Hinteregger Mölders

Eintracht Frankfurt gegen 1860 München, das war das Duell Martin Hinteregger gegen Sascha Mölders. Für Reichs Resterampe die Reise in eine wunderbare Vergangenheit voller Blutgrätschen und Hämatome.

Eine der großen Kräfte des Fußballs ist es ja, Zeitreisen zu ermöglichen. Die Erzählungen dieses Sports, des eigenen Vereines, mancher Spieler, reichen über Jahre und Jahrzehnte, und sehe ich, beispielsweise, Joshua Kimmichs schüchternen Konfirmandenschnauz – den letzten Schnauzbart der Liga – denke ich automatisch an Uwe Bein und sehe einen seiner Pässe auf Anthony Yeboah vor dem inneren Auge, irgendwo hinter die Abwehr eines vergessenen Neunziger-Klubs à la Wattenscheid oder Homburg.

Nun bin ich, was den Fußball angeht, ja ohnehin ein hoffnungsloser Romantiker. Ich bin Sternzeichen Vorstopper, glaube an die Kraft des Nasenpflasters, trage Socken aus Ballonseide und bin fest davon überzeugt, dass sich die meisten Probleme des Lebens mit einer beidbeinig gestreckten Grätsche von hinten lösen lassen. Umso schöner war die Zeitreise mit Eintracht Frankfurt am Samstag beim Pokalspiel gegen den TSV 1860 München.

Elf kantige Bernhard Winklers

Das lag gar nicht so sehr an dem oldschooligen Gegner, bei dem man ja bis heute stets das Gefühl hat, er würde aus elf kantigen Bernhard Winklers bestehen, die jeden noch so räudig erkämpften Punkt in einer holzvertäfelten Vereinskneipen-Eckbank feiern, wo sie sich mit riesigen Handwerkerpranken bayrisch fluchend den Bierschaum aus dem Bart wischen. Oder dem Stadion an der Grünwalder Straße, das wahrscheinlich schon im Jahr der Fertigstellung 1911 instant unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Es lag vor allem an zwei Männern, die auf dem Spielfeld 90 Minuten lang direkte Gegenspieler waren und ihre Zweikämpfe dabei führten, wie andere Menschen beispielsweise Schweinehälften zerlegen, wenn das eben ihr Job ist: Eintrachts Martin Hinteregger und Sechzigs Sascha Mölders.

Als Fußball noch Arbeit war

Bereits beim ersten langen Ball – und es sollten viele weitere lange Bälle folgen – rangen sich die beiden nieder, dass es ein Spieler wie beispielsweise Neymar möglicherweise gar nicht überlebt hätte. Und so ging es weiter. Nachdem Hinteregger wenig später den Ball an Mölders verloren und dann aber zurückerobert hatte, schafften beide das Kunststück, sich quasi zeitgleich im Strafraum umzuhauen. Ich bin mir sicher: Eine Zeitlupe mehr von dieser Szene, und mir wäre nur vom Zusehen ein blutrotes Hämatom auf dem Sprunggelenk gewachsen. Es war wunderschön.

Denn so war es nämlich früher, und so war es am Samstag wieder. Hinteregger gegen Mölders, das war Fußball aus einer Zeit, als Fußball noch Arbeit war und mit Spaß nicht viel zu tun hatte. Grubenlampe auf, ein stinkendes, backsteingroßes Wurstbrot in der Brotbox, einen letzten Zug an der Selbstgedrehten, und dann rein in den Zweikampf, muss ja, hilft ja nix. Der Gegner tritt sich schließlich nicht von selbst auf die Tartanbahn.

"Dafür kriegen sie ihr Geld"

Nach dem Spiel stand Hinteregger vor der TV-Kamera und sagte Dinge wie "dafür kriegen sie ihr Geld" über die Stürmer Dost und Silva, die die Tore erzielt hatten. Er sagte das wie ein Bauarbeiter in der Mittagspause, wenn er mit den Kollegen bei einem warmen Bier über den schnöseligen Architekten lästert. Und Mölders? Saß da wahrscheinlich schon längst im Vereinsheim, fluchend.