Djibril Sow

Eintracht Frankfurts Djibril Sow zuckert den schönsten Pass seit langem auf den Rasen. Reichs Resterampe gerät ins Schwärmen - und wünscht sich einen Schnauzbart für Sow.

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Sows Traumpass aus allen Perspektiven

Sow spielt einen schönen Pass
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Einer der Gründe, warum ich mich einst in diesen Sport verliebte, trug die Zehn, hatte einen Schnauzbart und spielte Pässe in Gassen, die sich andere auf dem Feld nicht einmal vorstellen konnten: Uwe Bein. Mein erstes Trikot hatte seine Nummer, irgendwann, wahrscheinlich ein Fehler in der Matrix, ging er nach Japan zu den Urawa Red Diamonds und brach mir mein Herz, dann kam er zurück nach Hessen, allerdings zum VfB Gießen, und das war dann ganz sicher sogar ein Fehler in der Matrix.

Wer Bein damals hat spielen sehen, weiß, was ich meine, wenn ich sage: Der Mann konnte mit seinem linken Innenrist Dinge, die Konzertpianisten nicht einmal mit den Fingern können. An seinen besten Tagen konnte er ein Fußballspiel in der Hand halten wie einen dieser Zauberwürfel, ein, zwei Mal dran drehen und das ganze Spiel dann mit einem Traumpass lösen. Mit Bein in der Mannschaft schien es nicht unmöglich, dass man als Fan auf dem Weg zur Würstchenbude überraschend einen Pass ins Fußgelenk bekam und plötzlich selbst frei vor dem gegnerischen Tor stand, um lässig zum Sieg einzuschieben.

... als würde man einem Ufo hinterhersehen

Das ist jetzt knapp 25 Jahre her, aber seither warte ich auf einen, der so ist wie Bein. Regisseure wie er werden ja kaum noch gemacht, und Schnauzbärte – Gott weiß, warum?! – trägt auch niemand mehr. Und doch keimt Hoffnung in mir seit dem 5:2 der Eintracht gegen Leverkusen am Sonntag. Wegen Djibril Sows Pass zum 2:2.

Von etwa der Mittellinie legte Sow den Ball 40 Meter durch die Gasse in den Lauf von Jesper Lindström, der seinerseits wunderschön zum 2:2 abschloss. Aber jesses, was für ein Pass. Man hatte das Gefühl, Sow würde mit diesem Pass das Spiel aufklappen wie ein Buch. Es wirkte, als hätte Sow mit seinem Pass ganz Leverkusen überspielt, nicht nur das gesamte Mittelfeld und die Abwehr, sondern auch Trainer, Co-Trainer, Mannschaftsarzt, Sportpsychologen, den gesamten Bayer-Vorstand, Rudi Völler, den Busfahrer, die Haustiere des Busfahrers, nochmal Rudi Völler, den Tankwart an der Raststätte auf der Heimreise der Bayer-Elf später, ja wahrscheinlich noch die ungeborenen Kinder und Enkelkinder der Abwehrspieler, die dem Ball nachsahen wie man einem Ufo nachsehen würde, flöge es an einem vorbei: Ooooooh.

"Trage diesen Schnauzbart mit Stolz, mein Sohn"

Sow ist ja gar kein Zehner, er ist Achter, aber da wehte ganz deutlich ein Hauch von Uwe Bein durchs Stadion, und ich bin mir sicher, dass irgendwo in Ghana Tony Yeboah kurz innehielt und dachte: "Mh, irgendwas ist gerade passiert." Der Pass war so Zucker, so Sahne, ich hatte das Gefühl, ich würde mit jeder Wiederholung ein bisschen dicker. Aber aufhören, sie mir anzusehen, konnte ich auch nicht.

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Highlights: Eintracht Frankfurt - Bayer Leverkusen

Heimspiel_Highlights_Eintracht_Leverkusen
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Wahrscheinlich ist es nicht passiert, aber ich wünschte es mir: Dass Uwe Bein sich nach dem Spiel aufgewühlt den Weg in die Kabine bahnt, hastig vorbei an Fans und Journalisten, um Djibril Sow abzupassen und ihm dann eine kleine verzierte Schatulle zu übergeben, darin sein einst abrasierter Schnauzbart, den er Sow überreicht wie etwas Kostbares, Magisches, der Ring der Macht oder die Armbanduhr aus Pulp Fiction oder so, und so etwas sagt wie: "Du hast dich als würdig erwiesen, trage diesen Schnauzbart mit Stolz, mein Sohn, und setze ihn weise ein."

Auf dem Gipfel des Spiels

Bein und sein Schnauzbart, eine kleine haarige Fahne, die er auf dem Gipfel des Spiels hisste, wenn er es bezwungen hatte. So wie Sow das Spiel am Samstag bezwang, das 5:2 erzielte er mit einem Fernschuss, der seinerseits eine eigene Kolumne verdient gehabt hätte. Sein dritter Treffer bereits, Sow wird immer mehr zum zentralen Spieler der Eintracht, auch ohne Zehn oder Schnauzbart. Bliebe zu hoffen, dass nicht die Urawa Red Diamonds oder der VfB Gießen anklopfen.