Chandler und Kostic jubeln.

Und der Oscar für den besten Rechtsaußen der Liga geht an… Timothy Chandler! Applaus, Jubel, Champagner für alle. Reichs Resterampe schreibt die Dankesrede.

Reichs Resterampe: Jeden Montag sinniert Eintracht-Experte Stephan Reich an dieser Stelle über Eintracht Frankfurt, den Fußball, das Leben und den ganzen restlichen Quatsch.

Im Film "Birdy" von 1984 spielt Nicolas Cage einen Vietnamkrieg-Rückkehrer, und weil das natürlich schwer zu spielen und Nicolas Cage Nicolas Cage ist, überlegte er sich, wie er am besten in die Rolle hineinfinden könnte. Seine Antwort: Um den körperlichen und psychischen Schmerz seiner Figur nachzuempfinden, ließ sich Cage mehrere Zähne ziehen, ohne Narkose wohlgemerkt, und trug wochenlang einen siffigen Verband um den Kopf, der eine schlimme Hautentzündung nach sich zog. Method Acting nennt man so etwas, oder halt Dachschaden.

Zähne hat sich Timothy Chandler keine ziehen lassen, auch ein Verband war nicht zu sehen. Doch irgendwas muss der Mann gemacht haben, schließlich spielt er seit Wochen den Rechtsaußen so überzeugend, dass ihm der Oscar gebührte, wenn Fußballer denn damit ausgezeichnet würden. Allan Simonsen oder ein anderer hochdekorierter Rechtsaußen würde auf einer Bühne stehen, mit Maßanzug und Fliege um den Hals, einen kleinen Umschlag in der Hand und eine Rede halten. Und der Oscar geht an… Timothy Chandler. Jubel, Applaus, anerkennende, wenngleich leicht neidische Blicke der leer ausgegangenen Jadon Sancho, Serge Gnabry und Karim Bellarabi, die ihre vorbereiteten Dankesreden wieder im Jackett verschwinden ließen.

Chandlers beste Rolle

Seine vielleicht beste Rolle, so viel ist klar. Als Außenverteidiger war er ein solider Nebendarsteller, einer jener Schauspieler, die man immer mal wieder im Fernsehen sieht und denkt: Den kenn ich doch? Ab und an glänzte er an der Seite von Bastian Oczipka oder Stefan Aigner, wurde aber nicht selten von den Alex Meiers oder Ante Rebics im Kader an die Wand gespielt. Eine Art fußballerischer Matthew McConaughey, der sich über Jahre durch seifige Rom-Coms schnulzt, um dann aus heiterem Himmel als Charakterdarsteller durchzustarten.

Und dann dieses Drehbuch: Aufruhr, Abstiegskampf, ein drohendes Drama, Happy End fraglich. Dem Kader fehlt ein Rechtsaußen, der Geschichte ein Held, und einer muss es ja machen, warum also nicht der unscheinbare Typ aus der zweiten Reihe? Dann die unverhoffte Wandlung, Tor gegen Hoffenheim, Tor gegen Düsseldorf, zwei Tore gegen Augsburg, Chandlers erster Doppelpack seit seinem Spiel für Eintracht Frankfurt II gegen die SpVgg Weiden anno 2010. Eine Heldensaga, kitschig fast, aber großes Kino, klar.

Jürgen-Grabowski-Masterclass für Außenbahn-Talente

Ob er sich gezielt darauf vorbereitet hat? War er in der Jürgen-Grabowski-Masterclass für hoffnungsvolle Außenbahn-Talente? Hat er wochen-, ja monatelang als Garrincha gelebt, so wie einst Robert de Niro für seine Rolle in "Taxi Driver" tatsächlich Taxi fuhr, und ist humpelnd und portugiesisch sprechend zum Training gekommen? Muss man sich Sorgen machen, dass ihn das Schauspiel Frankfurt lockt, mit einer großen, epischen Theaterrolle, Hamlet oder King Lear oder Stan Libuda, die Chandler, gelangweilt vom Bundesliga-Blockbuster-Bombast, dankend annimmt, um seine Grenzen als Künstler auszutesten?

"Ich weiß auch nicht so richtig, was ich sagen soll", sagte Chandler nach dem 5:0 gegen den FC Augsburg. "Heute muss ich mich zwicken, ob das alles wahr ist". Und mal im Ernst: Das klingt ja schon wie eine Oscar-Dankesrede. Nicolas Cage gewann den Oscar 1984 übrigens nicht, er war nicht einmal nominiert. Dafür verlieh die Deutsche Film- und Medienbewertung dem Film das Prädikat besonders wertvoll. Und das ist ja, Zähne hin oder her, auch was.