Filip Kostic tritt einen Eckball. Um ihn herum: viel Leere.

Eintracht Frankfurt verliert in der Europa League gegen den FC Basel, das deutliche Ergebnis ist wegen des Coronavirus aber nebensächlich. Spätestens nach diesem Geisterspiel stellt sich die Frage: Wie lange rollt der Ball noch?

Adi Hütter überlegte einen Moment, er kratzte sich kurz an der Stirn – und dann gab er seine eigene, ehrliche Einschätzung ab. "Für die Entscheidungsträger ist es sicherlich keine einfache Entscheidung, es geht über den Sport hinaus", sagte der Trainer von Eintracht Frankfurt. "Wir sind ja nicht nur in den Katakomben der Arena und bleiben hier die ganze Zeit. Es hat jeder eine Familie, den einen oder anderen Bekannten, wo die Gefahr da ist, dass man sich ansteckt. Ich denke, dass die Entscheidung so kommen wird, wie sie kommen muss."

Das Coronavirus, die Pandemie, die Folgen für Gesellschaft und Sport auf der ganzen Welt: Auch nach der 0:3-Niederlage der Eintracht im Achtelfinal-Hinspiel der Europa League gegen den FC Basel durfte es schlicht und ergreifend nur ein Thema geben. Das Freistoßtor durch Samuele Campo zum 1:0? Schön, aber maximal zweitrangig. Die Kaltschnäuzigkeit der Schweizer in der zweiten Halbzeit? Beeindruckend, spielentscheidend gar – aber mehr auch nicht. Das deutliche Endresultat? "Erschreckend", wie Hütter sagte, aber möglicherweise bedeutungslos, sollte die UEFA den Spielbetrieb in Europa und auch Champions League in der kommenden Woche auf Eis legen.

Erinnerungen an Marseille

Dass die Europäische Fußball-Union es tun sollte, zumindest für einen gewissen Zeitraum, dafür war das Geisterspiel zwischen Frankfurt und Basel das beste Plädoyer. Die weite Leere der Tribünen in der Arena, das Fehlen der Europacup-verliebten Eintracht-Fans, die trainingsplatzähnliche Atmosphäre: Dieses Geisterspiel war wahrhaftig gespenstisch und gruselig. So etwas soll sich in einer Fernsehübertragung mindestens genauso gut verkaufen lassen wie eine stimmungsvolle Choreographie oder wie ein übliches Fußballspiel mit Fangesängen und allem Pipapo? Zweifelhaft. 

Am Donnerstagabend wurden Erinnerungen an den 20. September 2018 wach. Nach jahrelanger Abwesenheit kehrte die Eintracht an jenem Sommertag auf die Europapokal-Bühne zurück – das erste Gruppenmatch bei Olympique Marseille war allerdings ebenfalls ein Geisterspiel. Damals wie heute reicht ein Adjektiv, um die Rahmenbedingungen einer solchen Veranstaltung zu beschreiben: skurril.

Rückspiel soll auch in Frankfurt stattfinden

Wenn in einer Arena die gewöhnliche Playlist mit Vereinsliedern oder die offizielle Europa-League-Hymne gespielt wird und der Stadionsprecher die Aufstellung der Heimmannschaft mit der gewohnten Power vorträgt, obwohl keine Zuschauer da sind, dann drängt sich der Eindruck auf, dass auf normal gemacht wird, obwohl die Umstände nicht normal sind. Das Geisterspiel in Marseille vor eineinhalb Jahren war noch die Ausgeburt einer Kollektivstrafe, im Jahr 2020 sind ein weltweit grassierendes Virus und eine völlig zurecht erfolgte behördliche Anordnung die Auslöser.

Nun wäre dieses Hinspiel kein Hinspiel, würde es nicht irgendwann auch ein Rückspiel geben. Nach dem Willen der Verantwortlichen soll es am kommenden Donnerstag (21 Uhr) wie geplant stattfinden, allerdings erneut in Frankfurt und nicht in Basel. Darauf verständigten sich beide Clubs sowie die UEFA, in der Schweiz darf wegen der Corona-Gefahr nicht gespielt werden. Auch dieses Match müsste infolge der Anweisung von Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne), alle Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Menschen abzusagen, als Geisterspiel über die Bühne gehen.

DFL berät am Montag, UEFA am Dienstag

Dass die Partie angesichts der aktuellen Entwicklungen aber überhaupt angepfiffen wird, ist mehr als offen. Schließlich ist die Anweisung der Landesregierung nicht die einzige Maßgabe, die den rollenden Ball unmittelbar beeinflusst. Am Montag kommt die Deutsche Fußball Liga (DFL) zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zwecks Beratungen zusammen, am Dienstag dann die für die Europa League verantwortliche UEFA. Die Zeit der Entscheidungen steht kurz bevor. Und es ist höchste Zeit. 

Im weltweiten Profi-Sport, speziell im Fußball, sind allein seit Donnerstag mehrere Infizierungen mit dem Coronavirus bekanntgeworden. In der Mannschaft von Zweitligist Hannover 96 gibt es mit Jannes Horn bereits einen zweiten Fall, das Team steht unter Quarantäne. Beim Premier-League-Club FC Arsenal, das wurde am späten Donnerstagabend bekannt, wurde Trainer Mikel Arteta positiv getestet – die Liga will am Freitag beraten, wie es weitergeht. Und die Formel 1 hat ihren Saisonstart in Australien abgesagt, nachdem sich im McLaren-Team ein Mechaniker infiziert hatte.

Corona: Fußball-Pause in Spanien, Italien, Hessen

All das sind Entwicklungen, die auf den deutschen sowie den internationalen Fußball direkt wie indirekt eine Auswirkung haben. In Spanien und Italien beispielsweise legt die erste Liga jeweils eine Corona-Pause ein, der Hessische Fußball-Verband hat alle Amateur- und Jugendspiele bis Ostern abgesagt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch bei Eintracht Frankfurt in den kommenden Wochen kein Ball rollt – ob nun in der Bundesliga, in der Europa League oder in beiden Wettbewerben. Adi Hütter hat es offen und ehrlich eingeschätzt: "Ich denke, dass die Entscheidung so kommen wird, wie sie kommen muss."