Timothy Chandler von Eintracht Frankfurt jubelt

Ein Jahr verletzt, dann Reservist, jetzt Torjäger: Timothy Chandler überrascht in neuer Rolle bei Eintracht Frankfurt und entwickelt sich von einer Notlösung zum Problemlöser. Ein Geschenk für Buddy Goncalo Paciencia gibt's obendrauf.

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Beim Jubeln, das musste Goncalo Paciencia beim 5:0-Sieg der Eintracht gegen den FC Augsburg schmerzlich erfahren, hat Timothy Chandler noch etwas Nachholbedarf. Nach Chandlers Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 wartete der Portugiese am Freitagabend mit weit ausgestreckten Armen an der Seitenlinie auf seinen Lieblings-Teamkollegen und brachte sich für eine Umarmung in Stellung. Das Problem: Überraschung-Goalgetter Chandler, ganz mit sich und dem tobenden Stadion beschäftigt, kam nicht.

"Ich habe noch nie zwei Tore in einem Spiel geschossen. Normalerweise mache ich zwei Tore in der Saison", suchte Chandler, der bis zum Jahreswechsel in 122 Pflichtspielen für Eintracht Frankfurt ganze vier Tore erzielt hatte, später nach einer Erklärung für seine Jubel-Überforderung. Der gelernte Rechtsverteidiger hat sich innerhalb von vier Spielen von der Rechtsaußen-Notlösung zum Problemlöser und Torjäger gemausert. Eine Entwicklung, an die auch er sich noch gewöhnen muss. "Es ist schon verrückt. Ich bin überglücklich."

Chandler auf Haalands Fersen

Mit vier Toren in vier Rückrunden-Spielen ist Chandler nun nicht nur der torgefährlichste Frankfurter Akteur des Jahres, er ist nach dem Dortmunder Shootingstar Erling Haaland auch Zweiter der Bundesliga-Torschützenliste 2020. Ein Aufstieg, den so definitiv niemand erwartet hätte. "Das ist schon irre. Ich habe ihn eben mit Timothy Lewandowski angesprochen", witzelte Eintracht-Präsident Peter Fischer.

"Man muss schon fragen, welchen Zaubertrank er getrunken hat. Den hätte ich auch gerne", legte Mittelfeldspieler Sebastian Rode nach. Das Phänomen Chandler. Schwer zu erklären.

Hütters System passt zu Chandler

Klar ist, dass der 29-Jährige von der Systemumstellung profitiert hat. Dank starker Vorbereitung und mangels Alternativen rutschte Chandler beim Rückrunden-Auftakt in Hoffenheim auf die verwaiste Rechtsaußen-Planstelle. Dort überzeugte er zwar nicht mit besonders viel Finesse in direkten Duellen oder Flankenläufen im Stil von Pendant Filip Kostic, der Mix aus Torgefährlichkeit und Einsatz macht ihn aber schon jetzt unverzichtbar.

"Auch wenn ich nicht der größte Eins-zu-eins-Künstler bin, ich hau immer alles raus", so Chandler, der gemeinsam mit Rechtsverteidiger Almamy Touré an sechs von zehn Rückrunden-Toren beteiligt war. Höhepunkt: sein Doppelpack gegen Augsburg.

Das Stehaufmännchen kämpft sich zurück

Umso überraschender erscheint diese Leistungsexplosion bei einem Blick zurück. In der vergangenen Saison kam Chandler wegen einer Knorpelverletzung im Knie lediglich zu einem Kurzeinsatz, die furiose Europa-Reise seiner Mannschaftskollegen verfolgte Chandler auf der Tribüne oder im heimischen Wohnzimmer. Selbst ein vorzeitiges Karriereende schien nicht ausgeschlossen. "Das war natürlich sehr schlimm", bilanzierte Chandler im vergangenen Sommer. Wenige Monate und eine Hinrunde mit lediglich vier Startelf-Einsätzen später ist das alles vergessen und Chandler Stammspieler.

"Wenn einer bei uns ein Stehaufmännchen ist, dann der Timmy", stimmte auch Vorstand Axel Hellmann am Freitagabend in die Lobeshymnen auf den Mann der Stunde ein. Chandler habe zwar auch in der Eintracht-Jugend Phasen durchlebt, in denen seine Flanken reihenweise hinters Tor flogen, berichtete Hellmann. "Der ist aber trotzdem immer gut gelaunt und positiv." Eine Einstellung, die der Eintracht bei der Verarbeitung der Jahresendspurts-Krise offenbar gutgetan hat.

Die Sieglos-Serie von November bis Dezember und die nach wie vor fragwürdige Transferpolitik im Januar spielen im Februar plötzlich keine Rolle mehr. Die Eintracht hat die Krise auch dank Chandler überwunden.

Ein Geschenk für Buddy Paciencia

Und so blieb am Ende des Abends sogar noch Zeit für die Pflege einer besonderen Männerfreundschaft. Da Paciencia nach der Jubel-Abfuhr von Chandler auch noch einen vermeintlichen Tor-Klau von Filip Kostic verkraften musste und sichtlich zermürbt vom Feld schlich, munterte Chandler seinen Buddy mit einem Tor-Geschenk wieder auf. "Ich habe ja heute zwei geschossen. Eins ist für mich, eins ist für ihn, damit sollte wieder alles okay sein."