Evan N'Dicka

Eintracht Frankfurt ist plötzlich ein Spitzenteam. Um zu verstehen, wie das passiert ist, muss man in alten Kochbüchern blättern, weiß Reichs Resterampe.

Etwas, das mir im Alltag verlässlich Freude bereitet, ist der Twitter-Account "70s Dinner Party". Der Account sammelt Bilder aus Kochbüchern der Siebzigerjahre, und was erst einmal harmlos klingt, ist in Wirklichkeit eine echte Show. Zwischen uns und den Büchern liegen ein paar Jahrzehnte, kulinarisch aber Lichtjahre. Eine aus Leberwurst modellierte Ananas! In glibberig-gallertartiger Gelatine eingelassene Shrimps!! Was auch immer das hier für ein Verbrechen ist!!! Die Gerichte, man kann es nicht anders sagen, sind beste Werbung für einen Hungerstreik. Sie sehen aus wie aus einem Horrorfilm, könnte man einen Horrorfilm mit Scheiblettenkäse überbacken.

Abseits davon, dass mich die Bilder auf seltsame Weise belustigen, hat der Account noch eine andere Wirkung auf mich: Er erinnert mich sachte daran, Zeit nicht als etwas Punktuelles zu betrachten, nicht als stete Abfolge aneinandergereihter Jetzts, sondern von oben, im großen Ganzen. Soll heißen: Es hat 50 Jahre gedauert, bis wir als Gesellschaft an den Punkt kamen, keine Leberwurst-Ananas mehr zu essen. Aber schlussendlich haben wir die Leberwurst-Ananas überwunden.

Keine Goldene Ananas mehr, sondern Champions League

Das ist mir fürs Leben und den Fußball gleichermaßen eine gute Lektion. Denn gerade als Fußballfan und gerade als Fan eines Vereins wie Eintracht Frankfurt scheint, nein, schien es ja oft so, als wäre das ganze Dasein eine stete Wiederkehr von 0:0s gegen Bochum, Bielefeld oder, noch schlimmer, Burghausen. Die Liga zementiert, ein einziger Kampf gegen Windmühlen, eine samstägliche Scharade der Vergeblichkeit, an der sich nie etwas ändern würde.

Aber Zeit vergeht eben, auch wenn sich das im harten Fußballalltag manchmal nicht so anfühlt. Die Dinge ändern sich, vielleicht Jahrzehnte langsam, und irgendwann haut Eintracht Frankfurt Gegner um Gegner weg und spielt nicht mehr um die Goldene Ananas, sondern um die Champions League.

Als Dessert wird Luka Jovic eingewechselt

Mmmmh, lecker. Die Eintracht als Spitzenteam, und man fragt sich, wie das jetzt eigentlich passiert ist. Spieler aus der Feinkostabteilung, Spielzüge, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft, kein hartes Brot mehr, keine 0:0s gegen Bundesliga-Leberwurst-Ananase aus dem unteren Tabellendrittel. Darf's noch ein bisschen mehr sein? Gerne. Ecke Kostic, Kopfball N'Dicka, und als Dessert wird Luka Jovic eingewechselt. Hätte man davon zu träumen gewagt, sagen wir vor 15 Jahren, die ja so lange auch noch nicht her sind? Es wirkte damals, als würde sich nie irgendetwas bewegen. Als wäre Zeit eine dicke Gelatinemasse und wir die darin für immer gefangenen Shrimps.

Und nun das. Dritter Platz, acht der letzten neun Spiele gewonnen, selbst die Bayern scheinen schlagbar. Wohin das dann führt, weiß man freilich noch nicht. Aber die Tendenz ist die richtige. Wobei auch das ja manchmal täuschen kann. Die Leberwurst-Ananas etwa erfuhr wegen ihrer schieren Unglaublichkeit unlängst ein kleines Revival, als diverse Journalisten-Kollegen sie im Selbstversuch zubereiteten und ausprobierten, um dann witzige Texte drüber zu schreiben. Da möchte ich persönlich mich übrigens explizit ausnehmen. Ich mag ja gar keine Ananas.

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Eintracht-Präsident Fischer im heimspiel!

Die Eintracht siegt und siegt. Was sind die Gründe für den Erfolgslauf? Darüber sprechen wir am Montagabend mit SGE-Präsident Peter Fischer im heimspiel!. Die Sendung startet um 22.45 Uhr im hr-fernsehen, auf hessenschau.de und in der ARD-Mediathek gibt es sie bereits früher zu sehen.

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