Amin Younes hält ein T-Shirt an Gedenken an die Opfer von Hanau hoch

Für Eintracht Frankfurt war Amin Younes das fehlende sportliche Puzzlestück. Jetzt ist er wieder Nationalspieler. Sein Umgang mit den Hinterbliebenen des Attentats von Hanau zeigt aber: Auch menschlich ist Younes ein großer Gewinn.

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Amin Younes
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Wäre die Partie gegen Bayern München kein Geisterspiel gewesen, die Frankfurter Arena wäre in diesem Moment wohl explodiert. Es lief die 31. Minute, Amin Younes war gerade mit dem Ball nach innen gezogen und hatte ihn zur 2:0-Führung für Eintracht Frankfurt in den Winkel gedroschen. Und noch während die Jubelschreie der Kollegen von den leeren Tribünen widerhallten, lief Younes zur Auswechselbank und ließ sich ein T-Shirt mit dem Antlitz eines der Ermordeten von Hanau geben, Fatih Saraçoğlu. Younes hielt es kurz in die Höhe, in die schief stehende Sonne, dann gab er es zurück. Ein kleines Zeichen an einem traurigen Tag.

Es war kurz nach dem ersten Jahrestag des Anschlags in Hanau, kein normaler Tag in Deutschland, in Hessen. Und damit auch kein normales Fußballspiel. Die Eintracht hatte die Gesichter und Namen der Opfer auf Aufwärmshirts drucken lassen, als Zeichen der Solidarität mit den Hinterbliebenen. Eines davon wurde beim Torjubel hochgehalten, von Younes, keinem normalen Fußballer.

"Ich kann mich nicht erinnern, einen Spieler mit dieser Qualität jemals trainiert zu haben"

Der 27-Jährige ist noch keine volle Saison in Frankfurt, auch ist er noch gar nicht fest verpflichtet, sondern bislang nur vom SSC Neapel ausgeliehen. In seinen 20 Spielen für den Club hat er bislang vier Tore geschossen und zwei vorbereitet, die Eintracht wird ihn im Sommer für etwa drei Millionen Euro kaufen. Das sind die Zahlen. Und doch zeigen sie nur leidlich an, wie innig die Beziehung zwischen Spieler, Club und Fans schon ist. Was für eine außergewöhnliche Verbindung sich da anbahnt.

Das liegt nicht nur an Younes' sportlicher Leistung, auch wenn sie natürlich Teil des Ganzen ist. Mit seiner Wendigkeit und Kreativität ist Younes exakt der Spieler, der den Hessen zwischen den Linien von Mittelfeld und Sturm gefehlt hat. Er hat ein Auge für die letzten und vorletzten Pässe, kann mit einem Haken die Statik des Spiels verändern.

"Ich passe vom Charakter her gar nicht unbedingt in diese Fußballwelt rein"

Seit dem Spätherbst sind seine Leistungen zeitweise explodiert, "weltklasse" urteilte Eintracht-Coach Adi Hütter nach dem Sieg gegen die Bayern. "Ich kann mich nicht erinnern, einen Spieler mit dieser Qualität jemals trainiert zu haben." Folgerichtig nun das Comeback in der Nationalmannschaft, mit der er 2017 einst fünf Spiele machte und den Confed Cup gewann. Damals noch als Spieler von Ajax Amsterdam.

Dass es in der Folge nicht mehr wurden, lag daran, dass er anschließend ein wenig aus dem Fokus geriet. Von Ajax zog es Younes zum SSC Neapel, dem Club Maradonas, bei dem sie Dribbler wie ihn so lieben. Aber wie es so ist im Fußball, erwies sich der Schritt nach vorne als einer zurück. Younes gewann zwar die Coppa Italia, saß aber zu oft auf Bank oder Tribüne.

Dass er rein menschlich ein Gewinn sein könnte, war aber auch damals schon zu ahnen. Im Interview mit der 11 Freunde sagte er 2019: "Ich passe vom Charakter her gar nicht unbedingt in diese Fußballwelt rein. Ich habe keine überdimensionalen Ansprüche, sondern möchte einfach in Ruhe Fußball spielen und ansonsten ein bescheidenes Leben führen."

"In einer Mannschaft ist es egal, welche Hautfarbe oder Religion jemand hat"

Was bei anderen als Koketterie abgetan würde, ist bei Younes genau so gemeint. In Düsseldorf unterstützt er ein Kinderhospiz, im Libanon eine Hilfsorganisation. In Interviews spricht er angenehm unprätentiös über das Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen, und wie glücklich dieses dennoch sein kann. Da ist einer, der nachdenkt, reflektiert. "Wir Fußballer leben meistens in einer Blase, aus der ich immer versuche, herauszukommen oder gar nicht erst drin zu sein", sagte er im vereinseigenen Interview.

Und auch: "In einer Mannschaft ist es egal, welche Hautfarbe oder religiösen Hintergründe jemand hat." Ein Grundverständnis, das er mit seinem neuen Verein teilt. Eintracht Frankfurt engagiert sich wie kaum ein anderer Club in Deutschland für Toleranz, positioniert sich, zeigt Haltung, und ist laut dabei. Als die Eintracht am Tag der Anschläge in Hanau in der Europa League gegen Salzburg spielte und ein Chaot im Gästeblock die Schweigeminute störte, schallte ihm in ohrenbetäubender Lautstärke "Nazis raus!" entgegen. Man hätte gerne Younes' Gesicht gesehen, hätte er damals schon für die Hessen auf dem Spielfeld gestanden.

"Bin sportlich und menschlich beim richtigen Verein"

Als Younes zusammen mit Vereinspräsident Peter Fischer und Aymen Barkok nun nach Hanau fuhr, um den Hinterbliebenen der Opfer die T-Shirts und eine Spende zu überreichen, sei das sehr emotional für ihn gewesen, sagte er. Er habe nicht gewusst, ob der Jubel richtig gewesen sei, "aber ich habe es in diesem Moment als richtig empfunden". In den Räumen der "Initiative 19. Februar" reagierten die Hinterbliebenen so, wie es die 51.000 am 20. Februar im Stadion getan hätten: mit Applaus.

"Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Fußballer sind, die Spiele gewinnen oder verlieren. Wir sind auch Kinder und Brüder, die nach Hause gehen und ihre Eltern besuchen. Das hat mich beeindruckt", sagte Younes nach der Übergabe. "Das hat mich heute darin bestätigt, dass ich sportlich und menschlich beim richtigen Verein bin." Mit dieser Meinung ist er nicht alleine. Es dürften alle im und um den Verein so sehen.

Sendung: hr-iNFO, Nachrichten, 19.03.21, 14 Uhr