Eintracht-Präsident Peter Fischer

In Teil 1 des Interviews mit Peter Fischer erklärt der Eintracht-Präsident, was er vom Abraham-Check gegen Christian Streich hält, was er aus seiner "Das Stadion muss brennen"-Aussage gelernt hat und welche Niederlage ihn heute noch schmerzt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eintracht-Präsident Fischer: "Das sind meine Highlights 2019"

Eintracht-Präsident Peter Fischer.
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hessenschau.de: Herr Fischer, im vergangenen Jahr haben wir über den Pokalsieg gesprochen, über magische Europa-League-Nächte, über Gänsehaut. Bis auf den Pokalsieg gab es all das auch in diesem Jahr. Welcher Moment ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Peter Fischer: Fußballergebnisse kann ich mir nicht merken, bei Momenten ist das anders. Ein unglaublich bleibender Moment war der 14. März. An dem Tag habe ich Geburtstag und wir haben in Mailand gegen Inter gespielt. Man kann man noch so abgebrüht sein, aber wenn 15.000 Menschen auf dem größten und schönsten Platz in Mailand "Happy Birthday" singen - und nach dem Spiel noch einmal im Stadion – dann bekomme ich schon weiche Knie und glasige Augen. Dass ich meinen Geburtstag dort, in der großen Eintracht-Familie, feiern durfte, das ist für mich ein absolutes Highlight.

Schauen wir darauf, wie das Jahr begonnen hat: mit einem Spiel gegen Flamengo de Rio de Janeiro, ein Testspiel in den USA.

Über die Niederlage bin ich immer noch sauer. Die Mutter meines Sohnes ist Brasilianerin. Sie und die ganze Familie sind Fans von Flamengo. Seit Jahren scherzen wir darüber, und als wir dann gegen Flamengo spielen, verlieren wir - obwohl wir nur auf ein Tor gespielt haben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der große Eintracht-Jahresrückblick 2019

Imago Eintracht Jubel Hertha
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Die Eintracht hat das Spiel verloren, Kapitän David Abraham ist nach einer Tätlichkeit vom Platz gestellt worden. Weit weniger spektakulär als im November im Spiel gegen Freiburg als er SC-Trainer Christian Streich mit einem Bodycheck von den Füßen geholt hat. Die Mannschaft und der Club stellten sich daraufhin schützend vor Abraham. Wie haben Sie die Situation empfunden?

Meiner Meinung nach wurde die Situation medial überbewertet und ziemlich ausgeschlachtet. David Abraham und Christian Streich haben es zeitnah aus der Welt geschafft. Wir müssen nicht darüber sprechen, dass es ein Unding ist, einen Trainer umzurennen, und dass das mit einer Sperre und auch mit einer Geldstrafe vom Verein sanktioniert gehört, aber: Es ist am Ende nichts passiert, das ist wichtig. Ich kenne David gut, er ist Familienvater, wir reden oft, es tat ihm leid und er hat sich dafür entschuldigt.

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Aber haben Profi-Fußballer nicht auch eine Vorbildfunktion für all die, die in der Kreisliga spielen, oder für die Kinder auf den Bolzplätzen?

Alle Personen, die eine Präsenz in der Öffentlichkeit haben, haben eine Vorbildfunktion. Das fängt mit Priestern in der katholischen Kirche an und hört mit Politikern auf. Ich tue mich mit einer generalistischen Vorbildfunktion schwer, weil Vorbilder in meiner Generation keine Rolle gespielt haben. Ich finde es fürchterlich schlimm, wenn es Gewalt gibt – egal ob gegen Schiedsrichter oder Gegenspieler, aber dass die Bundesliga dafür herhalten muss, was in den unteren Ligen passiert, ist mir zu einfach. Ich erlebe diese Verrohung selbst auch, mein Sohn spielt bei Makkabi Frankfurt (Teil des größten jüdischen Sportverbands in Deutschland; Anm. d. Red.) und es gibt im Amateurbereich öfter Beschimpfungen. Ich sage dann auch schon mal was, weil es mich stört und ich diese Verrohung fürchte. Deshalb müssen wir die schrecklichen Dinge, Gewalt, sanktionieren. Aber: Rempeleien, Fouls - das wird es im Sport immer geben.

Sie haben die Verrohung angesprochen. Die Grenzen des Sagbaren, aber auch dessen, was Menschen tun, haben sich in diesem Jahr verschoben. Antisemitische Beschimpfungen und Übergriffe gibt es beinahe an jedem Wochenende und in jeder Liga. Wie sehr sorgt Sie diese Entwicklung?

Es ist schockierend. Da passieren Dinge, dafür fehlt selbst mir der Wortschatz. Diese Dinge passieren nicht nur im Fußball, sie passieren überall. Auf einem Sportplatz oder im Stadion hat das ein Stück mehr Öffentlichkeit. Wir haben Leute des Stadions verwiesen, die den israelischen Schiedsrichter bei unserem Heimspiel gegen Straßburg beschimpft haben. Es gab deswegen jetzt auch den ersten Vereinsausschluss. Eintracht Frankfurt zeigt in Hinblick auf Antisemitismus eine klare Kante. Aber auf das, was auf Plätzen in unteren Ligen passiert, haben wir eben keinen unmittelbaren Einfluss.

Würden Sie sich wünschen, dass genau dort mehr Menschen ihre Stimme erheben?

Ich kann nur jeden dazu auffordern, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen Ausgrenzung einzusetzen. Und dabei zu helfen, all diejenigen, die ausgrenzen, zu identifizieren. Das ist für mich keine Frage von Zivilcourage. Das muss zur Normalität in unserer Gesellschaft gehören.

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zum hr3.de Video Peter Fischer über Toleranz

Peter Fischer im Interview mit der hr3 Morningshow
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Es gab in diesem Jahr aber auch positive Schlagzeilen, zum Beispiel: "Wenn die Büffelherde die Muskeln spielen lässt." Wie sehr hat sie die eiskalte Effizienz der Sturmreihe um Luka Jovic nach der Winterpause beeindruckt?

Beeindruckt hat mich, dass ein großer Verein wie Real Madrid, einen Spieler von Eintracht Frankfurt unbedingt haben will. Wenn mir das jemand vor einem Jahr erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Mich hat das mit Stolz erfüllt. Mit Sébastien Haller, der bei West Ham United in der Premier League spielt und Ante Rebic, der nach Mailand gewechselt ist, gibt es zwei weitere große Vereine bzw. große Ligen. Das ist in der Geschichte von Eintracht Frankfurt schon ganz großes Kino. Wir werden immer ein Stück weit ein Ausbildungsverein sein, aber wir müssen unseren Platz in diesem System finden. Und wenn wir dann mit zwei Transfers rund einhundert Millionen Euro brutto erzielen, dann ist das eine unglaubliche Leistung.

Eine weitere Schlagzeile war ihre Aussage "Das Stadion muss brennen" vor dem Europa-League-Spiel gegen Donezk. Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte diese zum Anlass genommen, das Stadion durchsuchen zu lassen, in der Folge des Polizeieinsatzes haben die Fans eine Choreo abgesagt. Sie haben den Satz im Nachhinein relativiert. Hat Sie die Wucht dennoch überrascht?

Was ich gesagt habe, ist ein Stück weit Sprachgebrauch. Und wenn ich sage, 'Das wird die Hölle', dann sind übrigens auch keine Teufel auf dem Platz. Oder 'Wir müssen Gras fressen', dann besteht die Mannschaft auch nicht aus Wiederkäuern. Es war eine emotionale Äußerung von mir, unbedacht, das hat einigen als Vorwand dann ganz gut gepasst. Ich habe daraus gelernt. Ganz sicher hat nicht ein einziger Fan diesen Satz von mir als Aufforderung zum Zünden von Pyrotechnik verstanden. Wer das unterstellt, lebt auf einem anderen Planeten.

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Apropos Fans: Sie machen Vereine besonders, das gilt für die der Eintracht sicher im Speziellen. Es gab in diesem Jahr atemberaubende Choreos, scheinbar grenzenlose Unterstützung, aber eben auch Pyrotechnik, Randale und Proteste. Zuletzt in Mainz, wo es zudem einen verbalen Angriff auf Sebastian Rode gab. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Für mich ist das vollkommen unverständlich, auch wenn ich eine gewisse Toleranz gegenüber vielen Entwicklungen in der Fankultur habe. Da sorgen einige ganz wenige dafür, dass alle anderen ihrer Leidenschaft nicht mehr nachgehen können. Dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Eine bewusste Tat, ohne Reue, ohne Einsicht - und das innerhalb einer Familie. Das ist die Eintracht für mich, eine Familie.

Das heißt also, es gibt einen Austausch mit diesen Fans?

Natürlich gibt es den. Den werden wir immer aufrechthalten. 

Es gab aber nicht nur Kritik an den Fans, sondern auch von den Fans. Vor dem Spiel gegen Wolfsburg haben die Ultras mit einem großen Plakat vor dem "Hype" um die Eintracht gewarnt, vor allzu großer Kommerzialisierung. Ist diese Kritik berechtigt?

Wir haben eine riesige Zahl an Unterstützern und Fans, die nicht nur aus Hype zur Eintracht gehen und Mitglieder sind. Ich sehe da kein Problem, weil alle Verantwortlichen wissen, dass dieser Klub eine einzigartige Kultur hat, die man auch bewahren muss.

Das Interview führte Ann-Kathrin Rose

Den zweiten Teil des Gesprächs lesen Sie am 31.12.2019.