Viel Krampf, wenig Linie: Ein Zweikampf als Sinnbild für die Spiele von Eintracht Frankfurt.

Eintracht Frankfurt jubelt noch spät über einen glücklichen Punktgewinn gegen RB Leipzig. Die gravierenden Mängel überdeckt dieser Last-Minute-Treffer aber nicht. Die Analyse in fünf Punkten.

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Audioseite Last-Minute-Remis gegen RB Leipzig

Spielszene Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig
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Eintracht Frankfurt hat durch einen späten Treffer zum 1:1 (0:1) gegen RB Leipzig doch noch Grund zur Freude gehabt. Tuta glich mit seinem Tor (90.+4) den Führungstreffer durch Yussuf Poulsen (35.) aus.

1.) Mit Bayern-Matchplan gegen Leipzig

Trainer Oliver Glasner hat sich dafür entschieden, RB Leipzig mit einer klassischen Fünferkette zu bearbeiten. Filip Kostic rückte somit weiter nach vorne und wurde von Erik Durm auf der linken Seite abgesichert, auf der anderen Seite bildeten Almamy Touré und Daichi Kamada das Duo. Den Schienenspieler, der alleine die ganze Seite beackert, gab es somit nicht. Mit dieser Formation hatte die Eintracht ihren bislang einzigen Bundesligasieg gegen den FC Bayern München geholt.

Trotz des ersten Bundesliga-Treffers von Tuta erlebten die 31.000 Zuschauer einen erneut mäßigen Auftritt der Hessen. Das Team wirkt verunsichert, ein klarer Plan ist auch weiterhin nicht zu erkennen, zudem fehlt die spielerische Leichtigkeit. Die große Stärke der letzten Jahre, den Weg über den Kampf ins Spiel zu finden, ist abhandengekommen. Zur Halbzeitpause lag die Zweikampfquote bei unteriridischen 36 Prozent, nach 90 Minuten bei 42 Prozent. Torchancen sind absolute Mangelware, den Weg in den gegnerischen Strafraum findet das Team nur äußerst selten. Immerhin die Moral stimmte in den Schlussminuten, nach zwei Bundesliganiederlagen in Serie konnte der Abwärtstrend punktetechnisch gestoppt werden.

2.) Eintracht sucht den Mittelstürmer und Spielidee

Goncalo Paciencia verletzt, Ragnar Ache und Sam Lammers zu Beginn der Partie auf der Bank. Glasner entschied sich für Rafael Borré als Stoßstürmer. Der Kolumbianer rieb sich zwar auf, doch er hatte einen schweren Stand gegen die robusten Verteidiger Willi Orban, Josko Gvardiol und Mohamed Simakan. Glasner erkannte: "Das Spiel der Eintracht war in den letzten Jahren von Flanken geprägt. Etwas zu verändern, was seit Jahren normal war, ist schwer."

Festzuhalten bleibt, dass der Trainer auch nach einem Drittel der Saison noch keine Lösung dafür gefunden hat, wie er 28-Tore-Mann André Silva ersetzen kann. Ironie der Geschichte ist, dass Filip Kostic - von dem man sich emanzipieren wollte - inzwischen noch häufiger von den Mannschaftskollegen gesucht wird. Das Spiel der Frankfurter wirkt dadurch extrem leicht ausrechenbar, Überraschungsmomente kreierte erst der eingewechselte Aymen Barkok (dazu gleich mehr). Eine Spielidee, der sogenannte rote Faden, ist seit Wochen nicht zu erkennen.

3.) Trapp rettet das Unentschieden

Statistiken gilt es stets mit großer Vorsicht zu genießen. Doch diese Daten sagen vieles aus: Erwartete Tore, die xG-Rate? 3.82 zu 0.51 aus Leipziger Sicht. Gesamtschüsse? 14 zu 11 für RB. Große Chancen? Acht zu eins für die Gäste. Während die Eintracht den gegnerischen Strafraum nur selten betritt, brennt es im eigenen Sechzehner regelmäßig lichterloh.

Torhüter Kevin Trapp ist daher seit Wochen die einzige Konstante. Er rettete gegen den FC Bayern München mit einer Gala den Sieg und diesmal mit einer herausragenden Leistung das Remis. Im zweiten Durchgang liefen die Leipziger oftmals alleine auf ihn zu, vor allem die Parade gegen Christopher Nkunku (69.) darf mit dem Attribut Weltklasse versehen werden. Beim Gegentor war Trapp machtlos, bei Emil Forsbergs Fehlschuss hatte er das Glück des Tüchtigen. "Jeder kennt meine Ziele und Ambitionen", sagte der Torhüter anschließend mit Blick auf das deutsche Nationalteam. In dieser Verfassung kommt Bundestrainer Hansi Flick nicht an Trapp vorbei.

4.) Barkok weckt die Kurve

Die Begegnung? Sie plätscherte auf Frankfurter Seite so dahin. Doch dann kam Mitte der zweiten Halbzeit Barkok in die Partie und riss das Stadion aus seiner Lethargie. Mit einem entschlossenen Alleingang über die rechte Seite holte er eine Ecke heraus und motivierte anschließend das Publikum, das genau auf eine solche Initialzündung gewartet hat. Der Frankfurter Bubb war ein Lichtblick in einem tristen Spiel.

Nach mehrwöchiger Verletzungspause wegen einer Knieverletzung war der Zeitpunkt für das Comeback gekommen. Barkok kämpft dabei nicht nur um einen Stammplatz, sondern auch um eine Verlängerung des im Sommer auslaufenden Kontrakts. "Ich kann die Vertragssituation der Spieler bei der Aufstellung nicht berücksichtigen. Aber Aymen hat gezeigt, dass er der Mannschaft helfen kann", lobte Glasner. Bei dem straffen Programm der kommenden Wochen freut sich der Trainer über jede Alternative. Und Sportvorstand Markus Krösche wird sich bei Bestätigung der Leistung intensiv Gedanken machen müssen, ob er Barkok nicht ein neues Papier zum Unterzeichnen vorlegt.

5.) Krösche findet klare Worte

Á propos Sportvorstand Markus Krösche. Die Eintracht hätte sich nach dem Spiel hinter der schwachen Schiedsrichterleistung verstecken können. Daniel Schlager erwischte keinen guten Tag und entschied vor dem 1:0 von RB auf Ecke, obwohl es - deutlich sichtbar - keine war. Doch Krösche dachte gar nicht daran, etwas zu verharmlosen: "Natürlich sind wir froh, dass wir das Tor gemacht haben. Man muss aber ehrlicherweise sagen, dass das Spiel von uns nicht gut war."

Der Sportvorstand wurde in seiner Analyse noch deutlicher: "Wir waren in der ersten Halbzeit zu passiv und haben nicht den Mut gehabt. In der zweiten Halbzeit waren wir zu ungenau im Spiel nach vorne. Wir sind glücklich mit dem Punkt, aber wir haben naütrlich noch viel Luft nach oben in allen Bereichen." Krösche traf den Nagel auf den Kopf: "Wir sind zu fahrig und versauen auch viele einfache Dinge nach vorn, da müssen wir einfach zulegen."

Und dies bestenfalls schnellstmöglich. Neun Punkte nach zehn Bundesligaspielen und das DFB-Pokal-Aus sind kein Ruhmesblatt. Einzig die gute Bilanz in der Europa League hebt die Laune. Dort geht es am Donnerstag bei Olympiakos Piräus weiter. Ob die Eintracht den Schwung nach dem Last-Minute-Remis diesmal mitnehmen und eine Serie starten kann? Dafür bedarf es einer klaren Leistungssteigerung - und eines funktionierenden Plans.