Die Spieler von Eintracht Frankfurt stehen im Kreis beisammen und besprechen etwas

Eintracht Frankfurt gibt gegen Royal Antwerpen ein eigentlich gutes Spiel aus der Hand - und muss nun um Platz eins in der Europa-League-Gruppe kämpfen. Die spielerische Entwicklung geht dennoch in die richtige Richtung.

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Sebastian Rode (r.) feiert mit Kollegen den Ausgleich.
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Die Chemie stimmt bei Eintracht Frankfurt. Zumindest vor dem 2:2 gegen Royal Antwerpen in der Europa League. Das Stadion füllt sich noch, da überreicht Eintracht-Vorstand Axel Hellmann dem frisch gebackenen Chemie-Nobelpreisträger Benjamin List die Ehrenmitgliedschaft samt gerahmtem Trikot. List, gebürtiger Frankfurter, bedankt sich sichtlich gerührt mit ein paar emotionalen Worten. "Das ist mein Verein, seit ich klein bin", ruft er ins Mikro.

Von den Fans, die schon auf ihren Plätzen sind – Maske auf, Abstand halten – gibt es dafür warmen Applaus. Schnell sind aber auch andere Themen wichtiger als die Chemie. Der Polizeichor, Bier, Bratwurst, die Aussicht auf Platz eins in der Europa-League-Gruppenphase, mit dem sich Eintracht Frankfurt die leidige Zwischenrunde sparen und zudem noch eine zusätzliche Prämie einsacken würde.

Bälle wie an der Schnur gezogen

Die Chemie, sie stimmt auch auf dem Platz. Zumindest in der ersten Halbzeit, in der die Frankfurter da weitermachen, wo sie beim 2:0 gegen den SC Freiburg aufgehört hatten: Schon nach wenigen Minuten gehen die Zuschauer das erste Mal aus den Sitzen, als Evan N’Dicka den Ball mit einer humorlosen Grätsche erobert und Kristijan Jakic einen ersten Angriff per Hacke einleitet. Leidenschaft, spielerische Finesse, Mut - die Eintracht scheint sich ihre Grundtugenden gegen Freiburg zurückerarbeitet zu haben, es geht auch gegen Antwerpen gut los.

Und gut weiter. In der ersten Hälfte läuft der Ball teilweise wie an der Schnur gezogen durchs Mittelfeld, viele gute Flachpässe, von denen man ahnt, wie sehr sich der an der Seitenlinie ausdauernd coachende Oliver Glasner über sie freut. Insbesondere wenn Daichi Kamada und Jesper Lindström den Ball am Fuß haben, kann immer etwas Besonders passieren, bei Kostic, der seine Flanken fast ausschließlich flach in den Strafraum schlägt, ja sowieso. Kamada ist es auch, der eine feine Kombination nach Chandler-Flanke zum verdienten 1:0 über die Linie drückt. An diesem Punkt des Spiels spricht nichts gegen ein europäisches Feuerwerk der Hessen.

Das zweite Gesicht von Eintracht Frankfurt

Wäre da nicht auch das zweite Gesicht von Eintracht Frankfurt. Die Mehrzahl der aussichtsreichen Angriffe versandet im letzten Drittel, es fehlt oft der konzentriert gespielte finale Pass oder jener Stürmer, der diesen eben annehmen könnte. Rafael Borré ist der fleißigste, aber auch einsamste Mensch im Stadion, überall und nirgendwo unterwegs, während in der Mitte oft ein Loch klafft. Und Djibril Sow zeigt, was ihn auszeichnet: In der ersten Hälfte dominiert er das zentrale Mittelfeld und damit das Spiel. Dann zeigt er, was ihm noch fehlt: In der zweiten Hälfte engleitet es ihm – und den Hessen die Struktur.

Es sind diese Phasen im Spiel, in denen man sich prä-pandemische Stadionerlebnisse zurückwünscht. Wer die Spiele gegen Benfica Lissabon oder Racing Strasbourg live erlebt hat, den fast körperlich fühlbaren Energieaustausch zwischen Fans und Spielern, für den kann es keinen anderen Schluss geben: Mit 51.000 Anhängern im Rücken hätte die Eintracht Gegner Royal Antwerpen schlicht und einfach geschlagen. Aber von den rauschenden Europapokalnächten der Vergangenheit ist die Stimmung weit entfernt. Keine Choreo, kaum Gesänge, von den 40.000 Tickets sind nur 30.000 verkauft, früher war mehr Lametta. Aber so ist das nun mal in Jahr zwei der Seuche. Und wer weiß, wie lange überhaupt noch Zuschauer zugelassen sind.

"Wir kämpfen immer bis zur letzten Sekunde"

Die, die da sind, werfen Pyrotechnik in die benachbarten Fanblöcke (Antwerpen) oder einen Böller in Richtung des belgischen Keepers (Frankfurt), zwei absolute Tiefpunkte. Und sehen schließlich Belgier, die prinzipiell nicht viel zu bieten, nicht viel vor und mit Radja Nainngolan auch nur einen Spieler in ihren Reihen haben, der über internationale Klasse verfügt. Die Eintracht muss sich ankreiden lassen, nach einer guten ersten Halbzeit diesen Gegner nicht konsequent "weggespiel" zu haben. "Vielleicht haben wir in der ersten Halbzeit zu spät den Abschluss gesucht", sagte Timothy Chandler nach der Partie. "Hätten wir nach dem 1:0 nachgelegt, hätten wir befreiter aufspielen können."

So aber kippt das Spiel spät pro Antwerpen, bis – und das muss man den Hessen zugutehalten – erneut ein spätes Tor fällt, ein wunderschöner Kopfball des eingewechselten Goncalo Paciencia, der sich rührend über seinen Treffer freut. "Dass wir am Ende noch das Tor gemacht haben, zeigt unsere Mentalität. Wir kämpfen immer bis zur letzten Sekunde", sagt er später.

"Ich habe den Uefa-Cup-Sieg 1980 hier miterlebt"

Platz eins in der Europa League ist mit dem 2:2 also noch nicht sicher, die erste Halbzeit und das erneute späte Tor aber machen Mut, wenn man das Glas als halb voll betrachtet. Als in der Nachspielzeit Kostic noch einmal zum (letztlich ertraglosen) Flankenlauf ansetzt, fühlt man auf der Tribüne kurzzeitig auch wieder, was in diesem Stadion möglich ist. Da wird auch Ehrenmitglied List aus dem Sitz gegangen sein. Der sagte vor dem Spiel übrigens: "Ich habe den Uefa-Cup-Sieg 1980 hier miterlebt. Und ich glaube daran, dass es in dieser Saison wieder so weit ist." Unmöglich ist das nicht, wenngleich auch nicht sehr wahrscheinlich. Aber wenn ein Nobelpreisträger so etwas sagt, hört man ihm lieber zu.