Eintracht-Mittelfeldspieler Daichi Kamada nimmt die Kritik aus dem Fanlager wahr.

Daichi Kamada ist seit knapp drei Jahren Leistungsträger bei Eintracht Frankfurt. Im Interview spricht der Japaner über Landsmann Makoto Hasebe, den sportlichen Umschwung und sein Verhältnis zu den Fans.

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Eintracht Frankfurt - 1. FC Union Berlin am 28.11.2021 im Deutsche Bank Park in Frankfurt. Torjubel zum 2:1 durch Evan N Dicka (Frankfurt).
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Daichi Kamada kam 2017 für rund 1,5 Millioen Euro aus Japan zu Eintracht Frankfurt und startete nach einem Leihjahr in Belgien ab Sommer 2019 bei den Hessen durch. Obwohl der 25-Jährige in 104 Pflichtspielen 18 Treffer erzielt und 25 Tore vorbereitet hat, wird er im Umfeld teilweise kritisch bewertet. Kamada nimmt diese Schwingungen durchaus wahr und hört genau hin. Außerdem erklärt er, welche Umstellungen dem Team gutgetan haben und was sein persönliches Ziel ist.

hessenschau.de: Daichi Kamada, drei Siege in den vergangenen drei Bundesligapartien haben für einen Stimmungsumschwung im gesamten Umfeld gesorgt. Wie ist die Stimmung in der Kabine von Eintracht Frankfurt?

Daichi Kamada: Natürlich ist die Stimmung besser als am Saisonanfang. Es tat uns gut, dass wir die Siege vor allem in der Nachspielzeit geholt haben.

hessenschau.de: Die Erfolgsserie wird eng mit dem Namen Makoto Hasebe verbunden. Wie wichtig ist der "alte Hase" – für das gesamte Team?

Kamada: Makoto hat sehr viel Erfahrung, die er einbringen kann. Er spielt zwar nicht mehr jede Partie mit. Aber wenn Hasebe auf dem Platz steht, dann zeigt er Leistung. Das tut Trainer und Mannschaft gut, schließlich müssen wir viele Spiele bestreiten. Wenn wir dann auf einen solchen Spieler zurückgreifen können, ist das für jede Mannschaft hilfreich.

hessenschau.de: Ist für Sie persönlich Makoto Hasebe auch noch ein besonders wichtiger Ansprechpartner?

Kamada: Als ich 2017 zur Eintracht gekommen bin, war Makoto eine große Hilfe für mich. Er hat mir beim Übersetzen geholfen und erklärt, wie Fußball in Deutschland gespielt wird. Auch heute ist Makoto noch immer ein guter Teamkamerad für mich. Aber ich erledige meine Dinge inzwischen selbständig und benötige seine Hilfe nicht mehr ganz so häufig.

hessenschau.de: Vor der Partie gegen Greuther Fürth haben Fans und Medien darüber diskutiert, ob der Abstiegskampf ausgerufen werden müsse. Nun geht der Blick schon wieder nach oben. Wo steht die Mannschaft?

Kamada: Ich habe im Sommer schon erwartet, dass wir vor einer schwierigen Saison stehen. Das hat auch unser Start gezeigt. Zum Glück konnten andere Teams in unserer Schwächephase ebenfalls weniger punkten. Deshalb sind wir durch ein paar Siege nach oben geklettert. Unsere Mannschaft hat sich jetzt auch fußballerisch gefunden. Wir können nach oben schauen, das Potenzial für die Europa League ist definitiv vorhanden.

hessenschau.de: Und für die Champions League?

Kamada: Die Champions-League-Plätze sind noch etwas weiter weg, darüber sollten wir erstmal nicht nachdenken. Wir hatten im Sommer einen großen Umbruch zu bewältigen. Das hat etwas Zeit benötigt. Wir sind als Mannschaft trotz der letzten Siege aber noch nicht so gefestigt, dass wir jetzt über die Champions League sprechen sollten.

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hessenschau.de: Im Moment läuft es ja super, auch bei Ihnen, in der Vergangenheit wurden Sie durchaus auch kritisch gesehen. Hat Sie das gestört?

Kamada: Wenn deutsche Texte ins Japanische übersetzt werden, dann lese ich sie. Daran reibe ich mich allerdings nicht auf. Aber wenn ich in die Heimat nach Japan fliege, dann zeigen mir meine Eltern, wie kritisch die Artikel teilweise sind. Mir ist vor allem wichtig, was meine Teamkollegen und der Trainer sagen. Solange sie mit mir zufrieden sind, bin ich auch zufrieden. Ich spiele inzwischen wieder regelmäßig und glaube, dass meine Leistung anerkannt wird. Aber ich weiß, dass meine Spielweise im Frankfurter Fanumfeld eher kritisch gesehen wird. Ich höre zwar vor allem auf meine Mitspieler und den Coach, aber die Stimmen der Fans sind mir natürlich auch sehr wichtig.

hessenschau.de: Was auffällt, ist Ihr Auftreten in der Europa League. Neun Tore und zwei Vorlagen in 15 Partien sind herausragend. Warum funktioniert es europäisch auch in Ihrer zweiten Saison so gut?

Kamada: Ich weiß selbst nicht, warum es in dieser Saison mit Toren und Vorlagen in der Bundesliga nicht so gut funktioniert. Vielleicht ist die Europa League spielerisch ein Level höher anzusiedeln und ich fühle mich deshalb dort wohler (lacht). Aber im Ernst: Es ist mir ein Rätsel, weshalb ich in der Bundesliga bislang nicht ganz so torgefährlich bin.

hessenschau.de: Die Eintracht belegt in der Europa-League-Gruppe den ersten Platz und benötigt noch einen Punkt für den Gruppensieg, der den Einzug ins Achtelfinale sichern würde. Was erwartet die Eintracht für eine Partie in Istanbul?

Kamada: Vor dem Spiel in Istanbul steht noch die Bundesligapartie in Hoffenheim auf unserem Programm. Wir haben deshalb noch nicht über die Europa-League-Partie gesprochen. Das nächste Spiel steht im Fokus. Mein Ziel ist es, dass ich auch in der Bundesliga treffe. Deshalb fokussiere ich mich vollkommen auf das Spiel in Hoffenheim. Danach schauen wir, wie es weitergeht.

hessenschau.de: Sie verweisen bereits auf das Spiel bei der TSG Hoffenheim. Die Eintracht ist der Angstgegner, konnte die vergangenen sechs Bundesligapartien gegen die TSG allesamt gewinnen. Warum liegt Hoffenheim Ihrer Mannschaft?

Kamada: Die Hoffenheimer haben eine ähnliche Spielanlage wie wir. Sie warten nicht nur tiefstehend auf Kontersituationen, sondern sie versuchen, selbst mit dem Ball am Fuß zu agieren. Ich glaube, diese Spielweise liegt der Eintracht besser, als wenn wir Gegner haben, die nur Beton anrühren und auf Konter lauern.

hessenschau.de: Als Erfolgsrezept für den Umschwung stellt sich auch die Umstellung auf das System mit zwei Spielmachern dar. Auf der halblinken Seite spielen Sie zusammen mit Filip Kostic. Würden Sie sagen, dass Sie sich blind verstehen?

Kamada: Schon seit meiner Rückkehr zur Eintracht komme ich gut mit Filip klar. Kostic vertraut mir und gibt mir den Ball. Er weiß, wo ich hinlaufe und ich weiß, wo er hinläuft und wie er den Ball bekommen möchte. Wir verstehen uns auf dem Platz sehr gut und vertrauen uns gegenseitig. Es tut unserem Spiel gut, dass ich wieder etwas weiter links spiele.

hessenschau.de: Unter Oliver Glasner hatten Sie zu Saisonbeginn einen schwierigeren Stand, saßen teilweise auch auf der Bank. Sprechen Sie inzwischen eine Sprache?

Kamada: Wir hatten unter Oliver Glasner einen Neustart. Alles das, was in der letzten Saison war, galt nicht mehr. Es ging für uns alle von Null los. Einige Kollegen sind gegangen, neue Spieler sind gekommen. Die Formation war neu, Trainingsgestaltung und Laufwege haben sich verändert. Wir sollten nun häufiger hinter die Abwehr laufen, der Spielstil ist ein anderer gewesen. So, wie wir in den letzten Partien gespielt haben, soll es in etwa aussehen. Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Das hat unserem Team gutgetan.

Der Trainer hat verstanden, in welchem Gerüst die Mannschaft am stärksten ist. Und wir verstehen immer besser, was er von uns sehen will. Wir versuchen, das umzusetzen, was der Trainer möchte. Die Annäherung hat zwar etwas gedauert, aber nun haben wir uns Schritt für Schritt entwickelt und sind noch lange nicht am Ende der Entwicklung angekommen.

hessenschau.de: Ihr Vertrag läuft 2023 aus, der große Traum ist ein Champions-League-Team. Gibt es aktuell Gespräche über eine Verlängerung?

Kamada: Ich habe derzeit keinen Kontakt zu meinem Spielerberater. Ich weiß deshalb nicht, ob es Anfragen gibt. Ich habe derzeit aber auch kein Bedürfnis, darüber mit ihm zu sprechen.

hessenschau.de: Fühlen Sie sich wohl in Frankfurt?

Kamada: Ich kam vor fast fünf Jahren nach Frankfurt. Ich wohne mit meiner Familie hier und wir fühlen uns wohl. Ich weiß allerdings selbst, dass ich fußballerisch gesehen von den Fans nicht ganz so geliebt werde. Aber das ist eine andere Sache. Mit den Teamkollegen ist das Verhältnis gut, aber von Außenstehenden werde ich nicht so geliebt. Trotzdem fühle ich mich sehr wohl in Frankfurt.

hessenschau.de: Ihr Ex-Trainer Adi Hütter hat Sie zwei Jahre gefördert und einen Transfer im Sommer 2019 verhindert. War der Verbleib in Frankfurt die beste Entscheidung, die Sie treffen konnten?

Kamada: Ich kann nicht sagen, wie meine Karriere verlaufen wäre, wenn ich zum FC Genua gewechselt wäre. Ich bin aber im Nachhinein schon erleichtert, dass ich in Frankfurt geblieben bin. In der Saison 2019/20 gab es drei Trainerwechsel in Genua und wohl auch über zehn Corona-Fälle in der Mannschaft. Ich bin glücklich, dass ich in Frankfurt geblieben bin.

Das Interview führte Christopher Michel.

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