Luica Waldschmidt im Trikto der U21-Nationalmannschaft

Luca Waldschmidt trumpft derzeit bei der U21-EM auf und steht spätestens nach seinen vier Toren in den ersten beiden Partien in den Notizbüchern der ganzen großen Clubs. Bei seinem Heimatverein Eintracht Frankfurt fiel er hingegen durch - wie so viele andere.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Luca Waldschmidt - der Vespa fahrende Veganer im Team der U21-Nationalmannschaft

Luca Waldschmidt
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Echte Eigengewächse sucht man im Bundesliga-Team von Eintracht Frankfurt derzeit vergeblich. Klar, es gibt Marco Russ und Marc Stendera. Auch Aymen Barkok lebte für einige Spiele den Traum eines jeden Nachwuchs-Kickers aus den Fußball-Käfigen der Nordweststadt. Aber sonst? Ist die Liste der Talente, die den Durchbruch in Frankfurt geschafft haben, sehr überschaubar. Dabei wäre es so leicht gewesen, wie diese Aufzählung der verschmähten Hoffnungsträger beweist.

Luca Waldschmidt

Bereits in der B-Jugend soll niemand geringeres als der FC Bayern München ein Auge auf Luca Waldschmidt geworfen haben, kein Wunder nach 30 Toren in 40 Spielen. Das Talent des Linksfußes wurde in Frankfurt allenthalben betont, "er hat was, was andere nicht haben", sagte etwa Ex-Trainer Armin Veh. Konsequenterweise wurde Waldschmidt ab 2014 langsam an die Profis herangeführt. Zu langsam wohl, denn nach drei Saisons mit insgesamt lediglich 17 Einsätzen zog es den Stürmer, der 2010 von der TSG Wieseck nach Frankfurt gekommen war, zum Hamburger SV.

Eine Rolle dürfte damals auch gespielt haben, dass Waldschmidts Berater zugleich auch der neue Berater des HSV-Mäzens Klaus-Michael Kühne war. In der Hansestadt ging die Karriere allerdings auch nicht unbedingt durch die Decke, auch wenn Waldschmidt den HSV mit seinem Siegtreffer am letzten Spieltag 2017 zum Klassenerhalt schoss. Besser lief es für ihn nach seinem Wechsel 2018 zum SC Freiburg, wo er zum Stammspieler und Leistungsträger mutierte – und dem SC damit wohl innerhalb eines Jahres entwuchs. Nach Waldschmidts erfrischenden Auftritten bei der U21-EM sollen gleich mehrere ambitioniertere Klubs Schlange stehen.

Cenk Tosun

Michael Skibbes Amtszeit ist in der Frankfurter Fußballhistorie eher eine zum Vergessen. Neben dem Abstieg 2011 besonders bitter: Der Abgang von Cenk Tosun. Der Stürmer durchlief zwar sämtliche Eintracht-Jugendteams und U-Nationalmannschaften, und das durchaus treffsicher, unter Skibbe durfte der gebürtige Wetzlarer aber dennoch nur magere 15 Minuten in der Bundesliga ran. Zu wenig für den Hochbegabten, der eine Vertragsverlängerung ausschloss und ein halbes Jahr vor Saisonende für 500.000 mickrige Euro nach Gaziantep verscherbelt wurde.

Cenk Tosun

Und wie es manchmal so läuft: Während die Eintracht unter Skibbe das Kunststück schaffte, acht Spiele ohne Treffer zu bleiben, schoss Tosun in der Türkei in seinen ersten sieben Einsätzen gleich sieben Tore, fand sein Konterfei auf den Titelseiten der Sportmagazine wieder und wurde zur Nationalmannschaft eingeladen. Tosun zog in der Folge zu Besiktas weiter, wo er Torschützenkönig, Spieler des Jahres und zweimal Meister wurde. 2017 bezahlte dann der FC Everton dann das 45-fache jener Ablöse für Tosun, die einst die Eintracht für ihn bekommen hatte. Nicht weniger als 22,5 Millionen Euro. Seinem Jugendklub ist Tosun derweil noch immer verbunden. Erst  im Frühjahr sagte er in einem Interview auf der Everton-Homepage: "Es liegt mir immer noch am Herzen, dass ich nicht vor den Eintracht-Fans in der Arena spielen konnte." Die 15 Minuten anno 2010 unter Skibbe durfte Tosun nämlich vor der traditionell eher traurigen Kulisse in Wolfsburg ran.

Marc-Oliver Kempf

Marc-Oliver Kempf

Klar, was die Zahlen angeht, ist die Bilanz von Marc-Oliver Kempf im Trikot der Eintracht ernüchternd. Nachdem der damals erst 17-Jährige 2012 erstmals und anschließend immer mal wieder aufgrund von Verletzungen der Konkurrenz in die erste Mannschaft gespült worden war, setzte es in seinen fünf Bundesligaspielen für die Hessen null Punkte und 1:15 Tore. Immerhin in der Europa League durfte Kempf jubeln, als er beim 1:0 in Bordeaux 90 Minuten auf dem Platz stand. Klare Sache: Es kam damals alles ein wenig zu früh für Kempf.

Für 800.000 Euro zog es ihn deshalb 2014 zum SC Freiburg, wo er sich dann doch noch zu einem passablen Bundesligaspieler mauserte. Der U17- und U19-Europameister hielt mittlerweile in 66 Bundesligaspielen seine Knochen hin, seit 2018 für den VfB Stuttgart, mit dem er aber unlängst aus der Bundesliga abstieg. Für die zweite Liga ist er eigentlich zu gut. Trotzdem fand sich bis zum 31. Mai kein Klub, der seine Ausstiegsklausel von kolportierten sieben Millionen Euro ziehen wollte. Sollte es im Laufe des Sommers doch noch einen Interessenten geben, müsste dieser für Kempf wohl mehr bezahlen.

Marko Marin

Marko Marin

FC Sevilla, AC Florenz, RSC Anderlecht, Trabzonspor, Olympiakos Piräus, Roter Stern Belgrad – im Herbst seiner Karriere ist Marko Marin eher Individualtourist denn Fußballer. Das war aber nicht immer so: Nachdem Marin 2005 nach zehn Jahren im Eintracht-Nachwuchs zu Borussia Mönchengladbach ging und dort sein Bundesligadebüt gab (gegen die Eintracht), startete der trickreiche Offensivspieler im Anschluss zumindest zeitweise durch, wechselte 2009 für acht Millionen Euro zu Werder Bremen, damals noch Stammgast in der Champions League, und bestritt sogar 16 Länderspiele. Mehr noch: 2012 holte ihn der FC Chelsea, in der englischen Presse war irrigerweise vom "German Messi" die Rede. Naja.

Ähnlich schnell, wie es nach oben ging, ging es für Marin aber auch wieder nach unten. Bei Chelsea konnte er nie Fuß fassen, viele, viele Leihgeschäfte später spielt er bei Roter Stern Belgrad, sein Herzensklub aus Kindheitstagen und immerhin immer mal wieder in der Champions League vertreten. Und irgendwann wieder bei der Eintracht? "Meine Eltern leben in Frankfurt, ich habe zehn Jahre als Junior bei der Eintracht verbracht und hätte nichts dagegen, meine Karriere dort eines Tages zu beenden", sagte Marin erst 2018. In Frankfurt hält sich übrigens immer noch das Gerücht, dass Marin aussortiert worden sei, weil er zu klein war. Ein Irrglaube. Gladbach bot einfach mehr Geld und Papa Marin eine Anstellung als Scout, weswegen sich Marin bei der Eintracht abmeldete. Am letzten Tag der Wechselfrist, per Einschreiben.

Gian-Luca und Davide Itter

Die Fritz-Walter-Medaille ist die höchste individuelle Auszeichnung für deutsche Nachwuchstalente. Dass sie ein Frankfurter gewonnen hat, ist bislang noch nie vorgekommen. Es sei denn,  man drückt ein Auge zu und zählt Gian-Luca Itter noch dazu, der die Medaille 2017 gewann. Dumm nur: Da trug er bereits das Trikot des VfL Wolfsburg.

Ein Jahr zuvor war er gemeinsam mit seinem Zwilling Davide unter ordentlich Getöse nach Wolfsburg gewechselt. Beide hatten bei der Eintracht eigentlich schon einen Fördervertrag unterschrieben, bevor der finanzstarke VfL um die Ecke kam.  In Wolfsburg machte zumindest Gian-Luca die ersten Schritte zum Profi, hatte aber in der abgelaufenen Saison das Pech, dass er mit Jérôme Roussillon enorm starke Konkurrenz auf seiner Position als Linksverteidiger hatte. Rechtsverteidiger Davide kommt bislang nur in der Regionalliga-Reserve des VfL zum Zuge, Gian-Luca hat dem Klub direkt gänzlich den Rücken gekehrt. Für 2,5 Millionen Euro zieht es ihn nach Freiburg, wo man die Karriere dann ja doch noch ankurbeln kann. Luca Waldschmidt lässt grüßen.