Goncalo Paciencia  ist enttäuscht

Keine Aggressivität, keine Kreativität, keine Euphorie: Eintracht Frankfurt ist zum Jahresende die Identität abhanden gekommen. Kriegen die Hessen in der Woche vor Weihnachten nicht die Kurve, geht der Blick sogar nach unten.

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Eine entfesselt aufspielende Mannschaft, vier Tore gegen einen haushohen Favoriten, euphorische Fans auf den Rängen: Nimmt man das erste Europacup-Heimspiel des Jahres 2019 von Eintracht Frankfurt und vergleicht es mit dem letzten, der Kontrast könnte größer nicht sein. Es war im Februar, als die Hessen Shaktar Donezk mit 4:1 nach Hause schickten, Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller erzielten die Tore, anschließend wurde gefeiert. Zehn Monate später ist davon nicht mehr viel übrig. 2:3 hieß es am Ende gegen ein arg limitiertes Vitoria Guimaraes, nach einer erstaunlich uninspirierten Vorstellung. Dementsprechend war nach Feiern, trotz Einzug in die K.o.-Phase, niemandem zu Mute. "Ich war extrem angepisst", so Danny da Costa nach dem Spiel.

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Das schlimmste an der Niederlage gegen Guimaraes war: Sie war nicht einmal unverdient. Denn die Hessen machten gegen Guimaraes genau da weiter, wo sie zuletzt in der Liga aufgehört hatten: In der Defensive kassieren sie viel zu viele und viel zu einfache Gegentore. Aus dem Mittelfeld kommen zu wenige spielerische Impulse und kaum mal eine überraschende Idee. Und in der Offensive sind die Stürmer seit fünf Spielen ohne Treffer, was auch an der immer gleichen Spielanlage liegt. Eintracht Frankfurt im Winter 2019 ist eine Summe an Problemfeldern, nicht weniger.

"Das geht einfach nicht"

Entsprechend umfassend und schonungslos fällt auch die Analyse von Eintracht-Trainer Adi Hütters aus. "Wir arbeiten nach vorne nicht gut. Wir arbeiten auch nach hinten nicht kompakt genug", so Hütter auf der Pressekonferenz vor dem Schalke-Spiel. "Wir sind was die Abstände betrifft sowohl in der Tiefe als in der Breite zu weit auseinander. Das gibt dem Gegner immer wieder Möglichkeiten, sich durchzuspielen. Die Mittelfeldspieler müssen dann unglaublich viel laufen, teilweise bleiben wir vorne zu dritt, zu viert stehen. Das geht einfach nicht."

Das geht nicht, das ist vor allem sehr unnötig und ärgerlich. Und führt in der Summe dazu, dass das Frankfurter Fußballjahr, das den Fans so viele Leckerbissen bescherte, auf der Zielgeraden noch ein Geschmäckle zu bekommen droht. Noch sind drei Spiele zu spielen, auf Schalke, gegen Köln und in Paderborn. Vor allem Letztgenannte wären vor ein paar Wochen noch Gegner aus einer Qualitätsklasse gewesen, der man sich selbst längst entwachsen sah. Und jetzt? Droht bei mangelhafter Punkteausbeute zu Weihnachten sogar der Abstiegskampf.

Einzelgespräche für mehr Disziplin

Damit es nicht so weit kommt, habe er "viele Einzelgespräche" geführt, so Hütter. Mit dem Ziel, den Spielern die Grundtugenden des eigenen Spiels wieder in Erinnerung zu rufen. "Taktische Disziplin", so Hütter, ebenso die Aggressivität in den Zweikämpfen. Das kleine Frankfurter Einmaleins also, denn genau durch dieses aggressive, disziplinierte Miteinander sind die Hessen in den letzten Jahren zu dem Überfliegerklub geworden, als der sie noch bis vor wenigen Wochen galten. Fehlen diese Tugenden, bleibt Mittelmaß.

Denn sehr viel mehr, auch das ist Teil der Wahrheit, stellen weite Teile des Kaders aktuell nicht dar. Der ein oder andere, Sebastian Rode, Filip Kostic, Martin Hinteregger, mag an einem guten Tag noch hervorstechen. Highlightspieler, wie sie die Eintracht in der vergangenen Saison im Kader hatte, gibt es nicht mehr. Adäquat ersetzt wurden sie nicht.

"Die Winterpause kommt absolut nicht ungelegen"

Hinzu kommt der Fluch der guten Tat. Eintracht Frankfurt hat 2019 bereits 53 Pflichtspiele bestritten, Filip Kostic etwa machte gegen Guimaraes sein 50 Spiel im Kalenderjahr. Das ist ein neuer Frankfurter Rekord - und auch teilweise eine Erklärung dafür, wenn nicht mehr jeder Kostic-Sprint von Erfolg gekrönt ist. Auch Mittelfeldspieler Rode gab nach der Partie gegen Guimaraes unumwunden zu: "Die Winterpause kommt absolut nicht ungelegen."

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Zuvor gilt es aber noch, in den drei verbliebenen Bundesligaspielen so viel wie möglich mitzunehmen. Immerhin kann dabei Stürmer Bas Dost wieder mithelfen, dessen Leistenleiden schneller kuriert wurde als gedacht. Verloren ist indes noch nichts, weder in der Liga, noch im Europacup, wo das Zwischenziel K.o.-Phase, wenn auch mit ordentlich Schützenhilfe, erreicht wurde. "Am Montag sitzen wir vor dem Fernseher und schauen nach Nyon, um zu sehen, welchen Gegner wir ziehen", so Hütter nicht zu Unrecht. "Darum beneiden uns viele. Es sind unglaublich tolle Gegner dabei." Shaktar Donezk kann es dieses Mal übrigens erst im Achtelfinale werden.