Eintracht-Trainer Oliver Glasner war gegen Wehen Wiesbaden nicht zufrieden.

Eintracht-Trainer Oliver Glasner erlebte seinen ersten Test an neuer Arbeitsstätte. Der Österreicher wollte die Niederlage gegen den Drittligisten SV Wehen Wiesbaden zwar nicht zu hoch hängen, doch einige Schlüsse ließen sich ziehen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Glasner: "Waren zu anfällig bei Kontern"

Oliver Glasner beim Test gegen Wehen.
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Am Ende der 90 Minuten am sonnigen Samstagnachmittag hätte sich wohl der eine oder andere Eintracht-Profi lieber auf die Liegewiese des 200 Meter Luftlinie entfernten Stadionbads gelegt. Der SV Wehen Wiesbaden hatte die Partie nach 0:1-Rückstand im zweiten Durchgang gegen eine bessere U19 der Frankfurter noch hochverdient auf ein 3:1 gedreht. Und so wirkte der eine oder andere Eintracht-Jungprofi doch ziemlich müde nach einer Lehrstunde gegen eine routinierte Drittligamannschaft, die in zwei Wochen in die neue Spielzeit startet. 

“Die Spieler waren engagiert und haben alles probiert. Wir sind am Ende einer intensiven Trainingswoche. Deshalb bin ich nicht ganz so kritisch, auch wenn es nicht das Gelbe vom Ei war”, ließ der neue Trainer Oliver Glasner nach verpatztem Debüt Milde walten. Der Österreicher konnte dennoch einige Erkenntnisse sammeln.  

System mit Viererkette braucht noch Übung 

Unter den Vorgängern Niko Kovac und Adi Hütter hat die Eintracht im Normalfall mit einer Dreierkette, die im Spiel gegen den Ball zur Fünferkette wurde, agiert. Glasner versuchte in seinen ersten beiden Wochen nun die Viererkette einzustudieren. Dafür sprach er bei den Übungseinheiten auffällig oft mit seinen Defensivspielern, vor allem Evan N’Dicka bekam in Einzelgesprächen Inhalte vermittelt. Der Franzose lief in der Innenverteidigung auf und versuchte zu dirigieren.

Nicht alles gelang N'Dicka dabei, gegen den SVWW gab es noch Abstimmungs- und Positionsprobleme. Allerdings fehlten mit Tuta (Quarantäne), Martin Hinteregger (EM-Urlaub) oder Sebastian Rode (pausierte angeschlagen) zentrale Spieler, die dem Gebilde Halt gaben. Unverändert gut und in prima Frühform präsentierte sich Makoto Hasebe, der auch mit seinen 37 Jahren weiter ein Fixpunkt bei der Eintracht bleiben wird. 

Kostic als Linksverteidiger bleibt wohl die Ausnahme 

Der Linksverteidiger in den ersten 45 Minuten gegen Wehen Wiesbaden war überraschend Filip Kostic. Es war ein Wunsch des Serben, wie der Trainer verriet: “Filip ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass er gerne einmal hinten links spielen würde. Da habe ich ihm geantwortet: ‘Ja klar, das schauen wir uns an.’ Danach haben wir das auch trainiert.”  

Kostic verhielt sich in dieser Rolle taktisch diszipliniert, mit seinem Tempo lief er viele Gegenspieler ab. Doch seine große Stärke, dieser unbändige Zug nach vorne, ging ihm völlig ab. Mit Ausnahme von zwei bis drei Vorstößen, wie vor dem Führungstor, hielt er sich nur selten in der gegnerischen Hälfte auf. Ein Modell mit Zukunft? Eher weniger. “Ich bin froh, dass wir es probiert haben. Es gibt ein paar Erkenntnisse. Aber in der Formation, die wir gespielt haben, werden wir wahrscheinlich nicht mehr auflaufen”, erklärte Glasner. 

Akman lässt aufhorchen 

Es lief die 32. Minute, als "Schlitzohr" Ali Akman freigespielt wurde und mit einer blitzartigen Bewegung den Elfmeter zur Führung herausholte. Der erst 19 Jahre alte Türke fand nach vorsichtigem Start minütlich besser in die Partie, mit seiner Agilität und Ballsicherheit stellte er die Abwehr des SVWW immer wieder vor Probleme. “Er hat ein gutes Spielverständnis, einen guten ersten Kontakt in seiner Bewegung. Ali sucht die Abschlüsse. Er ist ein Spieler mit Potenzial”, fand Glasner lobende Worte.  

Ob sich Akman bereits im ersten Jahr in der Bundesliga behaupten könnte, ist noch mit einem Fragezeichen versehen. Doch in Ansätzen ist zu erkennen, wie das Scoutingteam der Eintracht auf ihn stoßen konnte. Akman bringt ein gesundes Selbstvertrauen mit, die technischen Fähigkeiten sind sichtbar. Konditionell und körperlich muss er noch zulegen, zudem sind die Innenverteidiger in Deutschlands Eliteliga noch ein bis zwei Klassen höher als die Wiesbadener anzusiedeln. Doch Glasners Worte sind eine echte Wertschätzung, Akmans Auftritt macht Lust auf mehr. 

Routiniers enttäuschen im zweiten Durchgang 

Im zweiten Durchgang drehte der SVWW die Partie gegen eine komplett durchgewechselte Eintracht. Bis auf Torhüter Diant Ramaj und Nachwuchsspieler Muhammed Damar blieben alle Akteure in der Kabine. Mit Ausnahme von Timothy Chandler, Dejan Joveljic, Neuzugang Christopher Lenz und Goncalo Paciencia standen Spieler auf dem Feld, die in der kommenden Saison wohl in der U17 und U19 aktiv sein werden.

Doch das Profi-Quartett konnte den Talenten keinen Halt geben. Chandler diskutierte vor dem Ausgleichstreffer, statt sich auf die Abwehrarbeit zu konzentrieren. Joveljic lief viel, kam aber nicht in Abschlusssituationen. Paciencia fiel nur bei einem Torschuss auf, er wirkte pomadig und war wie abgeschnitten von der Ballzufuhr. Und Lenz hatte auf der linken Seite ebenfalls keine Bindung, wirkte teilweise auf verlorenem Posten. “Es waren zehn Spieler dabei, die ihren ersten Einsatz für die Eintracht hatten. Sieben bis acht Jungs haben überhaupt das erste Mal im Erwachsenenbereich Fußball gespielt. Unter diesen Gesichtspunkten bewerte ich das Spiel nicht so kritisch”, sagte Glasner zwar. Doch dem 46-Jährigen werden vor allem die zweiten 45 Minuten so nicht gefallen können. 

Ein (zu) großer Schritt für die Jugendspieler 

Die Namen Moritz Maurer, Dzanan Mehicevic, Jan Schröder oder Fynn Otto wird man so schnell bei den Profis in der Bundesliga nicht auf dem Feld sehen. Die eingespielte Truppe aus Wiesbaden ließ den Talenten keine Chancen und kaufte ihnen mit körperlicher Robustheit den Schneid ab. Da Führung, Halt und Kommunikation fehlten, wirkte das Spiel der Eintracht vogelwild. War der erste Durchgang mit Blick auf Systematik und Pressing schon nicht überragend (aber noch ordentlich), so verlief die zweite Halbzeit gänzlich enttäuschend.  

Eine Ausnahme war der erst 16 Jahre alte Finne Luka Hyryläinen. “Er war am Anschlag, aber Luka hat das sehr ordentlich gemacht”, sagte Glasner trotzdem. Zwar machte auch er Fehler im Zentrum, hielt den Ball zu lange oder ließ sich im Zweikampf abkochen. Aber in Ansätzen waren Qualitäten zu erkennen, Hyryläinen versteckte sich nicht und löste einige knifflige Situationen stark auf.

Generell sei es für die jungen Spieler, so Glasner, “gut, dass sie bei der Eintracht” ankommen könnten. Doch der Weg nach ganz oben ist noch weit. Wenn peu á peu die Nationalspieler wie Daichi Kamada, Martin Hinteregger, Djibril Sow, Kevin Trapp oder Stefan Ilsanker zurückkehren und Neuzugang Rafael Borré ankommt, wird sich die Lage auf dem Trainingsplatz anders darstellen. Otto, Maurer und Co. werden sich ihr Rüstzeug zunächst am Riederwald draufpacken müssen. 

Lenz fordert: "Müssen eine Schippe drauflegen"

Allerdings zeigt der Blick auf andere Plätze, dass Partien gegen Zweit– und Drittligisten, die in zwei Wochen in die Saison starten, schwierig sind. Der 1. FC Köln (1:1 gegen den MSV Duisburg), VfL Wolfsburg (0:3 gegen Rostock) oder Borussia Mönchengladbach (2:2 gegen Viktoria Köln) kamen ebenfalls nicht zu Siegen und taten sich schwer. Glasner wollte auch keinen falschen Eindruck aufkommen lassen: “Mit einer Niederlage bin ich nie zufrieden. Man hat gesehen, dass wir in sehr vielen Bereichen noch Luft nach oben haben. Deswegen gibt es schon noch einige Sachen, die wir verbessern wollen und werden.”

Neuzugang Lenz wurde noch deutlicher: "Wir sollten uns klarmachen, dass wir alle noch eine Schippe drauflegen. Wir müssen in jeder Hinsicht zulegen." Und doch gilt es, die richtige Mixtur in der Aufarbeitung zu finden, weiter an den Schwächen zu arbeiten und dabei die Spielidee zu vermitteln.