Erik Durm

Vergeht die Zeit langsamer, wenn Eintracht Frankfurt spielt? Zumindest in der ersten Halbzeit der Hessen gegen Wolfsburg konnte man um Jahre altern, weiß Reichs Resterampe.

Es ist ja ein eigenartiges Phänomen dieses Pandemie-Jahres, dass man das Gefühl hat, das Zeitempfinden sei latent gestört. Mitte März kam das Virus über das Land, seither scheinen drei Jahre vergangen zu sein, die gleichzeitig aber gefühlt erst vor drei Wochen angefangen haben. Erst? Schon? Ist 2020 nun das langwierigste Jahr überhaupt oder doch das kürzeste? Und warum beides?

Vielleicht geht es ja nur mir so, aber die Spiele der Frankfurter Eintracht in der aktuellen Saison zu verfolgen, trägt zu meinem gestörten Verhältnis zur Zeit bei. Bei all den Remis in den letzten Wochen hatte man ja ohnehin den Verdacht, dass man in einer Art Zeitschleife feststeckt, und täglich grüßt das 1:1, aus der man nicht mehr herausfindet.

Relativitätstheorie mit Stefan Ilsanker

Nun das Spiel gegen den VfL Wolfsburg. Und eine erste Halbzeit, die so zäh und langweilig war, dass ich das Gefühl hatte, es würden nicht 45 Minuten, sondern Jahre vergehen und mit Pausenpfiff könne ich, alt, ergraut und klapprig, meine Enkelkinder in den Arm nehmen, obwohl ich noch nicht einmal Kinder habe. Warum? Physik? Laut Relativitätstheorie vergeht die Zeit ja langsamer, je schneller die Bewegung ist. An Stefan Ilsanker kann es also nicht gelegen haben.

Eher wohl ein Wahrnehmungsproblem, das vor zwei Wochen in einem sehr lesenswerten FAZ-Artikel behandelt wurde. Es ist zwar vielleicht schon vier Jahre her, dass ich ihn gelesen habe, aber darin stand unter anderem, dass Psychologen herausgefunden haben, dass wir Menschen Zeiträume in der Retrospektive als länger empfinden, wenn die Aktivität darin sehr fordernd war. Und na ja, wenige Dinge haben mich zuletzt so gefordert, wie diese erste Halbzeit.

Weghorst hat alle Zeit der Welt

Andersherum ist es so, auch das stand in dem Artikel, dass das Empfinden davon, wie viel Zeit seit einem bestimmten Zeitpunkt vergangen ist, stark vom Grad der Aufmerksamkeit abhängt, die der Zeit gewidmet wird. Auch das schön zu sehen an Ilsankers Zeitvertreib zwischen der 76. und 88. Minute, der ja im wesentlichen aus Unaufmerksamkeiten bestand. Und Zack: Hatte Wout Weghorst alle Zeit der Welt und drehte das Spiel.

Immerhin die Zeitschleife der Unentschieden ist jetzt durchbrochen, sonderlich viel klappriger als zuvor fühle ich mich übrigens auch nicht. Am Dienstag geht es schon weiter für die Eintracht gegen Borussia Mönchengladbach. Also in nur zwei Tagen. Beziehungsweise zwei Jahren. Beziehungsweise irgendwann anders. Je nach dem.