Nabil Fekir

Eintracht Frankfurt trifft in der Europa League auf Betis Sevilla. Der Aufschwung des spanischen Tabellendritten liegt an einem spannenden Kader - und einem Bauingenieur an der Seitenlinie.

Nein, nach der großen Sahnesaison sah es im Sommer 2021 wahrlich nicht aus. Mit Emerson Royal und Aissa Mandi hatte Betis Sevilla gerade die halbe Abwehr verloren, in der Liga ging der Start ordentlich in die Hose. Nach nur sechs Punkten aus den ersten fünf Spielen schien die Saison vorgezeichnet: Mittelfeld, hartes Brot, und das nach der besten Platzierung seit dem Wiederaufstieg 2015 aus der Vorsaison, als Betis als Sechster in den Europacup einzog. Ein Gedanke, der im Frühjahr 2022 beinahe absurd erscheint.

Audiobeitrag

Audio

Betis für die Eintracht eine echte Prüfung

Ein Fußball mit dem Europa-League-Logo
Ende des Audiobeitrags

Denn Betis Sevilla ist die Überraschungsmannschaft der Saison in der spanischen Primera Division. Mit 46 Punkten steht Betis auf einem überragenden dritten Platz, nur Real und der Stadtrivale des FC Sevilla sind aktuell besser. Von den letzten zehn Pflichtspielen hat Betis gerade eins verloren, schon jetzt hat der einstige Arbeiterklub nur drei Tore weniger geschossen als in der gesamten Vorsaison. Was in Sevilla aktuell geschieht, ist ein kleines, grün-weiß gestreiftes Wunder.

Der Ingenieur des Aufschwungs

Architekt des Aufschwungs ist Trainer Manuel Pellegrini. Der hochdekorierter (und -betagte) Coach, der schon Real Madrid trainierte und mit Manchester City einst die Premier League gewann, heuerte im Sommer 2020 bei Betis an. Wobei "Ingenieur des Aufschwungs" die passendere Bezeichnung wäre. Schließlich schloss Pellegrini einst ein Studium des Bauingenieurwesens mit Bestnoten ab, bevor er Profifußballer wurde. Den Spitznamen "Ingenieur" hat er sich bewahrt.

Weitere Informationen

Heiko Westermann im heimspiel!

20 Spiele absolvierte Ex-Nationalspieler Heiko Westermann in der Saison 2015/16 für Betis Sevilla. Am kommenden Montag ist er zu Gast im heimspiel! und plaudert über Eintrachts Europa-League-Gegner aus den Nähkästchen. Ab 20 Uhr auf hessenschau.de und um 23:15 im hr-Fernsehen.

Ende der weiteren Informationen

Und das folgerichtig, denn Pellegrini ist in der Lage, Mannschaften zu bauen. "Wenn man ihm Zeit gibt, formt er dir eine gute Mannschaft", lobte einst Real-Sportdirektor Jorge Valdano, freilich nicht ohne Pellegrini nach einem titellosen Jahr zu feuern, weil bei Real eben keine Zeit vorhanden ist. Bei Betis allerdings schon. Der Kader des Klubs ist voll mit hochbegabten Spielern, denen anderswo der ganz große Sprung nicht gelungen ist. Eine Mannschaft, für die sich Pellegrini als perfektes Match erweist. "Er kennt mich sehr gut. Es gibt hier viele Spieler, die bereits ihre Tiefpunkte hatten, und die jetzt sehr gut spielen", sagte Flügelspieler Juanmi im vergangenen Winter dem Guardian über seinen Trainer.

Durchstarter und Spätzünder

Juanmi selbst ist ein perfektes Beispiel für die Durchstarter und Spätzünder im Kader von Betis. Der Linksaußen debütierte einst als 16-Jähriger beim FC Malaga, ist bis heute der jüngste Spieler, dem in der Primera Division ein Doppelpack gelang, und gewann zweimal die U19-EM. Bei diesen Titeln blieb es allerdings, auch sein einziges Länderspiel ist schon sieben Jahre her. Die ganz große Karriere schien es dann doch nicht zu werden. Bis er bei Betis mit nun 28 Jahren sein Versprechen doch noch einzulösen scheint. Aktuell steht Juanmi bei zwölf Ligatoren, mehr als er je zuvor in einer Spielzeit gemacht hat.

Oder sein Gegenüber Sergio Canales. Canales galt einst als Spaniens "Next Big Thing". Real holte ihn 18-jährig zu sich, wo er aber nur zehn Spiele machte. Zweimal riss danach das Kreuzband, es schien, als bliebe Canales ein Unvollendeter. Bei Betis ist er mit 31 Jahren nun besser denn je. Ähnliche Geschichten erzählen Ex-Barca-Talent Christian Tello, Arsenal-Leihgabe Hector Bellerin oder auch Mittelfeldspieler William Carvalo, Europameister von 2016. Für die internationalen Top-Klubs reichte es nicht ganz, unter Pellegrini aber blühen sie auf, besser spät als nie.

Begnadeter Fekir als Spielmacher

Und dann wäre da noch Nabil Fekir, der genialische zentrale Mann im offensiven Mittelfeld. Fekir wurde 2018 mit Frankreich Weltmeister, war dem FC Liverpool einst 60 Millionen Euro wert, bevor eine Knieverletzung den Wechsel dann doch noch verhinderte. Betis schlug 2019 zu und sicherte sich einen Spieler, der prinzipiell ein bis zwei Kategorien weiter oben anzusiedeln ist, eben bei einem Klub wie Liverpool. Dass der begnadete Fekir in seiner Karriere bislang "nur" für Olympique Lyon und Betis kickte, ist ein Witz und für einen wie ihn zu wenig. Für Betis aber ein Segen.

Fekir, Juanmi, Canales in der Offensive, Cavarvalho auf der Sechs, der Ex-Dortmunder Marc Bartra in der Abwehr oder auch der 40-jährige Kapitän Joaquin im Sturm, der nicht mehr alle Spiele macht und oft genug den jüngeren Mittelstürmern den Vortritt lässt, in der Europa League aber noch regelmäßig zum Einsatz kommt: Sie alle finden sich in Pellegrinis 4-2-3-1 perfekt zurecht. "Er hat sehr klare Ideen und einen sehr wiedererkennbaren Stil", lobte Juanmi. Bartra schloss sich an: "Er hat drei oder vier sehr klare Ideen und sagt jedem Spieler, was genau er braucht. Es ist einfach, nichts Außergewöhnliches, aber er kommuniziert sehr klug und jeder weiß, was er zu tun hat."

Reicht es für die Champions League?

Pellegrini hat es sogar geschafft, dem Klub Konstanz einzuimpfen, oft genug ein Problem in der Vergangenheit. Ob das reicht, damit der Tabellendritte auch am Ende der Saison auf einem Champions-League-Platz steht? Die Verfolger heißen aktuell Atletico Madrid und FC Barcelona, gut möglich, dass die Großklubs am Ende doch noch die Nase vorn haben. Gegen eine Sahnesaison in der Europa League spricht das aber keinesfalls.