Spieler von Eintracht Frankfurt bei den Fans nach dem Sieg gegen Tallinn
Die Eintracht-Profis nach dem Sieg bei den Fans in der Kurve Bild © Imago Images

Europa-League-Anwärter Eintracht Frankfurt gewinnt auch das Quali-Rückspiel gegen Flora Tallinn, macht dabei aber nur kleine Fortschritte. Der heimliche Star des Abends steht gar nicht auf dem Feld. Die Analyse in fünf Punkten.

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Adi Hütter auf der Pressekonferenz

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In der zweiten Qualifikationsrunde zur Europa League hat die Frankfurter Eintracht auch das Rückspiel gegen den FC Flora Tallinn aus Estland mit 2:1 (1:1) gewonnen. Geburtstagskind Gonçalo Paciência traf doppelt, einmal zum 1:0 (37. Spielminute) sowie nach Vlasiy Sinyavskiys überraschendem Ausgleich (40.) per Handelfmeter zum Siegtreffer (54.). In Runde drei am 8. und 15. August wartet nun der FC Vaduz aus Liechtenstein. 

1. Wo sind all die vielen Stürmer hin?

Schon klar: Sie sind wie Luka Jovic entweder in Madrid, wie Sébastien Haller bei West Ham United oder – um einmal den aktuellen Gerüchten zu folgen – wie Ante Rebic möglicherweise bald bei Inter Mailand. Weil dieser Rebic nach tagelangen Rückenproblemen am Donnerstagabend nicht zum Einsatz kam, hatte sich der Kreis der zur Verfügung stehenden Angreifer auf eine überschaubare Größe reduziert. Dejan Joveljić, Paciência und Daichi Kamada spielten von Beginn an, auf der Bank saß mit Mijat Gacinovic – nach dem Hinspiel noch mit Kritik überschüttet – nur eine nominelle Offensivkraft. 

Gegen Tallinn, Vaduz und vielleicht auch im DFB-Pokal bei Waldhof Mannheim (11. August) kann dieses Personalkonzept aufgehen, spätestens beim Bundesligaauftakt eine Woche später gegen 1899 Hoffenheim braucht Trainer Adi Hütter aber mindestens eine Alternative mehr im Sturm. Nicht nur, weil Rebic dann schon weg sein oder sich noch jemand verletzen könnte. Neuzugang Joveljić und selbst Kamada, der im Oberhaus immerhin schon drei Einsätze verzeichnete, sind den Nachweis ihrer Bundesligatauglichkeit noch schuldig.

2. Paciência und Kamada mehr als bloß Lichtblicke

Aber nicht, dass wir uns falsch verstehen: Paciência, Joveljić und allen voran Kamada haben gegen Tallinn gezeigt, wie man sich in den Vordergrund drängt. Paciência freilich am besten, traf er an seinem Geburtstag doch sowohl per Kopf als auch vom Elfmeterpunkt mit dem Fuß. Aber auch Joveljić versuchte, an die Leistung sowie seinen Siegtreffer aus dem Hinspiel anzuknüpfen und wirbelte insbesondere in der ersten Halbzeit durch die Hälfte der Esten. Der Gewinner des Abends aber hieß: Daichi Kamada.

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Eintracht-Stürmer Paciencia

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Der 22 Jahre junge Japaner, dem Hütter für die Leihe zum belgischen Club VV St. Truiden während der vergangenen Saison eine sportliche und menschliche Entwicklung bescheinigte, rechtfertigte seine Startelfnominierung prompt. Als zentraler offensiver Mittelfeldspieler hinter den Spitzen Paciência und Joveljić war er an vielen Vorstößen beteiligt und probierte sich zudem auch bei Standardsituationen. Prognose: Gut möglich, dass Kamada in den kommenden Wochen in der Zentrale öfter zum Einsatz kommt. 

3. Der Spagat ist deutlich zu sehen

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Almamy Touré beim Interview

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Wem der Kick gegen Tallinn vom Niveau her wie ein besseres Testspiel vorkam, der darf eine Sache nicht vergessen: Eintracht Frankfurt befindet sich derzeit nicht nur mitten in der Vorbereitung, sondern auch mitten in einem Trainingslager. Das heißt: Die Köpfe sind voller taktischer Dinge, die Beine sind schwer von schweißtreibenden Einheiten. Gegen den FC Flora hat sich sowohl im Hin- als auch im Rückspiel gezeigt, wie anspruchsvoll der Spagat zwischen Training, Regeneration und Pflichtspielanspannung sein kann.

Bestes Beispiel: der folgenschwere Stellungsfehler von Almamy Touré kurz vor dem Ausgleich. Dass Touré in diesem Moment Sinyavskiy komplett aus den Augen verloren hatte, ist durchaus auch mit fehlender Frische im Kopf zu erklären. Abstimmung und Kommunikation zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen klappten insgesamt aber besser als noch vor einer Woche.

4. Laut, lauter, Eintracht-Fans bei Hinteregger-Rückkehr

Der eigentliche Höhepunkt des Abends dürfte für viele nicht der Einzug in die nächste Quali-Runde gewesen sein, sondern das, was sich wenige Minuten vor dem Anpfiff ereignete. Die Rückkehr, die feste Verpflichtung von Leihspieler Martin Hinteregger – sie wurde gebührend gefeiert, und die Lautstärke des Jubels erinnerte stark an jenen Abend im vergangenen April, als die Eintracht gegen Lissabon gewann und ins Halbfinale der Europa League einzog. "Ich bin endlich wieder Zuhause, das tut gut", sagte ein sichtlich überwältigter Hinteregger ins Stadionmikro. Mehr hat es in diesem emotionalen Moment auch nicht gebraucht. 

5. Hat irgendwer Sommerpause gesagt?

48.000 Fans. Ein ausverkauftes Stadion. Und das in der zweiten Qualifikationsrunde, gegen einen Gegner, der bis vor wenigen Wochen nicht jedem geläufig war. Die Frankfurter Anhänger machen da weiter, wo sie am Ende ihrer Europa-Tournee der vergangenen Saison aufgehört hatten: Sie pilgern in Scharen ins Stadion und sorgen vor, während und auch nach der Partie für eine Stimmung, auf die mancher Bundesligist 34 Spieltage lang vergeblich wartet.

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Danny da Costa beim Interview

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Man könnte fast meinen, die rund zweimonatige Sommerpause seit dem letzten Pflichtspiel am 18. Mai in München hat es nie gegeben. Selbst die Spieler von Flora Tallinn wurden nach der Partie gefeiert, so groß ist die Lust der Eintracht-Fans auf den internationalen Wettbewerb. Dass bei der eigenen Mannschaft sportlich noch nicht alles rund laufen kann, ist an einem solch emotionalen Abend maximal zweitrangig.

Weitere Informationen

EINTRACHT FRANKFURT - FLORA TALLINN 2:1 (1:1)

Frankfurt: Wiedwald - Da Costa, Toure, Hasebe, N'Dicka, Kostic - Torro, Kohr (75. Fernandes) - Kamada - Paciencia, Joveljic (67. Gacinovic)

Tallinn: Igonen - Järvelaid, Kuusk, Pürg, Kams - Sinyavskiy, Ainsalu, Kreida (78. Poom), Liivak (60. Alliku) - Vassiljev - Sorga (70. Lepik)

Tore: 1:0 Paciencia (37.), 1:1 Sinyavskiy (40.), 2:1 Paciencia (54./HE)

Schiedsrichter:
Burchardt (Dänemark)

Zuschauer: 48.000 (ausverkauft)

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