Filip Kostic

Eintracht Frankfurt zeigt gegen auch nicht gerade überragende Berliner die schlechteste Leistung seit langem. Die Neuzugänge fremdeln, eine Spielidee ist nicht erkennbar, der Bayern-Fluch lebt. Die Analyse in fünf Punkten.

Videobeitrag

Video

zum Video Eintracht-PK nach dem Spiel gegen Hertha

Oliver Glasner
Ende des Videobeitrags

Eintracht Frankfurt hat die erste Heimniederlage der Saison 2021/2022 kassiert: Das Spiel gegen Hertha BSC endete 1:2 (0:1). Die Tore für die Gäste erzielten Marco Richter (7. Minute) und Jurgen Ekkelenkamp (63.), Goncalo Paciencia traf für Frankfurt per Foulelfmeter (78.).

1. Die Umstellungen funktionieren nicht

Die Eintracht ging nach dem Sieg gegen die Bayern eigentlich mit ordentlich Rückenwind ins Spiel – und mit diversen Änderungen. Makoto Hasebe verteidigte zentral in einer Dreierkette, Martin Hinteregger auf der rechten, Evan N’Dicka auf der linken Innenverteidigerposition. In der Offensive bildete Sam Lammers die einzige Spitze, Jens-Petter Hauge und Jesper Lindström versuchten sich daneben und dahinter. Auf der rechten Seite durfte Timothy Chandler als Pendant zu Filip Kostic ran.

Von Rückenwind war indes nicht viel zu sehen, von fruchtbaren taktischen Umstellungen auch nicht. Makoto Hasebe ließ Vladimir Darida flanken, in der Mitte durfte Marko Richter ungestört zur Hertha-Führung einnicken, und schon nach sieben Minuten stand die Uhr auf 0:1. Was auch immer Glasners Plan gewesen sein mag, er war schnell durchkreuzt. Auch weil die Hessen keinerlei Anstalten machten, irgendwie produktiv am Spiel mitzuwirken.

2. Eine erste Halbzeit als Zumutung

Mehr noch: Die erste Halbzeit dürfte mit das Schlechteste gewesen sein, was Eintracht Frankfurt seit Jahren in der Bundesliga zusammengespielt hat. Das lausig verteidigte 0:1 war dabei nur eine von vielen Szenen, in denen die Hessen in der Defensive wie ein Absteiger verteidigten. Es hätte zur Pause durchaus 0:4 stehen können. Hinzu kam ein Spielaufbau, der gefühlt ausschließlich aus Fehlpässen, Ungenauigkeiten und Unkonzentriertheiten bestand – und der eine schwache Hertha stark machte. Oder wie es Keeper Kevin Trapp nach der Partie auf den Punkt brachte: "Das Spiel hat nicht Hertha gewonnen, das Spiel haben wir verloren."

Und in der Offensive? Besteht Eintracht Frankfurt eigentlich nur aus offenen Fragen. Wie genau wollen die Hessen Fußball spielen? Was ist der Plan? Wie will Eintracht Frankfurt Tore schießen? Wie sollen Chancen herausgespielt werden? Welcher Spieler im Kader ist für zehn oder mehr Tore gut? Gibt es Mechanismen, und wenn ja, warum sieht man sie nicht? Was will der Trainer eigentlich von seiner Mannschaft und warum klappt es nicht? Was haben die Hessen vor, wenn sie den Ball haben? Die Eintracht hat in acht Saisonspielen nur neun Treffer markiert, und sonderlich viele Indizien, dass die Quote demnächst in die Höhe schießt, gibt es nicht. Eher im Gegenteil.

3. Quantität statt Qualität?

Und möglicherweise hat das auch was mit Qualität zu tun. Gegen die Hertha standen vier Neuzugänge in der Startelf, der Kader umfasst 28 Spieler, aber wie viele davon sind eigentlich in der Lage, den Unterschied zu machen? Sam Lammers wirkt nach wie vor überfordert, der talentierte Lindström körperlich noch nicht weit genug, der ebenfalls talentierte Jens-Petter Hauge hat lichte Momente, dann wieder eine Ballannahme wie eine Betonwand. Muss Rafael Borré als einzige Spitze agieren, ist er der einsamste Mensch im Stadion. Und dass Timothy Chandler als Pendant zu Filip Kostic auf Rechts ran muss, ist eigentlich nicht zu glauben.

Wenn dann die Konstanten im Team wie Kostic oder Djibril Sow einen schlechten Tag haben, wird es haarig. Zumal dann, wenn ein Daichi Kamada, in der letzten Saison noch 15-facher Assistgeber, nur noch von der Bank kommt. Die Spielanlage gegen die Hertha war ein Tiefpunkt, ein Offenbarungseid, nicht weniger. Und bei den Hessen wäre man gut beraten, alsbald ein paar funktionierende Abläufe fürs Offensivspiel einzuüben und die Neuzugänge auf Bundesliganiveau zu bringen. Ansonsten wird die Eintracht im Winter offensiv nochmal nachbessern müssen, auch wenn das finanziell weh tut.

4. Der Bayern-Fluch lebt

Und so passierte eben das, was seit dem Bayern-Spiel rund um die Eintracht geunkt wurde: Die Rückkehr der launischen Diva. Erst die Bayern putzen, dann das folgende Heimspiel gegen einen schwachen Gegner vergeigen – we call it a Klassiker. So war es vor 21 Jahren nach dem letzten Sieg der Hessen in München, als das folgende Heimspiel, ebenfalls gegen die Hertha, mit 0:4 verloren wurde. So war es auch in den letzten Jahren immer wieder.

Nach dem 5:1 gegen die Bayern 2019 gab es im Anschluss eine bittere Sieglos-Serie, nach dem 2:1 im Frühjahr 2021 verloren die Hessen anschließend gegen den späteren Absteiger Werder Bremen. Übrigens: 2000 ging es nach dem Bayern-Sieg und der Hertha-Pleite ebenfalls zum VfL Bochum, wie in diesem Jahr auch. Auch das Spiel wurde verloren, am Ende der Saison stieg die Eintracht ab. Aber das nur so am Rande.

5. Und nun?

Viel wichtiger als die Vergangenheit sind sowieso Gegenwart und Zukunft. Und die sehen nicht rosig aus. Die Spiele gegen die Bayern und in Antwerpen wurden mit viel Glück gewonnen, ansonsten präsentiert sich Eintracht Frankfurt in der Saison 2021/22 bislang: ideenlos, uninspiriert, spielerisch dürftig bis arm. Mit dem Tiefpunkt der Niederlage gegen Hertha BSC, eine Mannschaft, die selbst bis zum Hals in einer sportlichen Krise steckt, mit Querelen auf allen Ebenen und einem Trainer, der bereits zweimal seinen Rücktritt angeboten hat. Gegen wen will Eintracht Frankfurt ein Spiel gewinnen, wenn nicht gegen diese Hertha? Und wie?

Acht Punkte aus acht Spielen bedeuten Platz 14, wird am kommenden Sonntag in Bochum verloren, brennt der Baum schon im Oktober. "Vielleicht kipp' ich mir heute einen hinter die Binde. Dann bekomme ich vielleicht eine Lösung", sagte ein ratloser Glasner nach dem Spiel. Das könnte nach so einer Partie nicht die schlechteste Idee gewesen sein.