Aymen Barkok

Eintracht Frankfurt gibt in letzter Sekunde zwei Punkte aus der Hand. Das ist bitter. Die Partie macht aber aus mehreren Gründen auch Mut. Die Analyse in fünf Punkten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eintracht mit bitterem Last-Minute-Remis nach verrücktem Spiel

Eintracht Frankfurt Mönchengladbach Sebastian Rode
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Eintracht Frankfurt hat gegen Borussia Mönchengladbach nur 3:3-Unentschieden gespielt. Tore von André Silva (21. FE, 24.) und Aymen Barkok per Traumtor (32.) reichten nicht, weil bei den Gästen Lars Stindl dreifach traf, darunter in der 90. und 95. Minute. Kapitän David Abraham sah in der 81. Minute die Gelb-Rote Karte.

Fünf Minuten zum Vergessen

"Enttäuscht. Frustriert. Sauer. Wütend" – Aymen Barkok brachte in der Mixed Zone die Gefühlslage eines ganzen Vereins, wahrscheinlich einer ganzen Stadt auf den Punkt. Seit neun Spielen nun wartet Eintracht Frankfurt auf einen Sieg, gegen den Gegner aus Gladbach, immerhin Champions-League-Achtelfinalist, hatten die Hessen lange Zeit die Hosen an und drei Punkte fast sicher. Aber eben nur fast.

Denn dann sah Kapitän David Abraham die Gelb-Rote Karte, die Eintracht verlor die Ordnung und Gladbach witterte eine letzte kleine Chance. Und nutzte sie. Stindl nach Foulelfmeter in der 90. und erneut Stindl in der 95. Minute (unter Mithilfe des Schiedsrichters, der zuvor ein Fouspiel Stindls als Vorteil auslegte) drehten einen sicher geglaubten Frankfurter Sieg in ein weiteres Unentschieden. Das bereits achte im 12. Saisonspiel. Enttäuscht. Frustriert. Sauer. Wütend. Dem ein oder anderen Fan sind an diesem Abend sicher noch ein paar weitere Attribute eingefallen.

Moral, ja. Konzentration, nein?

Was auch daran lag, dass das Spiel gegen Gladbach in gleich doppelter Hinsicht exemplarisch für die bisherige Saison der Hessen war. Bereits sieben Mal geriet die Eintracht in der laufenden Spielzeit in Rückstand, und bei allem Ärger darüber, dass man ganz generell nicht so häufig in Rückstand geraten sollte, ehrt es die Mannschaft von Adi Hütter, dass sie in diesen sieben Partien noch sechsmal zurückkam und mindestens einen Punkt holte. Die Mannschaft, das wird auch Hütter nicht müde zu betonen, hat Moral.

Aber: Vielleicht hat die Mannschaft auch ein Konzentrationsproblem. Zwei Treffer ab der 90. Minute zu bekommen, wie jüngst gegen Gladbach, kann mal passieren und darf als seltenes Vorkommnis mit viel Milde unter "Shit Happens" abgespeichert werden. Aber zuletzt gab es bereits gegen Wolfsburg (89.) und Union Berlin (82.) späte Gegentreffer, die wichtige Punkte kosteten. Auch schafften es die Hessen nicht, ihre Führungen gegen Borussia Dortmund, RB Leipzig und den 1. FC Köln über die Zeit zu bringen. Ein souverän heruntergespieltes Spiel gab es von den Hessen in dieser Saison noch gar nicht, eher 90-minütige Achterbahnfahrten, die allerhöchstens dem neutralen Zuschauer Spaß machen. Ein schwacher Trost für alle Frankfurter.

Hütters offenes Visier

Der ein oder andere Punktverlust hat auch auch damit zu tun, dass Hütter sein Team in dieser Saison oft ungewohnt vorsichtig aufstellt. Gerade Hütter, der von seinen Spielern stets Mut fordert und das offene Visier zum Stilmittel erhoben hat, setzte zuletzt häufiger auf eine Grundordnung, die eher auf Sicherheit und Stabilität ausgerichtet war. Safety first, also? Von wegen. Denn wenn die letzten Jahre eines gezeigt haben, dann dass die Eintracht immer dann am besten ist, wenn sie den Gegner mit Messer zwischen den Zähnen anrennt und sich nicht versteckt.

Umso besser, dass Hütter sein Team gegen Gladbach genau so aufstellte. Zwar wirkte mit André Silva nur eine Spitze, dahinter aber setzte Hütter mit Barkok und Amin Younes auf zwei Offensivkräfte, auch die Doppelsechs war mit Sebastian Rode und Djibril Sow offensiver besetzt als zuletzt. Mit dem Ergebnis, dass man phasenweise die alte Eintracht sah, die den Gegner anlief und in den Zweikämpfen auffraß. Vor allem Mitte der zweiten Halbzeit dürften sich die Borussen beim Zahnarzttermin gewähnt haben, so sehr wurde ihnen in den Zweikämpfen der Zahn gezogen. Bliebe die Frage: Warum nicht immer so?

Barkok! Muss! Spielen!

Wenn das Spiel gegen Gladbach auf personeller Ebene eines gezeigt hat, dann dass der Königstransfer der Eintracht ein Rückkehrer ist, den nicht viele auf der Liste hatten: Aymen Barkok. Der Junge aus der Nordweststadt zeigte bereits vor seiner Corona-Infektion in den Spielen gegen Bremen und Stuttgart, was für ein herausragender Kicker er ist. Gegen Gladbach nun war Barkok zeitweise der beste Mann auf dem Platz, spielte unbekümmert, forderte Bälle, hatte Ideen und legte Silva das 2:1 per Traumpass auf.

Und dann dieses Tor. Auf engstem Raum streichelte Barkok den Ball vorbei an diversen Gegnern durch den Strafraum und legte den Ball so lässig zum 3:1 ins Eck, dass Jay-Jay Okocha seine helle Freude daran gehabt hätte. Wenige Spieler in der Bundesliga können und trauen sich eine solche Aktion, die der geneigte Fußballfreund demnächst wohl in der Auswahl zum Tor des Monats wiedersieht. Da ist es bei Barkoks Leistung fast schon ein Treppenwitz, dass ausgerechnet er den Elfmeter zum 2:3 verursachte. Stellt der 22-Jährige nun solche leichtsinnigen Fehler ab und nimmt den ein oder anderen Pass im Mittelfeld ein bisschen ernster, steht einer Saison als Leistungsträger dennoch nichts mehr im Wege.

Nackenschlag? Mutmacher!

So weh es unmittelbar nach dem Spiel getan haben wird: Die Eintracht sollte sich den späten Nackenschlag schnell aus den Kleidern schütteln. Denn abgesehen von den ersten paar Minuten und der turbulenten, bitteren Schlussphase, war das Spiel der Eintracht phasenweise das stärkste Saisonspiel der Hessen. Die Eintracht war präsent in den Zweikämpfen, gallig und aggressiv und wusste vor allem spielerisch zu gefallen.

Der bereits angesprochene Barkok macht Lust auf mehr, gleiches gilt für Younes, der andeutet, was für eine Verstärkung er noch sein kann. Und dann wäre da ja noch Silva vorne drin, der allein mit Ballannahme und Abschluss zum 2:1 zeigte, was für ein außergewöhnlicher Stürmer er ist. Bei allem Frust, die Wahrheit ist auch: Es stimmte viel an diesem Abend im Frankfurter Stadtwald. Nur eben das Ergebnis nicht.