Eintracht Fans

Weihnachten? Ostern? Geburtstag? Pah. Für Reichs Resterampe gibt es nur einen Feiertag im Jahr: den Saisonstart.

Mit einem guten Freund habe ich seit Jahren die mir liebgewonnene Tradition, dass wir vor dem Start einer jeden neuen Bundesligasaison kurz telefonieren, über unsere Vereine und die Liga insgesamt quatschen und das Gespräch stets schließen mit den feierlichen Worten: "Ich wünsche dir eine schöne neue Bundesligasaison."

Das hat irgendwann aus Klamauk angefangen, außerdem meine ich es ihm gegenüber nur so halb ernst, schließlich ist er Bayern-Fan. Aber wie bei jedem kleinen Gag hat auch dieser einen wahren Kern. Denn, verdammt, der Saisonstart ist die schönste Zeit des Jahres.

Ante Rebic als Geschenk

Wahrscheinlich liegt es an mir, aber was andere Menschen an innerer Wärme und Seligkeit in der Vorweihnachtszeit empfinden, empfinde ich in den Tagen vor dem Saisonauftakt. Mit leuchtenden Augen blättere ich in den Bundesliga-Sonderheften, gucke alte Clips von Uwe-Bindewald-Grätschen, studiere ausgiebig das Eintracht-Mannschaftsfoto, voll vorfreudiger Ungewissheit, wer mich wohl in dieser Saison beschenken wird. Und halte auch inne, blicke voller Dankbarkeit zurück auf all die Geschenke, die ich in der Vergangenheit schon bekommen habe. Mal ein Pokalsieg, Ante Rebic, oder damals, das Fallrückziehertor von Christoph Preuß.

Ach, segensreiche Auftaktzeit. Die Saison, sie liegt vor einem wie ein offenes Buch, eine Tür, durch die man nur hindurchgehen muss und dahinter warten sämtliche Wunder dieses Sports. Ein auf den letzten Drücker verpflichteter Superstar, der die Eintracht zur überraschenden Meisterschaft führt. Ein Hattrick von Erik Durm im Pokalfinale gegen RB Leipzig nach 0:2-Rückstand. Eine kurzzeitige aber harmlose Verletztenmisere, die Trainer Adi Hütter keine Wahl lässt, als den 36-jährigen Kolumnisten mit Rückenschaden und Übergewicht in der Schlussphase direkt von der Pressetribüne einzuwechseln, auf dass er den Siegtreffer schießt. Nein, wirklich, Wunder geschehen. Oder was war das 5:1 gegen die Bayern letztes Jahr?

Feierlich "Alles außer Frankfurt ist..." singen

Ich stelle mir, in einer idealen Welt, den Saisonstart als einen Feiertag vor. Dass es allen so geht wie mir, und die Menschen in friedvoller Festlichkeit verbunden sind. Mit strahlenden Augen würden sie ihren Leben nachgehen, alles wäre eingehüllt von einem schwer greifbaren Glanz. Sie würden ihre Fenster mit Uwe-Bein-Postern oder Ralf-Falkenmayer-Starschnitten dekorieren, wie es schon ihre Eltern taten, würden gemeinsam in warm ausgeleuchteten Küchen Europacupplätzchen backen, und manchmal klingelten Sternsinger an der Tür und sängen dann feierlich: "Alles außer Frankfurt ist..."

Na, Sie wissen schon. Und na klar, wie bei jedem anderen Feiertag gibt es auch am Saisonauftakt-Tag die eine oder andere Enttäuschung. Ein Tor der übermächtigen Schnöselbayern nach vier Minuten, was sich anfühlt, als würde einem ein geliebter Mensch Socken zu Weihnachten schenken. Oder ein geschenkter Konter der Eintracht an die Bedürftigen aus Bielefeld. Aber na ja, Feiertage sind ja auch immer eine Zeit des Vergebens.