Bobic umarmt Kostic und Jovic
Fredi Bobic (Mitte) und Luka Jovic (re.), dazu Filip Kostic Bild © picture-alliance/dpa

Der Abgang von Luka Jovic trifft Eintracht Frankfurt sportlich hart, finanziell eröffnet die Überweisung aus Madrid aber ganz neue Möglichkeiten. Eine Entwicklung, die eng mit Sportvorstand Fredi Bobic verknüpft ist – und ein bisschen mit dem Fußballgott.

Audiobeitrag
Luka Jovic jubelt

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Wechsel von Luka Jovic zu Real Madrid

Ende des Audiobeitrags

Es war am 28. Mai 2018, als ein Aufschrei durch die Fangemeinde der Frankfurter Eintracht ging. Alex Meier, das wurde an jenem Montag klar, erhält beim damals umjubelten Pokalsieger keinen neuen Vertrag. Ausgerechnet Meier, der 14 Jahre lang wahlweise seinen Kopf oder die Fußinnenseite hingehalten und dabei das eine oder andere Tor erzielt hatte. Für viele Fans, die sich für einen Verbleib Meiers stark machten, eine Online-Petition ins Leben riefen und sogar für eine Demonstration auf die Straße gingen, gab es nur ein Fazit: Fußballgotteslästerung.

Fredi Bobic dürfte das emotionale Engagement zur Kenntnis genommen haben, als Berater für seine eigene tägliche Arbeit als Sportvorstand taugt es aber mutmaßlich nicht. Während sich das für sein Traditionsbewusstsein bekannte Frankfurter Umfeld an einen treuen Profi wie Meier klammert, schreckt Bobic nicht vor derlei unpopulären Entscheidungen zurück. Zusammengefasst kann man sagen: Seit seinem Amtsantritt am 1. Juni 2016 hat sich das sportliche Erscheinungsbild der Eintracht grundlegend verändert.

Spieler kommen, Spieler gehen ...

Allein in die Saison 2017/18 fallen Transfers, die zu einer Weiterentwicklung des spielerischen Potenzials der Hessen unter Bobic beigetragen haben. Sturmtank Sébastien Haller gilt mit kolportierten sieben Millionen Euro nach wie vor als teuerster Einkauf der Vereinsgeschichte. Die Preissschilder an Gelson Fernandes (350.000) und allen voran Danny da Costa (eine Million) wirken hinsichtlich ihrer Dauerbrenner-Leistungen nahezu unterdimensioniert. Und über den Stellenwert von Spielern wie Kevin-Prince Boateng oder auch Ante Rebic haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Fakt ist: Abgänge wie die von Bastian Oczipka zu Schalke 04 konnten schon damals nicht nur sportlich kompensiert werden, sie spulten ganz nebenbei auch noch etwas Geld in die Kasse. Bereits in Oczipkas Fall soll das eine Summe zwischen vier und fünf Millionen Euro gewesen sein. Nach nur einem Jahr war sichtbar, wie erfolgreich Bobics Transferpolitik sein kann. 

... aber der Erfolg bleibt

Rund 12 Monate später – also im Sommer 2018 – folgte etwas, das der Fußball-Duden gerne als großen Umbruch bezeichnet. Nach dem Triumph im DFB-Pokal waren Leistungsträger wie Torwart Lukas Hradecky, Marius Wolf, Omar Mascarell oder eben Boateng (zwischenzeitlich FC Barcelona) plötzlich weg, dafür prägten Namen wie Evan N'Dicka, Filip Kostic und später auch Sebastian Rode oder Martin Hinteregger eine neue, erfolgreiche Saison inklusive Europa-League-Halbfinale.

Eine Entwicklung, die mit dem bis Dienstag werthaltigsten Spielerverkauf in der Frankfurter Clubgeschichte von Kevin Trapp zu Paris Saint-Germain (9,5 Millionen Euro) 2015 ihren Anfang nahm – und die mit dem Wechsel von Luka Jovic zu Real Madrid in eine völlig neue Dimension vorstößt.

Videobeitrag

Video

zum Video Tor des Monats April: Frankfurt nach 1:0 gegen Schalke im Pokalfinale

Ende des Videobeitrags

Unter Bobic avancierte Jovic erst zu Europas meistgejagtem Top-Torjäger und anschließend, das ist seit dieser Woche klar, zur sprudelndsten aller Einnahmequellen. Ob die Ablösesumme nun 60 Millionen, 60 plus fünf Millionen oder 70 Millionen Euro beträgt: Selbst abzüglich der Beteiligung für seinen Ausbildungsverein Benfica Lissabon ist der 21 Jahre junge Serbe der teuerste Kicker, den ein Eintracht-Verantwortlicher jemals verkauft hat.

In den Top 10 der teuersten Transfers der Bundesliga-Geschichte taucht urplötzlich ein (Ex-) Frankfurter auf, umrahmt von schillernden Namen wie Ousmane Dembélé (2017 für insgesamt 147 Millionen Euro von Borussia Dortmund zum FC Barcelona) und feinen Fußballern wie Leroy Sané (2016 für 50 Millionen Euro von Schalke zu Manchester City).

Jovic-Deal ist Ausdruck des Konzeptes von Bobic und Co.

Das Konzept, die Traumvorstellung, ein junges Juwel für schmales Geld aus der Versenkung eines anderen Clubs zu holen und dieses bei der Eintracht zu einem Diamanten zu schleifen, ist aus Sicht von Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner sowie Chefscout Ben Manga im Falle Jovic voll aufgegangen. Und es muss nicht das einzige Beispiel bleiben. Der Jovic-Deal könnte der Anfang einer Domino-Reaktion sein.

Die viel gepriesene Büffelherde, die Stand jetzt nur noch ein Büffelduo ist, könnte in den kommenden Wochen komplett zerfallen – schließlich werden auch Haller und Rebic immer wieder mit einem Wechsel in Verbindung gebracht. Wechsel, die die Hessen sportlich zwar ebenfalls hart treffen würden, den finanziellen Handlungsspielraum von Bobic und Co. aber noch größer machen würden, als er jetzt schon ist. Und wer weiß: Vielleicht versauert irgendwo auf dieser Fußballwelt ein zweiter Luka Jovic auf einer Auswechselbank oder in einer zweiten Mannschaft.

Alles braucht und hat seine Zeit

Nichtsdestotrotz droht den Frankfurtern ein erneuter Umbruch. Und wenn es nur ein Umbruch light sein sollte, der lediglich in der Offensive stattfindet. Dass die Hessen mit solchen Veränderungen umgehen können, haben sie unter der sportlichen Leitung von Fredi Bobic in der vergangenen Saison bewiesen: mit dem damals neuen Trainer Adi Hütter, trotz eines frühen Ausscheidens im DFB-Pokal – und dank eines teilweise verzaubernden Angriffstrios, das erst im Laufe der Runde zueinander gefunden hat. Das zeigt: Alles im Fußball braucht seine Zeit, aber alles im Fußball hat auch seine Zeit. Fußballgotteslästerung ist da durchaus einkalkuliert.