Marco Russ

Eintracht-Legende Marco Russ hat ein Buch über seine Karriere und über seine Krebserkrankung geschrieben. Auf einer Pressekonferenz gibt er persönliche Einblicke.

Videobeitrag

Video

zum Video Marco Russ: Ein Leben für die Eintracht | hessenschau Sport vom 06.10.2021

hs sport 0610
Ende des Videobeitrags

Und dann passiert, was eigentlich nicht passieren kann. Eine harmlose Flanke segelt in den Frankfurter Strafraum, es ist die 43. Minute eines Fußballspiels, das so viel mehr ist als das. Am Fünfmeterraum steht Marco Russ, er bekommt den Ball an den Fuß, von dort springt er ins eigene Tor. Und im Stadion wird es totenstill. 0:1 gegen Nürnberg, im Hinspiel der Relegation, geschossen vom Kapitän, dessen Namen die Fans vor dem Spiel bei jedem Spieler der Aufstellung lauthals schrien – Makoto "RUSS", Timothy "RUSS", Haris "RUSS". Das Spiel geht 1:1 aus, der Eintracht droht der Abstieg, es gibt an jenem Tag im Mai 2016 aber trotzdem nur ein Thema: Marco Russ hat Krebs.

"Das Spiel gegen Nürnberg war einer der emotionalsten Momente", sagt Russ am Mittwoch auf einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung seines Buches "Kämpfen. Siegen. Leben." Fünf Jahre nach der Diagnose ist Russ kein Profifußballer mehr, er arbeitet mittlerweile als Analyst bei den Hessen. Und hat nun gemeinsam mit dem Autoren und Journalisten Alex Raack ein Buch geschrieben, das zwar alle 17 Profijahre von Russ umfasst, seinen Ausgangspunkt aber in gewisser Weise in jenen dramatischen Tagen im Mai 2016 hat.

"Es tut mir leid, das zu sagen, aber: Sie haben Hodenkrebs"

Bei einer Routine-Dopingkontrolle wird bei Russ damals ein deutlich erhöhter Beta-HCG-Wert festgestellt. Der Familienvater fällt aus allen Wolken. Hat er zuhause versehentlich ein verbotenes Mittel eingenommen? Die Werte, heißt es schließlich, können von einer verbotenen Substanz kommen – oder aber von einer Krebserkrankung. Russ fährt sofort zum Urologen, dem ein kurzer Griff für die Diagnose reicht: "Es tut mir leid, das zu sagen, aber: Sie haben Hodenkrebs", schildert es Russ in seinem Buch. Die Nachricht verbreitet sich damals schnell: Russ hat Krebs – und spielt trotzdem.

Wäre Eintracht Frankfurt 2016 wegen des Eigentores des krebskranken Kapitäns aus der Liga abgestiegen, man hätte eigentlich mit dem Fußball brechen müssen. Zugleich wird der Fußball unendlich klein. Am Tag des Rückspiels, fünf Tage nach der Diagnose, hält die Eintracht die Klasse. Zeitgleich liegt Russ auf dem OP-Tisch. Der Krebs wird entfernt, aber die Operation ist nur der Anfang.

"Im Kopf positiv bleiben. Nicht hadern, nicht sich schon ergeben"

Russ muss durch zwei Chemotherapien durch, die Infusionen saugen ihm die Energie aus dem Körper, er hat 13 Kilo Übergewicht. Bei einem Termin in seiner Bank greift sich Russ an den Kopf und hat plötzlich ein Büschel Haare in der Hand. "Kämpfen und Siegen, Marco", stand im Spiel gegen Nürnberg auf einem Banner. Der Kampf, das merkt Russ, ist hart und kräftezehrend.

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Russ: "Ein Buch nicht nur für Eintracht-Fans"

Imago Russ
Ende des Audiobeitrags

Aber er besiegt den Krebs. Auch deshalb hat er dieses Buch geschrieben, sagt er am Mittwoch. "Das ist eine Sache, die zu meinem Leben gehört. Ich habe keine Scham, darüber zu reden", so Russ. Es sei ein Buch für Fußballfans, klar, aber ebenso ein Buch für Menschen, die sich mit einer Krebserkrankung konfrontiert sehen. Seine Botschaft: "Im Kopf positiv bleiben. Nicht hadern, sich nicht schon ergeben. Es gibt auch beschissene Tage, aber man muss positiv bleiben", so Russ.

Als würde sich der Fußballgott entschuldigen wollen

285 Tage nach seiner Diagnose steht er tatsächlich wieder auf dem Platz, im Pokal gegen Arminia Bielefeld wird er in der 92. Minute eingewechselt, das ganze Stadion erhebt sich. Er hat den Krebs besiegt, ist wieder Hochleistungssportler. Und als würde sich der Fußballgott für jene Flanke 2016 entschuldigen wollen, liegt das Beste noch vor ihm.

Fast auf den Tag zwei Jahre nach seiner Diagnose stemmt Russ den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel, die Eintracht schlägt sensationell Bayern München, Russ steht dabei 16 Minuten auf dem Platz. "Jeder hier in Frankfurt hat leuchtende Augen, wenn man von diesem Tag spricht. Mein Sohn hat den Film vom Pokalsieg auf dem iPad und hat ihn zeitweise hoch- und runtergeguckt. Ich brauche es nur hören, schon kommen die Bilder automatisch", sagt er.

"Ich habe aus jeder Niederlage gelernt, ich habe jeden Sieg genossen"

Es sind die großen Eckpunkte von Russ‘ Karriere, im Buch geht es aber auch um die Anfänge, das Alltägliche, selbst um die anderthalb Jahre des Frankfurter Eigengewächs beim VfL Wolfsburg. "Ich habe aus jeder Niederlage gelernt, ich habe jeden Sieg genossen", sagt Russ. Den wichtigsten Sieg hat er freilich abseits des Platzes errungen.