Adi Hütter Eintracht Frankfurt

Der Traum von der Champions League wird bei Eintracht Frankfurt ziemlich sicher ein Traum bleiben. Dass das große Ziel wohl verpasst wird, sorgt für Frust und Ernüchterung. Die Art und Weise des Sinkflugs wird in Hessen noch lange nachhallen.

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Adi Hütter Schalke still
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Wer sich hohe Ziele setzt, kann eher scheitern. Das ist eine Binsenweisheit, aber sie ist wahr. Nur das Minimum zu wollen, sorgt dafür, dass man nicht angefeindet oder daran gemessen werden kann. Hinter Eintracht Frankfurt liegt genau so ein schwieriger Spagat. Die Hessen in der Champions League? Das hätte niemand, absolut niemand vor der Saison geglaubt oder gar verlangt. Nach der 3:4-Niederlage am Samstag beim bereits feststehenden Absteiger Schalke 04 wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht eintreten. Dass das aber im Mai 2021 für Frust sorgt, hat sich das Team von Trainer Adi Hütter selbst zuzuschreiben. Denn auch hier geht es um Ziele - und um die Erwartungshaltung.

Es sei, das verriet Eintracht-Coach Hütter nach der enttäuschenden, blamablen Niederlage auf Schalke, seit dem Januar das Ziel der Hessen gewesen, die Champions League zu erreichen. Ja, Januar. Ja, Champions League. Das ist mutig. Ein solches Ziel schweißt zusammen, kann für immensen Teamspirit sorgen. Öffentlich blieb es aber bei demonstrativer Zurückhaltung. Das Ziel war ein internes, kein öffentliches.

"An hohen Zielen kann man auch scheitern"

"An hohen Zielen kann man auch scheitern", weiß auch Hütter selbst. Das Problem für den Eintracht-Coach ist aber: Seit dem fulminanten Lauf der Hessen im Frühjahr mit der Krönung beim Sieg in Dortmund war das Ziel ein öffentliches. Zu gut war diese Frankfurter Mannschaft, zu groß das Punkte-Polster auf Rang fünf. Es war allen, auch den Fans und dem gesamten, höchst emotionalen Frankfurter Umfeld klar: Soll es für die Hessen das erste Mal in die Champions League gehen, war die Chance noch nie so groß.

Die Erwartungshaltung war damit eine andere. Auch der Anhang war nun mit im Boot. Und dann, genau dann, als aus der Träumerei punktetechnische Realität wurde, und der Europa-League-Platz sieben Zähler entfernt war, bekam das Gefüge Eintracht Frankfurt den einen großen Riss, der nicht mehr zu kitten war.

Die Fallhöhe war nun anders

Es hat etwas tragisches, dass der Moment, an dem Adi Hütter verkündete, ab dem Sommer Trainer von Borussia Mönchengladbach sein zu wollen, dieses Momentum zerstörte. Die Meldung ploppte nicht nach einem Remis gegen Mainz oder Stuttgart auf, nein, sondern dann, als die Eintracht die direkten Konkurrenten aus Dortmund und Wolfsburg entzaubert hatte - und sie sorgte für den schleichenden Niedergang.

Die Fallhöhe war postwendend eine andere. Egal, wie man die Entscheidung des Österreichers bewerten möchte, war damit auch klar: Nun geht es um seinen Abschied, oder, wenn man es eine Nummer größer möchte, sein Vermächtnis in Frankfurt.

Fader Beigeschmack im Saison-Endspurt

Einen guten Monat später muss man feststellen: Es ist nicht geglückt. Die Mannschaft hat das Thema an sich herangelassen, Hütter konnte das nicht verhindern. Wie viel er dagegen tat, und ob das ausreichend war, ist eine Frage, die nur der innere Kreis der Eintracht beantworten kann. Von außen betrachtet scheint es klar zu sein: zu wenig.

Und genau das macht die aktuelle Lage in Hessen zu einem Problem. Zu einem beträchtlichen. Beobachter wurden das Gefühl nicht los, dass mit Worten schon vorgebaut wurde, sollte es mit der Champions League, dem großen Ziel, doch nichts werden. Ja, Europa League ist für einen Verein wie die Eintracht fantastisch und mit etwas Abstand wird jeder diese Saison als Erfolg werten. Die Art und Weise, wie sie zu Ende geht, sorgt aber, um Djibril Sow zu zitieren, für "einen faden Beigeschmack".

Die Frage nach der Schuld

Bleiben also nach diesem Tag in Gelsenkirchen die großen Fragen nach Zielen, dem Umgang mit diesen und der Schuld. Hütter selbst zeigte sich am Samstag deutlich zurückhaltender und womöglich auch etwas ehrlicher als in den Wochen zuvor, als sich der Abwärts-Strudel schon deutlich zeigte. "Es war nicht mehr so, wie es vorher war. Natürlich ist etwas passiert", erklärte er offen.

Womit die Frage, woran es lag, dass die Eintracht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Champions League verpassen wird, zumindest teilweise geklärt wäre. Es war zu einem weiten Teil Hütter, es war seine Entscheidung. "Dass uns der Abgang von Adi Hütter beeinflusst, ist nicht mehr von der Hand zu weisen", sagte auch Mittelfeldmotor Sebastian Rode ehrlich.

Der Hütter-Abgang hat dieses Team ins Wanken gebracht

Womit auch die Frage nach dem Umgang klar ist. Nein, nicht (zu) hohe Ziele haben Eintracht Frankfurt daran gehindert, den großen Traum wahr werden zu lassen. Es war zu beträchtlichem Anteil etwas Internes, der Abgang des wichtigsten Angestellten in einem Fußball-Club, das dieses Team ins Wanken gebracht hat.

Und genau das wird dazu führen, dass es sehr lange brauchen wird, bis dieser Umstand verdaut ist in Hessen. Das sollte jedem im Verein, besonders denjenigen, die ihn im Sommer verlassen werden, bewusst sein. Und ja, irgendwann, wird man sich dann auch in Frankfurt über die Europa League freuen. Aber noch nicht hier, noch nicht jetzt.