Filip Kostic jubelt

Eintracht Frankfurt feiert ein Fußballfest gegen Augsburg und darf dank neuer Flügelzange und veränderter Taktik die Krise wohl endgültig abhaken. Für etwas Ärger sorgt nur ein vermeintlicher Tor-Klau. Die Analyse in fünf Punkten.

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Pressekonferenz Eintracht - Augsburg
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Eintracht Frankfurt hat sich das Verlieren abgewöhnt und ist im Jahr 2020 weiter ungeschlagen. Beim 5:0-Kantersieg gegen den früheren Angstgegner FC Augsburg treffen Timothy Chandler (37./48.) und Filip Kostic (89./90.) doppelt, André Silva darf zwischendrin ebenfalls jubeln (55.). Zur Belohnung gibt es von Trainer Adi Hütter zwei Tage frei.

Hütters Taktik greift

Nach einer überaus erfolgreichen Saison mit Libero hinten und Büffelherde vorne sowie einer weniger erfolgreichen Hinrunde mit Problemen hinten und Problemen vorne bedurfte es in der Winterpause einer Generalüberholung. Da personelle Verstärkungen ausblieben, schraubte Trainer Hütter an der Taktik und griff dabei offenbar zu den richtigen Werkzeugen. Die Viererkette mit vier gelernten Innenverteidigern ist ein Bollwerk, das verdichtete Mittelfeld sorgt für zusätzliche Kompaktheit. Drei Gegentore in fünf Pflichtspielen sprechen eine klare Sprache.  

Entscheidend dabei ist, dass Hütter seit der zweiten Hälfte in Düsseldorf auf einen echten Sechser und zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler setzt. Das ursprünglich als 4-4-2 gedachte System hat sich mittlerweile eher zu einem 4-1-4-1 gegen den Ball und einem 4-2-3-1 in der Offensive verändert. Gegen Leipzig räumte Makoto Hasebe hinter Sebastian Rode und Djibril Sow ab, gegen Augsburg übernahm diese Rolle Neuzugang Stefan Ilsanker, der dem etwas offensiveren Duo Dominik Kohr und Mijat Gacinovic den Rücken freihielt. Folge: "Wir stehen viel stabiler", wie der stark haltende Torhüter Kevin Trapp zusammenfasste. Selbst die verletzungsbedingte Auswechslung von Kapitän David Abraham (30.) und der damit verbundene Wechsel von Ilsanker in die Innenverteidigung änderten daran nichts.

Kostic in Topform

Zwei Tore geschossen, zwei Tore vorbereitet, Note: eins. Nur drei Tage nach seinem Gala-Auftritt inklusive Doppelpack gegen RB Leipzig feuerte Linksaußen Kostic am Freitag gegen den FCA gleich das nächste Feuerwerk ab. Sobald der Serbe, der seinen bemitleidenswerten Gegenspieler Tin Jedvaj regelmäßig wie einen Statisten stehen ließ, seine Füße im Spiel hatte, wurde es gefährlich. Kostic servierte jeweils einmal per Flanke für Chandler und Silva, kurz vor dem Abpfiff bejubelte er dann innerhalb von nur 60 Sekunden gleich zwei eigene Treffer. Auch das: kein Zufall.  

Denn dank der zusätzlichen Absicherung in Person von Linksverteidiger Evan N’Dicka hinter sich, kann sich Kostic die langen Wege in die Defensive meist sparen. Weniger Abwehrarbeit heißt weniger Kräfteverschleiß heißt noch mehr Gefahr in der Offensive. Der Dreisatz des neuen Frankfurter Erfolgsgeheimnisses auf links.

Chandler wird zum Torjäger

Was Kostic auf der einen Seite ist, ist Chandler auf der anderen. Als Rechtsaußen-Notlösung gestartet, ist der ehemalige US-Nationalspieler schon jetzt der große Gewinner der Rückrunde. In den vier Bundesliga-Partien seit der Winterpause hat Chandler, der gegen Augsburg mit einem satten Schuss unter die Latte zur wichtigen 1:0-Führung traf und kurz nach der Pause per Kopf nachlegte, genauso oft getroffen wie in den 122 Spielen zuvor: nämlich viermal. "Ich habe noch nie zwei Tore in einem Spiel geschossen, das mache ich sonst immer in einer Saison", unkte der gelernte Verteidiger nach Abpfiff.

Chandler ist im Gegensatz zu seinem Pendant Kostic zwar kein Mann für Eins-gegen-Eins-Duelle oder spektakuläre Sololäufe. Der gebürtige Frankfurter verkörpert mit seinem aufopferungsvollen Kampf aber ein weiteres wichtiges Element, das im Jahresendspurt etwas abhanden gekommen war: Mentalität. "Es war sicher nicht zu erwarten, dass Timmy jetzt so trifft. Aber er hat sich das hart erarbeitet", so Hütter.  

Die Krise ist vorerst überwunden

Nach zehn Punkten aus vier Spielen steht die Eintracht zumindest über Nacht auf Platz eins der Rückrunden-Tabelle und darf sich zudem über den besten Rückrundenstart seit 1970 freuen. Ein möglicher Absturz auf die Abstiegsränge ist in Frankfurt erst einmal kein Thema mehr, die rund um Weihnachten – nicht ganz zu Unrecht – entstandene Unruhe ist überstanden. "Die Panik im Umfeld war absolut lächerlich. Wir vertrauen der Mannschaft", zog dann Sportvorstand Fredi Bobic auch verbal einen Schlussstrich unter die Krise.  

Die Eintracht des Jahres 2020 ist plötzlich wieder ein funktionierendes Team und wäre ohne einige verschenkte Spiele der Hinrunde schon wieder in Europa-League-Reichweite, wie Coach Hütter etwas überraschend vorrechnete. "Überlegen Sie mal, wo wir sein könnten. Wir könnten locker sieben Punkte mehr haben." Dass mit etwas weniger Spielglück nach der Winterpause die Ausgangslage aber auch deutlich schlechter aussehen könnte, verschwieg der Österreicher. Für den Blick nach oben, das sollte die Eintracht bei aller Freude nicht vergessen, ist es wohl noch zu früh.

Paciencia vs. Kostic: der vermeintlich Torklau

Für etwas Aufregung und schlechte Laune sorgte am Freitagabend nur Goncalo Paciencia. Der Portugiese, der kurz vor Abpfiff eingewechselt wurde, beklagte in der Schlussminute einen vermeintlichen Tor-Raub von Teamkollege Kostic und verweigerte zunächst das gemeinsame Jubeln. Nach einem Querpass von Rode war Paciencia der Ball etwas zu weit vom eigenen Fuß genau in den Lauf von Kostic gesprungen. Der Serbe fackelte nicht lange, schob ein und brachte damit Paciencia auf die Palme.

Der 25-Jährige drehte sich ab, gestikulierte wild und lief lauthals fluchend in Richtung Mittellinie. Erst nach dem Einschreiten gleich mehrerer Mitspieler gesellte er sich zur Frankfurter Jubeltraube und gratulierte Kostic widerwillig. "Er wollte das Tor schießen, das ist verständlich. Er hat sich dann aber vor der gesammelten Mannschaft für sein Verhalten entschuldigt", hakte Trainer Hütter auch diesen kleinen Schönheitsfehler ab. Ende gut, alles gut.