Hrustic und Ilsanker

Eintracht Frankfurts Ajdin Hrustic wird gegen Augsburg zum Matchwinner. Weil er in der 87. Minute genau das Richtige tut, weiß Reichs Resterampe: nichts.

Es gibt diese wunderbare Simpsons-Szene, in der Lisa Simpson in einer Jazz-Bar sitzt und einem Geigenkonzert lauscht. Der Typ neben ihr mosert über die Darbietung der Geigerin, es höre sich an, als verprügelte man ein Kleinkind mit einer Katze. Woraufhin die vom Konzert begeisterte Lisa entgegnet: "Sie müssen auf die Töne hören, die sie nicht spielt."

Nun habe ich mit Jazz nicht viel am Hut, mehr noch: Auch mir sind die nicht gespielten Jazz-Töne lieber als die gespielten. Aber dass dieser Gag mehr als ein Witzchen über das schwer zugängliche Wesen der Jazzmusik ist, erschloss sich mir erst durch Ajdin Hrustic am Samstag beim Spiel von Eintracht Frankfurt in Augsburg.

Homer Simpson wäre stolz auf Hrustic

Es lief die 87. Minute, Steven Zuber spielte einen Querpass auf Hrustic im Sechzehner, aber anstatt den Ball draufzuhauen, tat Hrustic: nichts. Er ließ den Ball einfach durch seine Beine passieren, foppte damit die gesamte Augsburger Abwehr, und hinter Hrustic kam Stefan Ilsanker angerauscht, um zum 2:0 zu treffen.

Was für eine wunderbare Szene. Äquivalent zu den nicht gespielten Jazztönen, war es das, was Hrustic nicht mit dem Ball machte, das zum Tor führte. Die große Kunst der Auslassung, Hrustic fügte dem Spiel in dieser Szene etwas Entscheidendes hinzu, indem er ihm nichts hinzufügte. Er machte nichts richtig, aber das sei als Kompliment gedacht. Mehr noch: Er wurde, Homer Simpson wäre sicher stolz auf ihn, durch Nichtstun zum Matchwinner.

Weniger ist mehr, gar nichts ist alles

Wobei Nichtstun freilich unfair ist. Es war Hrustics Debüt in der Bundesliga, er war, was man in der Fachsprache als "bemüht" bezeichnen würde, aber bis auf den Nicht-Assist hatte er wenige Szenen. Nur: Was heißt das schon? Schließlich bewies er eindrücklich, dass weniger mehr ist, mehr noch: gar nichts manchmal alles.

Der Typ in der Simpsons-Folge antwortet auf Lisas Einlassung übrigens mit: "Das kann ich auch zuhause." Da hat er natürlich auch irgendwie recht. Ich denke mir: Üblicherweise würde ich nun die Kolumne mit einem kleinen Witzchen abrunden. Aber vielleicht sind die Schlusspointen, die ich nicht mache, ja viel besser. In diesem Sinne: