Oliver Glasner

Wenn Oliver Glasner demnächst seinen Dienst als neuer Trainer von Eintracht Frankfurt antritt, wartet einiges an Arbeit auf ihn. Insbesondere diese fünf Baustellen muss Glasner beackern.

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Glasner SGE
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Noch weilt Oliver Glasner im Urlaub, aber mit den Gedanken dürfte der neue Mann schon bei seinem neuen Klub Eintracht Frankfurt sein. Bei den Hessen erwarten den Trainer gleich mehrere Baustellen, denen er sich wird widmen müssen. Fünf davon haben wir zusammengefasst.

1. Die löchrige Abwehr sattelfest machen

Stolze 53 Gegentore musste Eintracht Frankfurt in der abgelaufenen Saison schlucken, dass es damit nicht für die Champions League reichte, liegt eigentlich auf der Hand. Mehr noch: Seit 1986 ist kein Verein mehr mit derart vielen Gegentoren unter den ersten Vier gelandet. Damals war das, sieh an, Bayer Uerdingen, das mit 60 Gegentreffern sogar Dritter wurde.

So spektakulär die hessischen Darbietungen in der Offensive oft waren, so löchrig war die Abwehr. Wer schafft schon das Kunststück, gegen Schalke vier Gegentore zu kassieren? Gut also, dass mit Glasner nun ein Trainer an den Main kommt, der ganz genau weiß, wie er eine Defensive stabilisiert. Mit dem VfL kassierte Glasner nur 37 Gegentreffer, lediglich RB Leipzig bekam noch weniger.

Was allerdings nicht bedeutet, dass Glasner den Bus vorm Tor parkt. Im Gegenteil, die Spielstile der Eintracht und Wolfsburg ähneln sich sogar: frühes Pressen, schnelles Umschalten, auch schlug der VfL ähnlich viele Flanken wie die Eintracht – eben mit dem Unterschied, sehr viel stabiler zu sein. Schafft Glasner also auch in Frankfurt die Balance zwischen intensivem Offensivspiel und sicherer Defensive, ist schon viel gewonnen.

2. Dem Team mehr taktische Variabilität verleihen

Diese Balance wird, so viel ist klar, eine taktische Frage werden. Hütter setzte bei den Hessen zumeist auf eine Dreierkette, die dem Gegner aber zu oft zu viel Raum bot. Die einzige echte taktische Frage, die sich im Jahr 2021 für Hütter stellte, war die nach der Doppel-Neun oder Doppel-Zehn. Ein wenig mehr taktisches Fingerspitzengefühl wäre dem Erfolg der Hessen sicher nicht abträglich gewesen.

Und Glasner? Ließ im ersten Jahr beim VfL im 3-4-3 spielen, wie zuvor schon beim SV Ried, setzte im zweiten Jahr dann aber meist auf ein 4-2-3-1. Das muss aber nichts heißen, denn taktische Systeme sind für Glasner eher Mittel zum Zweck. So sagte er 2019 der Wolfsburger Allgemeinen: "Wenn es gut läuft, wird das System über kurz oder lang sowieso keine große Rolle mehr spielen. Ich kann Ihnen jetzt schon zehn Videoausschnitte zeigen, wo Sie nicht erkennen können, welches System wir spielen. Es verschwimmt."

Was er damit meinte, führte er im selben Interview aus: "Es kommt am Ende nur darauf an, Räume zu erkennen, Räume zu bespielen, Überzahl-Situationen zu schaffen. Und die Herausforderung dabei ist: Immer hinterm Ball abgesichert zu sein." Etwas, das der Eintracht zuletzt oft abging, Glasners VfL aber meisterhaft beherrschte. Es wird spannend zu sehen sein, ob Glasner in Frankfurt auf Viererkette umstellt oder bei der Hütterschen Dreierkette bleibt. Klar ist: Beide Systeme spielen zu können, dürfte den Hessen nicht schaden.

3. Die Mannschaft verjüngen

Maxence Lacroix, Xaver Schlager, Ridle Baku: Beim VfL Wolfsburg hat Glasner bewiesen, dass er junge Spieler entwickeln kann. Auch deswegen war Glasner Eintracht Frankfurts Wunschkandidat, denn Talente zu entwickeln, wird in Frankfurt in Zukunft noch wichtiger sein. Einerseits müssen im Stadtwald, anders als beim von VW gepamperten VfL Wolfsburg, Werte überhaupt erst geschaffen werden. Andererseits stellten die Hessen in der abgelaufenen Saison die älteste Mannschaft der Liga, das durchschnittliche Startelf-Alter lag bei 27,1 Jahren. Es ist also höchste Zeit für eine Blutauffrischung.

Die könnte in der kommenden Saison anstehen, das Spielermaterial für einen Umbruch ist da. Mit Evan N'Dicka und Tuta spielen bereits zwei große Talente Stamm in der Abwehr, Dejan Joveljic kommt mit 20 Pflichtspieltoren im Gepäck aus Österreich zurück, Rodrigo Zalazar hat eine starke Saison bei St. Pauli hinter sich.

Mit Ragnar Ache und Ali Akman stehen zwei weitere Sturm-Talente im Kader, überaus spannend ist auch die Personalie Fabio Blanco, der 17 Jahre alte Rechtsaußen gilt als größtes spanisches Talent seiner Altersklasse. Nicht jeder dieser Spieler wird zünden. Der eine oder andere, dafür wird Glasner sorgen müssen, sollte es aber schon.

4. Einen schwierigen Transfersommer meistern

Gut möglich auch, dass noch das eine oder andere Talent dazukommt. Wenngleich der Transfersommer für einen neuen Trainer kaum undankbarer sein kann. Durch die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie ist deutlich weniger Geld im Markt, hinzu kommt die Europameisterschaft, die viele Transferaktivitäten noch weiter nach hinten schiebt.

Das Problem dabei: Gibt es späte Abgänge, zumal späte überraschende Abgänge, müssen die Hessen ebenso spät noch reagieren. Das hat im Transfersommer 2019 nur bedingt geklappt, der damals am letzten Transfertag verpflichtete André Silva brauchte ein halbes Jahr, um sich zu akklimatisieren. Ähnlich ging es Bas Dost, der in schlechtem körperlichen Zustand nach Frankfurt kam.

Für Glasners intensives Spiel – in der abgelaufenen Saison war der VfL Wolfsburg Spitzenreiter in Sachen Sprints und intensive Läufe – ist jedoch eine herausragende Fitness die zwingende Voraussetzung. Die schleift Glasner seinen Mannschaften in einer harten Vorbereitung ein. Oder zumindest den Spielern, die dann schon da sind.

5. Die Spieler mitnehmen

Apropos Spieler: Die Eintracht war in den vergangenen Jahren immer eine Mannschaft, die über ihre Geschlossenheit kam. Kaum ein Interview eines Spielers kam ohne Verweis auf die großartige Atmosphäre aus. Wie sehr sich atmosphärische Störungen dann auf die Leistung auswirken können, zeigte der vergeigte Endspurt nach dem unglücklich kommunizierten Abgang von Hütter eindrücklich.

Glasners Aufgabe wird also auch sein, die Spieler mitzunehmen und den guten Spirit im Team aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht nicht unerheblich: Zuletzt war von kleineren bis mittleren Rissen zwischen dem Coach und seiner Wolfsburger Mannschaft zu lesen. In Frankfurt steht er zudem vor der Aufgabe, ein Team mit diversen Hütter-Spezies zu übernehmen, Djibril Sow, Stefan Ilsanker oder auch Martin Hinteregger, der auf anderen Stationen schon bewiesen hat, nicht immer der einfachste zu sein. Klar ist: Für Glasner wird es sicherlich kein langweiliger Sommer.