Daichi Kamada

Die Tore von Eintracht Frankfurt beim Sieg gegen Hoffenheim waren Kunstwerke der Hässlichkeit. Reichs Resterampe ist ganz verzaubert.

Reichs Resterampe: Jeden Montag sinniert Eintracht-Experte Stephan Reich an dieser Stelle über Eintracht Frankfurt, den Fußball, das Leben und den ganzen restlichen Quatsch.

Ulf Kirsten ist der schönste Mensch der Welt. Vielleicht nicht äußerlich, rein fußballerisch aber schon. 350 Bundesligaspiele hat der "Schwatte" gemacht und dabei 181 Tore geschossen. Die allermeisten davon, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hat er räudig im Grätschen über die Linie geackert, in einer Wolke aus Schweiß, Spucke und, je nach Witterung, Staub oder Schlamm, dabei stets einen Schritt schneller als sein bedauernswerter 90er-Gegenspieler, der zuvor von Kirsten die entscheidenden Zentimeter weggerammt wurde, mit einem sicherlich sehr spitzen Ellbogen.

Zweikämpfe, die eher einer Kneipenschlägerei ähneln

Hach, wunderschön. Schließlich liegt Schönheit im Auge des Betrachters, und in meinem Falle bedeutet das, dass ich auf dem Fußballplatz kaum etwas so sehr liebe wie schmutzige, erwurschtelte Strafraumstürmertore, erzielt im Halb-Liegen, in einem vom Gewühl zertretenen Fünfmeterraum, aus einem Zweikampf heraus, der eher einer Kneipenschlägerei ähnelt. Umso freudiger verlief mein Samstagnachmittag.

Denn die beiden Tore der Eintracht gegen die TSG Hoffenheim waren von so vollkommener Ulfkirstenhaftigkeit, dass mir das Herz hüpfte. Erst ein Querpass von Bas Dost, den Martin Hinteregger und Daichi Kamada (und irgendein Hoffenheimer eigentlich auch noch) gemeinsam über die Linie grätschten. Dann eine Vorlage von André Silva, der dabei in einer Traube aus Gegenspielern am Boden lag und wild nach allem trat, was entfernt nach Ball aussah. Schon kam Dost herangerauscht und prügelte den Ball aus 20 Zentimetern per Vollspann in die Maschen.

Dost hätte den Ball genauso gut anschreien können

Wunderschön nahbare Tore waren das, wie man sie mitunter auf dem Dorfplatz nebenan bewundern kann, wenn sich der übergewichtige Klempner auf der Neun mit der selben Entschlossenheit in eine Flanke wirft, mit der er auch beim Kunden hemdsärmelig den Pömpel ansetzt. Denn auch hier hat sich ja der Fußball von den Fans entfernt. All die Superronaldos, die die Linie runterjagen, mit ihren bunten Schuhen und einem Body-Mass-Index, als hätte man The Rock mit einem Windhund gekreuzt. Wie soll man zu diesen Marsmenschen noch eine emotionale Bindung aufbauen, wie sie da die Bälle elegant ins lange Eck thierryhenry-en?

Besser geht das schon, wenn man, wie bei den Toren der Eintracht am Wochenende, das Gefühl hat, das könne man auch: hinfallen. Leute treten. Den Ball so dringend im Tor wissen, dass es fast körperlich schmerzt. Beim 2:1 hatte man das Gefühl, Dost hätte den Ball genauso gut anschreien können, auch dann wäre er reingegangen. Einfach aus Angst.

Dem Paul Gascoigne des Schicksals mal in die Weichteile kneifen

Kirsten hat in einem Spiel einmal nach wenigen Sekunden Uli Borowka umgehauen, einfach so, und als der fragte, was das solle, sagte Kirsten: "Das war noch vom letzten Mal." Ich finde, genau so hat man Fußball zu spielen. Kratzen. Beißen. Sich nix bieten lassen. Tore, wie sie die Eintracht am Samstag schoss, senden ja auch eine Botschaft. "Wenn wir schon nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt", sagte einst Rolf Rüssmann. Im Falle der Eintracht hieß das am Wochenende: Das ist unser Rasen. Wir treten ihn trotzdem kaputt. Und einen von euch auch, wenn es sein muss. Und dann gewinnen wir auch noch das Spiel.

Den Rasen kaputt treten, wahrscheinlich taugt das sogar als Lebensmotto. Die eine Halb-Chance, die einem das Leben gibt, gerade so über die Linie grätschen. Vinnie Jones sein und dem Paul Gascoigne des Schicksals einfach mal in die Weichteile kneifen. Das 1:0 der Hoffenheimer war übrigens wunderschön. Haken von Andrej Kramaric, Schlenzer in den Winkel, toll. Vielleicht wird es ja Tor des Monats. Das hat Ulf Kirsten übrigens nie geschafft, trotz 181 Treffer. Aber das wird ihm herzlich egal sein.