Jovic, Kostic und Rode jubeln
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Eintracht Frankfurt spielt eine streckenweise spektakuläre Saison, schleppt sich am Ende aber über die Ziellinie. Wer waren die positiven Überraschungen bei den Hessen? Und für wen war es ein gebrauchtes Jahr?

Gewinner:

Filip Kostic: Gäbe es eine Bundesliga für amateurhaftes Verhalten auf dem Transfermarkt, der Hamburger SV wäre einsamer Spitzenreiter. Bestes Beispiel dafür: Filip Kostic. Die Hanseaten bezahlten 2016 noch 14 Millionen Euro für den Serben, im vergangenen Sommer kam Kostic für 600.000 Euro Leihgebühr an den Main. Zuvor als schwieriger Charakter verschrien, drehte Kostic bei der Eintracht auf und wurde nach der Umschulung zum offensiven Linksverteidiger zu einem der ligaweit aufregendsten Spieler auf dieser Position.

Wettbewerbsübergreifend schoss Kostic zehn Tore und bereitete 13 Treffer vor. Auch schlug Kostic mit 157 Flanken die meisten aller Bundesligaspieler, gewann die fünftmeisten Zweikämpfe ligaweit (396) und zog die drittmeisten Sprints (1.017) und sechstmeisten intensiven Läufe an (2.638). Herausragende Zahlen, die dem HSV sicherlich auch ganz gut getan hätten. Der Kostic übrigens aus finanziellen Nöten heraus schon ein Jahr früher an die Eintracht verkaufte, zu geringeren Konditionen. Man hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren.

Makoto Hasebe: Wenn irgendwann ein Film über den Japaner gedreht werden sollte, dann müsste dieser "The Curious Case of Makoto Hasebe" heißen. Schließlich scheint Hasebe, ähnlich wie Benjamin Button in besagtem Film, einfach immer jünger zu werden. Seit 2008 spielt Hasebe nun schon in der Bundesliga, mit dem VfL Wolfsburg ist er 2009 sogar Meister geworden. So gut wie in dieser Saison hat Hasebe allerdings noch nie gekickt. In der Hinrunde wurde der Japaner vom kicker sogar zum besten Innenverteidiger der Liga gewählt. Auch wenn die Rückrunde ein bisschen weniger sahnig lief: Bei Hasebe wünscht man sich, dass er noch jahrelang so weitermacht.

Luka Jovic: Wer von Real Madrid und dem FC Barcelona umworben und vom eigenen Verein mit einem Preisschild in Höhe von 100 Millionen Euro versehen wird, kann so viel nicht falsch gemacht haben. Nach acht Toren in der Vorsaison machte Jovic in dieser Spielzeit den vielbeschworenen nächsten und wahrscheinlich sogar den übernächsten und überübernächsten Schritt. Aus dem fast verschleuderten Talent in Lissabon ist ein Stürmer der Extraklasse geworden, für den wohl nur noch die allergrößten Vereine Europas gut genug sind. Weswegen Jovic die Eintracht aller Vorraussicht nach verlassen wird, nach vielen spektakulären Toren, einem geschichtsträchtigen Fünferpack gegen Düsseldorf, zwei Toren des Monats und einem Pokalsieg. Nicht ausgeschlossen, dass man in ein paar Jahren in Frankfurt wird sagen können, einen absoluten Weltklassestürmer mit aufgebaut zu haben.

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Sebastien Haller: Wie sehr der Franzose fehlte, merkte man erst, als er im Saisonendspurt mit Bauchmuskelproblemen passen musste – und die Eintracht prompt den Faden und vier der letzten sieben Spiele verlor. Haller gewann ligaweit die meisten Zweikämpfe und Kopfballduelle. Zwei Statistiken, die seine wichtige Prellbock-Funktion im Frankfurter Spiel belegen, durch die seine Nebenmänner oft überhaupt erst glänzen konnten. Dass der Franzose auch ein feines Füßchen hat, bewies er durch wettbewerbsübergreifend 20 Saisontore und zwölf Vorlagen. Und wer weiß: Hätte nicht Hallers Bauchmuskel zu zwicken begonnen, im nächsten Jahr hätte man im Stadtwald wohl die Champions-League-Hymne hören können.

Martin Hinteregger: Sehr viel schneller zum Publikumsliebling werden als Martin Hinteregger, ist quasi unmöglich. Der Österreicher war kaum da, da hatten ihn die Fans wegen seiner rustikalen Spielweise und der bodenständigen Art bereits tief in ihr Herz geschlossen. Dem Innenverteidiger ging es andersrum ganz ähnlich: "Es ist gerade so eine geile Phase in meiner Karriere. Ich habe so viel Spaß daran, hier in diesem Stadion zu spielen und die ganzen Emotionen mitzunehmen", sagte er kurz vor Saisonende. 

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Dass ausgerechnet er es war, der die Eintracht im Elfmeterschießen gegen Chelsea mit einem versemmelten Elfer auf die Verliererstraße brachte, ist schon ein besonders zynischer Treppenwitz dieser Saison. Dennoch: Den Elfer nahm ihm niemand krumm, sein sportlicher Wert ist sowieso klar. Und so wäre es schon eine große Überraschung, wenn die Lovestory zwischen Hinteregger und der Eintracht nicht noch ein Happy End in Form einer festen Verpflichtung erfährt.

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Verlierer:

Marc Stendera: Marc Stendera ist schon so lange bei Eintracht Frankfurt, dass man manchmal vergisst, dass er immer noch erst 23 Jahre alt ist. Bei anderen ist das noch Talent-Alter, beim hessischen Mittelfeldspieler, der bereits 2013 sein Bundesligadebüt feierte, kann man davon fast nicht mehr sprechen. Zudem: Stenderas Karriere ist in den vergangenen zwei Jahren ins Stocken geraten. In dieser Spielzeit kam er nur noch auf 205 Minuten in elf Einsätzen. Zu wenig für Stendera, der immer, wenn er mal mitkicken durfte, durchaus zeigte, dass er mithalten kann. Das Positive: Er hat seine gesamte Karriere, noch immer, vor sich. Sie wird aber wohl woanders weitergehen.

Branimir Hrgota: Warum sich Branimir Hrgota vor der Saison und in der Winterpause nicht beruflich umorientiert hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Klar ist: Hinter der vielbejubelten Büffelherde und Stürmer Nummer vier Goncalo Paciencia war der Schwede völlig abgemeldet und spielte in der gesamten Saison 2018/19 ganze vier Minuten, beim 7:1 gegen Fortuna Düsseldorf am achten Spieltag. Ein mehr als verlorenes Jahr für den Schweden, der vor nicht allzu langer Zeit zumindest noch Talentstatus hatte, mit nun 26 Jahren aber eigentlich längst auf einem anderen Level sein müsste. Sein Vertrag endet am 30. Juni.

Sebastian Rode: Der vielleicht größte Verlierer in den Reihen der Hessen ist Sebastian Rode. Nicht, weil er nach seiner Leihe von Dortmund eine grottige Rückrunde bei der Eintracht spielte. Ganz im Gegenteil: Mit seiner Galligkeit war Rode auf Anhieb das Herzstück des Frankfurter Mittelfelds und Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Sondern vielmehr, weil noch nicht absehbar ist, was Rode alles verliert. Nach einem Zweikampf im Europa-League-Halbfinale bei Chelsea zog er sich einen Knorpelschaden zu, es war bereits der dritte und die vierte schwere Knieverletzung des 28-Jährigen insgesamt. Zwar ist die OP gut verlaufen und Rode hat bereits angekündigt, stärker zurückkommen zu wollen. Inwieweit allerdings der Wunsch Vater dieses Gedankens ist, wird die Zeit zeigen.

Jetro Willems: Der gelernte Linksverteidiger ist ein hochdekorierter Spieler, zweifacher niederländischer Meister, U17-Weltmeister 2011 und Pokalsieger in Holland sowie Deutschland. Dass er seit 2012 den Rekord als jüngster Spieler einer Europameisterschaft hält, erzählt zudem viel über sein überbordendes Talent. Das er in zwei Jahren Eintracht Frankfurt jedoch viel zu selten gezeigt hat. Im Vergleich zur Vorsaison verschwand Willems 2018/19 zudem etwas unter dem Radar, was zum einen daran lag, dass er nach zwei ärgerlichen Platzverweisen innerhalb von nicht einmal drei Wochen gegen Werder Bremen und Olympique Marseille seinen Platz an Filip Kostic verlor, der prompt spielte, als habe er sein Leben lang auf die Umschulung zum offensiven Linksverteidiger gewartet.

Zum anderen wurde Willems, wenn er denn mal mittun durfte, von Hütter im zentralen Mittelfeld aufgeboten. Und spielte dort nicht unbedingt die Sterne vom Himmel. Mehr noch: Beim 1:6 gegen Leverkusen wurde er nach einer unterirdischen Darbietung nach 36. Minuten vom Feld geholt. Ob er je wieder für die Hessen aufläuft oder, wie von ihm selbst bereits angekündigt, sich nach einem neuen Klub umsieht, bleibt abzuwarten.

Mijat Gacinovic: Der Serbe bringt alles mit, um ein überdurchschnittlicher Bundesligaspieler zu sein. Gacinovic ist bissig, lauf- und kampfstark, technisch versiert und mit einem guten Spielverständnis gesegnet. Das Problem: Genau an diesen Anlagen muss er sich messen lassen. Angesichts seines großes Potentials hat sein Spiel nämlich zu wenig Ertrag, zu oft trifft Gacinovic in den wichtigen Momenten die falsche Entscheidung. Hinzu kommt mangelnde Torgefahr. In seinen 45 Einsätzen schoss Gacinovic gerade mal zwei Tore, darunter immerhin eines der schönsten der Eintracht-Saison, als er gegen Lazio Rom einen Weitschuss im Winkel versenkte.

Ein Treffer Marke Tor des Monats, der einmal mehr zeigte, was alles möglich ist, wenn Gacinovic das Nachdenken bleiben lässt und einfach mal macht. So aber bleibt eine Saison, in der sich Gacinovic Fleißkärtchen für die teamintern meisten Sprints (35,1) und drittmeisten gelaufenen Kilometer (12,1) pro 90 Minuten verdiente. Mehr aber leider auch nicht.