelt sich herausragend. Oder Laura Freigang, eine der Top-Torjägerinnen der Liga, die sich auch noch einmal super entwickelt hat. Und die Tore, die wir schießen, die sehen auch nicht so schlecht aus. Aber wir hatten eine Phase, in der wir in weniger als zwei Wochen vier Spiele hatten, in der wir Ausfälle hatten und dann eben auch Spielerinnen früher ran mussten, die vielleicht noch etwas Zeit gebraucht hätten. Das Spiel in Sand werde ich so schnell nicht vergessen, weil es total unnötig war, dass wir das noch aus der Hand gegeben haben.

Aber das führe ich darauf zurück, dass uns noch die Abgeklärtheit und auch noch mehr Führungspersönlichkeiten fehlen, und die Erwartungshaltung in der Phase sehr groß ist war. All das ist in dieser Saison ein Prozess, in dem wir mittendrin stecken. Wir hätten ein, zwei Spiele mehr gewinnen können und auch sollen, und dann wäre das eine sehr starke Saison. Wichtig wird sein, dass wir daraus lernen, damit es uns nicht nochmal passiert. Wir geben der Mannschaft die Zeit und auch die Chance, sich zu entwickeln. Und dann nehmen wir solche Rückschläge in Kauf.

hessenschau.de: Laura Freigang hat im Interview gesagt, dass die Spielerinnen sich den Druck als neues Eintracht-Team selbst gemacht haben.

Niko Arnautis: Ich wusste, dass sich die Mädels diesen Druck machen werden, und natürlich kommen dann auch die Leute von außen, die direkt einen Champions-League-Platz erwarten. Den Spielerinnen den Druck zu nehmen, das ist unglaublich schwierig. Es entsteht schneller Frust, und das ist eine neue Situation. Aber das wird unser Profit, dass wir gerade da durchgehen. Und deshalb finde ich es gut und wichtig, dass wir lernen, mit dem Druck umzugehen. Wir haben tolle Spiele gezeigt. Wir haben in der Liga und im DFB-Pokal Ziele, und wollen im Sommer den nächsten Schritt gehen.

Christos Arnautis: Dieser Druck ist sicher auch dadurch entstanden, dass wir jetzt zur Eintracht gehören - das macht mit uns allen etwas. Aber wenn man sich die Spiele anschaut, da haben wir uns spielerisch entwickelt, und das steht auch im Fokus. Wir werden schauen, was noch fehlt, damit wir den nächsten Schritt zusammen gehen können. Wir haben zwar den einen oder anderen Punkt zu wenig, aber wie wir spielen, das lässt uns zuversichtlich sein. Und wir sind ja eh Optimisten, daher sind wir guter Dinge.

Weitere Informationen

Torjägerin Laura Freigang im Interview

Laura Freigang verrät im Interview, warum sie auch als eine der besten Torjägerinnen der Liga noch abergläubisch ist und warum es für sie noch immer besonders ist, für die Eintracht zu spielen. Das komplette Gespräch finden Sie hier.

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hessenschau.de: Genau wie Laura Freigang, die die Champions League ja noch nicht abgehakt hat.

Niko Arnautis: Laura hat vollkommen recht. Wir wollen uns dahin entwickeln - das ist unser Ziel. Wir sind ganz bewusst im eigenen Team auf die Suche nach Führungsspielerinnen gegangen, damit sie sich entwickeln können - auch Laura Freigang. Wir wollen ihnen Zeit geben. 2021 wünsche ich mir den nächsten Entwicklungsschritt. Dass die Spielerinnen weiter so engagiert und motiviert an sich arbeiten, wir als Team noch mehr zusammenfinden, denn das war ja in diesem Jahr mit der Fusion eine ganz neue Situation und Herausforderung. Damit wir uns dann so aufstellen, dass wir diesen großen Traum erreichen. Die Mannschaft hat auch in der bisherigen Saison einige starke Vorstellungen abgegeben.

hessenschau.de: Und jetzt heißt es erst einmal - entgegen der Gewohnheit - ein wenig zur Ruhe kommen?

Niko Arnautis: Ja, 2020 war für alle ein heftiges Jahr - nicht nur Corona als negatives und natürlich unsere Fusion als positives Ereignis Jeder hat noch Persönliches mitgetragen, da ist es schön, einmal durchschnaufen zu können. Wir hoffen, dass wir das Virus im neuen Jahr besser in den Griff bekommen und, hoffentlich mit einem guten Impfstoff, hinter uns lassen. Wir wissen, dass wir in einer privilegierten Situation sind, unserer Arbeit, dem Fußball, nachgehen zu können. Dafür sind wir dankbar, aber wir denken auch an die anderen Menschen und hoffen, dass es allen bald besser geht - gesundheitlich, wirtschaftlich und auch psychisch.

hessenschau.de: Eine persönliche Frage zum Abschluss : Was schätzen Sie am jeweils anderen am meisten?

Christos Arnautis: Dass Niko extrem zielstrebig ist. Das wusste ich, aber jetzt erlebe ich das hautnah am Trainings- und Spielfeldrand. Die Eigenschaft ist ausgeprägter als ich gedacht hätte: Das ist eine tolle Leidenschaft. Aber ich glaube, ich tue ihm da ganz gut, damit er dann auch mal wieder ein Feierabendbier trinkt - wenn es wieder möglich ist.

Niko Arnautis: Das Problem ist nur, dass es bei mir erst nach dem zehnten Bier aufhört (lacht). Er ist sehr emotional und leidenschaftlich, und das schätze ich sehr. Und: Dass er dann auch offen und ehrlich mit mir spricht.

Das Gespräch führte Ann-Kathrin Rose.