Jesper Lindström

Eintracht Frankfurt schießt jetzt Tore innerhalb weniger Sekunden, mit Spielern, die so schnell sind, dass sie in einer 30er-Zone nicht mehr rennen dürften. Unsere Eintracht-Kolumne kommt kaum noch hinterher.

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Video-Analyse: Eintrachts Elf-Sekunden-Tor

Jesper Lindström Mainz Eintracht
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Ich tue mich ja wirklich schwer mit Zahlen. Letztens las ich etwa, dass Eintracht Frankfurts Jesper Lindström in einem Spiel mit 35 Km/h gestoppt wurde. Um das mal ins Verhältnis zu setzen: Würde Lindström damit durch eine verkehrsberuhigte Zone rennen, würden ihn Polizisten anhalten und ihm einen Strafzettel ausstellen, woraufhin Lindström wahrscheinlich sagen würde: "So ein Quatsch, ich bin doch gelaufen", und die Polizisten würden dann so etwas entgegnen wie: "Keine Sorge, das ist nur ein blöder Einstieg in eine Eintracht-Kolumne", und Lindström würde irritiert gucken und ich würde überlegen, ob ich den ersten Absatz noch einmal neu schreiben sollte, würde mich aber aus Bequemlichkeit dagegen entscheiden.

Was ich sagen will: Die Art und Weise, wie sich dieser Sport entwickelt hat, ist schon bemerkenswert. Es ist ja wirklich noch nicht allzu lange her, dass Fußballprofis allesamt aussahen wie der örtliche Metzgermeister, und allerhöchstens die kleinen Biere auf dem Mannschaftsabend im Vereinsheim mit 35 Km/h wegziehen konnten, ansonsten aber eher gemächlich ihrer Fußballarbeit nachgingen. Ich würde wirklich gern mal einen dieser alten Bodos, Günthers oder Rudis im Laufduell mit einem dieser marsmenschenartig schnellen Lindströms von heute sehen. Und wie sie dann anschließend desillusioniert ins nächste Vereinsheims-Bier starren würden, drüber nachgrübelnd, nicht vielleicht doch die Metzgerlehre fertigzumachen.

Zack, zack, zack, zack, zack, zack, Tor!

35 Km/h, Jesses. Zumal ja nicht nur die Spieler schneller werden, sondern auch das Spiel an sich. Das 1:0 der Eintracht gegen Mainz fiel innerhalb von elf Sekunden, über sechs Stationen nach Ballgewinn. Auch das hätte es früher nicht gegeben. Da hätte irgendein Spieler mit ausgestorbener Berufsbezeichnung a la Vorstopper oder Manndecker den Ball erstmal zum Torwart zurückgespielt, der hätte ihn in die Hand genommen und sich eventuell erstmal abgerollt, hätte dann in Seelenruhe zum Libero gepasst, der mit dem Ball am Fuß ein wenig spazieren gegangen wäre, links vorne wäre einer eingeschlafen, vielleicht hätte ein anderer am Seitenrand ein Tablett mit kleinen Bieren serviert, Raucherpause, bisschen quatschen, dann hätte der Keeper vielleicht einen langen Abschlag gemacht, der irgendwo an der Würstchenbude hinter der Gegengerade oder sonst wo gelandet wäre, Einwurf zurück zum Keeper, abrollen, ach Mensch, schon so spät, na ja, gutes Spiel, Männer.

Und jetzt: Zack, zack, zack, zack, zack, zack, Tor. In elf Sekunden schaffe ich es nicht einmal, diesen Satz hier gescheit zu Ende zu… Und sechs Stationen nur, auch das finde ich absolut erstaunlich. In der Retrospektive scheint es mir, als hätte allein Mehdi Mahdavikia für die Ausführung einer Ecke mehr Ballkontakte gebraucht. Bevor er sie dann mit 35 Km/h auf den ersten Verteidiger flankte. Und man selbst circa elf Sekunden lang genervt die Augen rollte.

70 Punkte für Eintracht Frankfurt 2021

Woran man wieder sieht, dass 35 Km/h sowohl schnell als auch langsam sein können. Oder elf Sekunden kurz oder lang. Die Zahlen, sie machen eben keinen rechten Sinn. Diese hier übrigens auch nicht: Eintracht Frankfurt hat im Kalenderjahr 2021 70 Punkte geholt. In diesem Sinne ist der moderne 35-Km/h-Fußball eben nicht nur rasant und aufregend, sondern auch zutiefst unfair, denn mit so vielen Punkten wäre die Eintracht früher, zu den Zeiten der Bodos, Günthers oder Rudis, sicherlich Meister geworden. Darauf ein desillusioniertes Vereinsheim-Bier.