Hinteregger Haaland

Eintracht Frankfurt wird von Dortmunds Erling Haaland einmal auf links gezogen. Reichs Resterampe weiß, warum das trotzdem etwas Gutes hat.

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Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt
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Seien wir ehrlich: Es gibt keinen Grund, Spiele von Bayer Leverkusen zu gucken. Umso rätselhafter erscheint mir in der Rückschau dieser kosmische Zufall: Als ich etwa zehn Jahre alt war, saß ich zu einer Uhrzeit vor dem Fernseher, zu der ich eigentlich ins Bett gehört hätte, und aus einem Grund, den ich nicht mehr weiß, sah ich im TV das Uefa-Cup-Spiel zwischen Bayer Leverkusen und PSV Eindhoven.

Das klingt erst einmal traurig, war es aber ganz und gar nicht. Denn bei Eindhoven spielte ein 17 Jahre junger Brasilianer mit, den ich bis dato nicht kannte, und der mit Jens Melzig und Markus Happe – bodenständige, arglose Bundesligaverteidiger – in etwa das machte, was eine Waschmaschine im Schleudergang mit der Wäsche macht: Ronaldo Luís Nazário de Lima, kurz: Ronaldo, kurz darauf: "Il Fenomeno", das Phänomen, und einer der größten Stürmer aller Zeiten.

Haalands Ich-mach-mit-euch-was-ich-will-haftigkeit

Was Ronaldo damals mit der Bayer-Defensive machte, war eigentlich ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Auch deswegen musste ich am Samstagabend an ihn denken. Denn da pflügte ein junger norwegischer Stürmer namens Erling Haaland durch die Abwehrreihen Eintracht Frankfurts, der es in Sachen Dynamik, Tempo, Torgefahr und genereller Ich-mach-mit-euch-was-ich-will-haftigkeit durchaus mit dem jungen Ronaldo von einst aufnehmen konnte.

Die Eintracht-Spieler prallten, wenn sie überhaupt hinterherkamen, an Haaland ab, manche schienen sich gleich ganz in Luft aufzulösen. Zeitweise hatte ich gar das Gefühl, Martin Hinteregger oder Stefan Ilsanker würden aus quasi historischer Solidarität Jens-Melzig-Vokuhilas wachsen, während sie das x-te Mal ratlos der Staubwolke hinterherblickten, die Haaland mit einem seiner Supersprints hinterließ.

Als müsste man gegen Mike Tyson in den Boxring

So wie Ronaldo mir einst ein Spiel von Leverkusen guckbar machte, schmälerte Haaland am Samstag meinen Ärger über die Eintracht-Niederlage. 2:5, zwei Tore, drei Assists, eine Geschwindigkeit von knapp 36 Kmh – was will man gegen so einen Marsmenschen schon tun? Gegen Haaland spielen ist, als müsste man gegen Mike Tyson in den Boxring und bekommt auch noch die Arme hinter den Rücken gebunden. Als würde man versuchen, eine Abrissbirne mit der Hand zu stoppen. Als wäre das Spiel eine Suppe, aber nur Haaland hat einen Löffel und man selbst nur eine Gabel. Er ist eine Laune der Fußballnatur, eine Erscheinung, der Haaland und Erlöser, det Fenomenet, wie Il Fenomeno auf Norwegisch heißen würde. Der Ronaldo unserer Zeit, Rønaldø, nicht weniger.

Manche Niederlagen muss man also auch unter historischen Gesichtspunkten betrachten. Klar, Haaland hat Eintracht Frankfurt am Samstag einmal auseinandergeschraubt und aus Spaß falsch wieder zusammengesetzt. Und die Eintracht war schon auch schlecht. Aber hey, die 90 Minuten Schlachtfest waren immerhin ein kleiner Teil der anstehenden Weltstar-Werdung des Erling Haaland, und wir waren dabei. Wobei natürlich fraglich ist, ob Hinteregger, Ilsanker und Co. das auch so positiv sehen. Wahrscheinlich nicht. Fraglich auch, ob sie überhaupt schon wieder aus dem Schleudertrauma aufgewacht sind.

Fußballstatisten im Hintergrund einer aufziehenden Weltkarriere

Es gibt einen Videozusammenschnitt jenes Ronaldo-Spiels von damals, und bei Ansicht der Bilder bin ich mir sicher, dass Jens Melzig und Markus Happe auch heute noch schwindlig sein dürfte. Aber vielleicht tröstet es sie, wie möglicherweise auch die Eintracht-Spieler vom Samstag, dass sie bei einem historischen Ereignis zugegen waren. Wenngleich nur als keuchende, hilflose, überforderte Fußballstatisten im Hintergrund einer aufziehenden Weltkarriere, die nach dem Ronaldo-Erlebnis höchstwahrscheinlich drüber nachgedacht haben, lieber doch etwas Solides zu machen.

Aber Statist in einem historischen Ereignis, das ist ja auch schonmal was, und vielleicht denken wir in ein paar Jahren rührig daran zurück, wenn Haaland längst den Fußballolymp bestiegen hat. Und das Beste: Wir haben nicht einmal ein Leverkusen-Spiel dafür gucken müssen.