Filip Kostic jubelt über sein Tor.

Die Bundesliga kehrt zurück, aber ganz so wie vor Corona wird sie nicht mehr sein. Das zeigen auch die kuriosen Hygieneregeln der DFL. Reichs Resterampe bringt (vielleicht) Licht ins Dunkel.

Reichs Resterampe: An dieser Stelle sinniert Eintracht-Experte Stephan Reich über Eintracht Frankfurt, den Fußball, das Leben und den ganzen restlichen Quatsch.

Mit Regeln ist es ja so eine Sache. Im amerikanischen Eureka etwa, einem kleinen Nest in der Wüste Nevadas, ist es Männern mit Schnauzbart qua Gesetz verboten, eine Frau zu küssen. Warum und wann diese himmelschreiende Schnauzbartdiskriminierung einst Eingang ins Gesetzbuch fand, weiß niemand mehr so genau. Angewendet wird das Gesetz auch nicht mehr, zumindest hat eine Kurzrecherche keinerlei Berichte über irgendwelche Tunichtguts ergeben, die stolz beschnauzt und frisch geküsst in den Gefängnissen Nevadas einsitzen. Das Gesetz ist schlicht ein Rudiment in der lokalen Rechtsauslegung, und dennoch: Es existiert und prinzipiell müssten sich alle daran halten.

Ein Schlag ins Gesicht der Schnauzbart-Community Nevadas, klar, deren Schmerz demnächst die Bundesligaprofis von Eintracht Frankfurt und allen anderen Klubs eventuell nachempfinden können. Denn mit den Hygieneregeln der Deutschen Fußball Liga (DFL), mit denen das Infektionsrisiko der Spieler so gemindert werden soll, dass eine Rettung des vielen, vielen TV-Gel-, oh, Pardon, eine Rettung der Bundesligasaison möglich scheint, verhält es sich ähnlich. Auch diese Regeln sind irgendwie da, zumindest seit die Bild-Zeitung sie veröffentlichte. Aber ob sie sonderlich sinnvoll sind? Oder praktikabel?

Ellbogenjubel nach dem Siegtreffer

Da wäre etwa die Maßnahme, den Spielern den Torjubel in der Gruppe zu verbieten, Jubel per "kurzem Ellenbogen- oder Fußkontakt" aber zu erlauben. Als Frankfurter freut man sich schon drauf, wenn sich Martin Hinteregger aus einer schwitzigen, keuchenden Spielertraube hochschält, nach 89. Minuten engsten Körperkontakts, diversen Gegenspielern auf dem Weg zum Kopfball ins Gesicht fasst, für einen Moment lang in einer Aerosolwolke aus Schweiß, Speichel und Schnodder steht und den frisch desinfizierten Ball ins Tor schädelt, den er übrigens nicht köpfen dürfte, wäre er Amateurfußballer. Nur um seinen Siegtreffer dann mit einem schüchternen Ellbogenjubel zu feiern, der das Infektionsrisiko sicherlich minimiert.

Ellbogenjubel. Der einzige Eintrachtler, zu dem diese Form des Jubelns überhaupt gepasst hätte, wäre Carlos Zambrano gewesen, mit Abstrichen vielleicht noch Maik Franz. Aber der Fußball, er hat eben seine eigenen Gesetze. Und es hat ja niemand gesagt, dass diese unbedingt Sinn machen müssen, was zuletzt ja auch die Einführung des VAR bewiesen hat. Dennoch bleiben Fragen offen: So ist das Spucken etwa ebenfalls untersagt. Was aber, wenn einem Mitspieler bei einem Kostic-Solo so sehr das Wasser im Mund zusammenläuft, dass es gar nicht anders kann? Oder was, wenn der Spieler spuckt, er aber einen Schnauzbart hat, der den Speichel auffängt? Bleibt er dann von DFL-Sanktionen verschont, muss aber in Eureka ins Gefängnis?

Viererkette ja, Infektionskette nein?

Und sowieso: Wer setzt die Regeln überhaupt durch? Die Schiris schonmal nicht, ließ Schiedsrichter Marco Fritz bereits durchblicken. Aber wer dann? Das örtliche Gesundheitsamt? Christian Seifert? Attila Hildmann? Ein eigens eingeflogener Sheriff aus Nevada? Und was sind die Strafen? Gelb für Trikotausziehen, aber Rot für Mundschutzausziehen? Rot wegen Schiedsrichterbeleidigung, aber nur Gelb bei Schiedsrichterbeleidigung in die Armbeuge? Handshakes der Kapitäne vor dem Spiel sind verboten, aber nicht, wenn sie mindestens 20 Sekunden lang mit Seife unter warmem Wasser stattfinden? Viererkette ja, Infektionskette nein?

So viele Fragen, so wenige Antworten. Aber so ist das eben, wir sind ja erst dabei, das Virus zu verstehen, ähnlich geht es uns, sind wir ehrlich, mit dem modernen Fußball. Diversen Ärzten zufolge sind Schnauzbärte übrigens richtiggehende Virenfänger, weswegen man sie sich aktuell eher abrasieren sollte, und auch wenn das nicht explizit in den DFL-Regeln steht, ist das derzeit wahrscheinlich keine schlechte Idee. Nicht in der Bundesliga und in Eureka schon gar nicht.