Jovic, Haller und Rebic jubeln
Luka Jovic, Sébastien Haller (von links) sind schon weg, Ante Rebic könnte bald nachziehen. Bild © Imago Images

Für Sébastien Haller, Luka Jovic und wahrscheinlich auch Ante Rebic bekommt Eintracht Frankfurt viel Geld. Der Klub verliert aber auch seine zentralen Identifikationsfiguren.

Audiobeitrag
Sébastien Haller sitzt auf dem Rasen

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Haller-Abgang ein "herber Verlust für die Eintracht"

Ende des Audiobeitrags

Als Jupp Heynckes einst mit hochrotem Kopf und streitbarem Sakko in Frankfurt aufschlug und verkündete, die Uhren würden fortan anders gehen, wusste er wahrscheinlich nicht, wie recht er damit haben würde. Die Eintracht war damals, 1994, eine Spitzenmannschaft, titelreif, mit Heynckes sollte der große Wurf gelingen. Allein: Das Gegenteil trat ein.

Heynckes, damals noch weit von seiner späteren Altersmilde entfernt, kollidierte mit den hessischen Stars um Anthony Yeboah, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino, über deren Suspendierung zerfiel das Team, der Grundstein zum Niedergang, der im Abstieg mündete, war gelegt. Und eine ganze Fan-Generation verlor nicht nur ihr Selbstverständnis als Anhänger einer Spitzenmannschaft, sondern auch die dazugehörigen Integrationsfiguren.

Viel Geld, vor allem in Frankfurt

Seit dem Pokalsieg 2018 ist Eintracht Frankfurt nun, auch wenn das niemand so sagen würde, das erste Mal seit jenen Heynckes-Tagen zumindest im Dunstkreis einer Spitzenmannschaft. Mit viel Fingerspitzengefühl und einer Menge Verve und Expertise haben Fredi Bobic, Bruno Hübner und Chefscout Ben Manga samt Team eine Handvoll Spieler ausgebuddelt, die sich, dank wohlgewählter Trainer, in Frankfurt zu Stars entwickelten - und nun weiterzogen.

Die nackten Zahlen dabei sind beeindruckend. 50 Millionen Euro schwer soll der Transfer von Sébastien Haller zu West Ham United sein, für den die Hessen vor zwei Jahren ihrerseits lediglich sieben Millionen Euro ausgaben. Ähnlich sieht es bei Hallers Ex-Mitspieler Luka Jovic aus, der für knapp 65 Millionen Euro zu Real Madrid ging, die Eintracht aber ebenfalls nur sieben Millionen Euro gekostet haben soll. Gut möglich, dass Ante Rebic demnächst nachzieht, für ihn dürften 40 Millionen Euro fließen. Viel Geld, vor allem in Frankfurt, wo über Jahrzehnte Lajos Detaris Verkauf an Olympiakos Piräus 1988 der Rekord-Abgang war.

Nie war das Konto voller

Man wolle versuchen, "Spieler für fünf, sechs oder sieben Millionen Euro zu verpflichten, die wir nach einiger Zeit für 30, 35 oder 40 Millionen Euro verkaufen können", sagte Bobic bereits kurz nach Amtsantritt. Die Art und Weise, wie er diese Prämisse mit Leben füllte, ist beeindruckend. Nie war das Konto voller, nie war auch die Möglichkeit größer, mit dem neugewonnenen Einnahmen den berühmten nächsten Schritt zu machen, indem man die nächsten fünf Hallers und Jovics verpflichtet und ihrerseits zu Stars macht. Borussia Mönchengladbach ist mit diesem Modell gut gefahren, die regelmäßigen Europacup-Teilnahmen der Rheinländer bezeugen das.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Youtube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Youtube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Und dennoch: Fußball ist mehr als Zahlen. Jovic, Haller und Rebic haben 41 Saisontore geschossen, sportlich werden sie sowieso fehlen. Sie haben den Fans aber vor allem suggeriert, dass Eintracht Frankfurt in absehbarer Zeit mal wieder in die Phalanx der großen Klubs einbrechen kann. Sie waren die Gesichter der neuen, erfolgreichen Eintracht. In diesem Sinne sind die Verkäufe ein großer Verlust und ein großer Gewinn zugleich. Ein finanzieller Gewinn, mit dem die Eintracht, wenn sie clever agiert, eine neue Entwicklungsstufe erreichen kann. Ein ideeller Verlust, weil das Aushängeschild des sportlichen Erfolgs einer ungewissen Zukunft weicht.

Bobic muss zentrale Integrationsfiguren ersetzen

Bobic muss also nicht nur gute Spieler finden, er muss auch zentrale Identifikationsfiguren ersetzen. Zuzutrauen ist Bobic und Co. das allemal, ihre Erfolge sprechen für sich. Und doch ist der Druck ungleich höher: Die neuen Spieler müssen zünden, ein Umbruch wird nicht jedes Jahr gelingen, im schlimmsten Falle droht sich die Geschichte zu wiederholen. Geht auch noch Rebic, ist die Büffelherde passé, eine Offensive, wie sie die Eintracht seit 25 Jahren nicht hatte. Wirtschaftlich würde der Wechsel sicher Sinn machen. Aber Fußballfans brauchen auch Spieler, an denen sie sich festhalten können.

Die Süddeutsche Zeitung nannte im Zuge des Haller-Wechsels moderne Fußballer "Lebensabschnittspartner", die ins Leben eines Clubs treten, und damit in jenes der Fans, und nach zwei, manchmal drei Jahren wieder verschwinden. Bobic weiß genau, dass der moderne Fußball so nun einmal funktioniert. "Es ist schade, aber es ist so in dem Geschäft. Wir sind da auch Realisten. Es war nie der Plan, dass wir ihn verkaufen", sagte Bobic, nachdem der Wechsel fixiert war. Die Uhren gehen mittlerweile eben tatsächlich anders.